Wie wird Polen in ein paar Jahrzehnten aussehen? Wie ein Land, dessen Wirtschaft in der europäischen Politik nur wenig Gewicht hat und in dem man eher Rentnern auf Parkbänken als sorglosen Kindern begegnet.

Dieses Jahr zeigt wahrscheinlich einen traurigen Rekord für das Bevölkerungswachstum in Polen. Den Daten des zentralen Amts für Statistik (GUS) zufolge verzeichnete das Land im ersten Halbjahr 2013 183.000 Geburten im Vergleich zu 202.000 Sterbefällen. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, dann verringert sich die polnische Bevölkerung dieses Jahr um knapp 40.000 Menschen – das entspricht einer Stadt der Größe von Sopot.

Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass das Bevölkerungswachstum negative Zahlen aufweist. In den Jahren von 2002 bis 2005 war es ebenso. Doch heute ist die Lage besonders besorgniserregend. Bis jetzt war der höchste Bevölkerungsrückgang seit dem Zweiten Weltkrieg derjenige von 2003, als sich die Einwohnerzahl um 14.000 Personen verringerte.

178.000 mehr Sterbefälle als Geburten

Das Bevölkerungswachstum um 1500 Personen, das letztes Jahr verzeichnet wurde, wird sich in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht wiederholen, sogar in den kommenden Jahrzehnten nicht. Den Voraussagen des GUS zufolge wird es im Jahr 2025 110.000 mehr Sterbefälle als Geburten geben, 178.000 im Jahr 2035. Insgesamt wird die Bevölkerung unseres Landes bis 2035 um 2,5 Millionen Einwohner zurückgegangen sein. Das ist, als würde man die ganze Region Łódź von der Landkarte streichen.

Wir werden immer weniger und immer älter sein. Heute schon machen die 30- bis 40-Jährigen die größte Altersgruppe des Landes aus; es gibt mehr Menschen zwischen 50 und 60 als Kinder unter zehn

Wir werden immer weniger und immer älter sein. Heute schon machen die 30- bis 40-Jährigen die größte Altersgruppe des Landes aus; es gibt mehr Menschen zwischen 50 und 60 als Kinder unter zehn. Ende des kommenden Jahrzehnts werden die 40- bis 50-Jährigen die Gesellschaft beherrschen und die 70- bis 80-Jährigen werden den Teenagern zahlenmäßig überlegen sein. 2035 wird jede zweite Frau in Polen über 50 und jeder zweite Mann über 46 sein.

Probleme für das Rentensystem

Obwohl die Anzahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter – das heißt Frauen von 18 bis 59 und Männer von 18 bis 64 – in den kommenden Jahren auf demselben Stand bleiben dürfte, sind die Zukunftsaussichten nicht gerade erfreulich. Der prozentuale Anteil der Menschen, die noch nicht auf dem Arbeitsmarkt sind, sinkt nach und nach. Unterdessen steigt der Anteil derer, die ihn bereits verlassen haben. Langfristig wird dies mindestens zwei Probleme aufwerfen: den Mangel an Arbeitskräften und vor allem die Aufrechterhaltung des Rentensystems.

Das Altern der Bevölkerung wird zahlreiche Änderungen in der Organisation unserer Gesellschaft erfordern. Es werden weniger Vorschulen und Grundschulen benötigt werden, dafür mehr öffentliche Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser, in welchen die Fachgebiete der Zukunft nicht in der Pädiatrie, sondern in der Geriatrie liegen.

Mit der Altenpflege wird man leichter seinen Lebensunterhalt verdienen als mit der Kinderbetreuung

Mit der Altenpflege wird man leichter seinen Lebensunterhalt verdienen als mit der Kinderbetreuung. Wirtschaftssektoren wie die Produktion medizinischer Geräte oder Kuraufenthalte und Seniorentourismus haben ein großes Entwicklungspotential. Wenn der Großteil der Bevölkerung seine Kinder aufgezogen hat – oder erst gar keine gehabt hat –, wird er in der Lage sein, seine eigenen Konsumbedürfnisse besser zu befriedigen.

Veränderungen auch in der Politik

Die Programme der politischen Parteien werden sich ebenfalls ändern. Anstatt uns eine langfristige Sicht zu geben – ohnehin nicht die Stärke unserer Parteien – oder von großen Investitionen für die Zukunft zu sprechen, werden sich unsere Politiker damit begnügen, die unmittelbaren Probleme der Senioren zu behandeln, wie Gesundheits- oder Rentenbelange.

Die demografischen Wandlungsprozesse werden auch das Gleichgewicht der Macht innerhalb der Europäischen Union beeinflussen, denn eines der Kriterien im Wahlsystem der EU ist die Größe der Landesbevölkerung. Polen wird nicht das einzige betroffene Land sein, doch es wird zweifellos zur Gruppe der großen Verlierer gehören.

Man braucht Polen nur mit Spanien zu vergleichen: 1990 war die Bevölkerung der beiden Länder fast identisch (38 Millionen Einwohner in Polen, 38,8 Millionen in Spanien). Den Vorhersagen der UNO gemäß wird Polen im Jahr 2050 jedoch nur noch 34 Millionen Einwohner zählen, Spanien dagegen 48 Millionen.