Vor exakt 10 Jahren, im Jahr 2003, trat ich in Undercover-Mission im Menschenhandel meine „Reise“ an: von Afrika nach Europa, über den Senegal, Mali, den Niger, Libyen, Algerien, Tunesien – und schließlich Lampedusa. Ich hatte beschlossen, zu Bilal (so der falsche Name, den ich angenommen hatte) zu werden, als ich die aus dem Hubschrauber aufgenommenen Fotos von Leichen sah, die bäuchlings im Mittelmeer trieben, aufgequollen wie Kissen, die Arme zu einer nicht erwiderten Umarmung ausgebreitet. Ein Schiffsunglück, eines von vielen, vor Kerkennah, der berühmten tunesischen Insel: 41 Überlebende, 12 geborgene Leichen, 197 Vermisste. Zehn Jahre sind seither vergangen, und für unzählige weitere Menschen ist ihr Leben gleichsam in diesem Foto-„Standbild“ erstarrt: bäuchlings im Meer treibend, mit aufgequollenem Körper und ausgebreiteten Armen.

In diesen Mittelmeergewässern wurden laut der Website von Fortress Europe seit 1994 6825 Leichen geborgen, 2352 davon allein im Jahr 2011. Für die gesamte europäische Grenze von den Kanarischen Inseln bis zur Türkei beläuft sich die Opferbilanz seit 1998 bereits auf 19.142 Tote.

In den Händen der Schleppermafia

Der größte Hohn an all dem: All diese Menschen sind bloß wegen zwei Stück Karton mit etwas Papier dazwischen gestorben – wegen eines Passes. Als ich in übervollen Lastwägen die Sahara durchquerte oder wie Bilal in einem Lager für sogenannte illegale Einwanderer in Gefangenschaft war, wurde mir klar, welch außergewöhnliches und „teuflisches“ Instrument ein Pass sein kann. Wer den richtigen hat, kommt über die Grenze und gehört zu den Geretteten, wer den falschen hat, muss sich den Händen der Schleppermafia anvertrauen und gehört zu den „Untergegangenen“. Doch kann man für zwei so kleine Stück Karton mit einer Handvoll Seiten dazwischen zulassen, dass junge Menschen, Frauen, Kinder und ihre Väter sterben?

In den letzten Jahren hat die Europäische Union hunderte Millionen Euro für die Stärkung der Grenzen durch seine Grenzschutzpolizei „Frontex Europe“ ausgegeben

In den letzten Jahren hat die Europäische Union hunderte Millionen Euro für die Stärkung der Grenzen durch seine Grenzschutzpolizei „Frontex Europe“ ausgegeben. In dieser Sache haben die Mitgliedsstaaten ohne Probleme eine Einigung erzielt. Doch für die Umsetzung der Flüchtlingskonventionen, die oft nicht erfolgte verpflichtende Rettung in Seenot und die Einwanderungsgesetze wurde nichts oder fast nichts ausgegeben, und jeder Staat bleibt sich selbst überlassen.

Da es also absolut kein gemeinsames Projekt für die vielen tausend Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Somalia und anderen Ländern gibt, und auch keine humanitären Korridore in einem Gebiet errichtet werden, das sich von den Gefangenenlagern in Libyen bis zu den Flüchtlingslagern in der Türkei erstreckt, sind paradoxerweise die Schleppermafias zur einzigen internationalen Agentur geworden, die einen Ausweg bieten kann. Die Tragödien den mit unzähligen Toten sind die Folge.

Lampedusa ist nicht Europa

Trotz alledem erhielt die Europäische Union 2012, vor knapp einem Jahr, den Friedensnobelpreis. Daher war es mir angesichts der Bilder von abermals im Wasser treibenden Leichen ein Bedürfnis, das Schweigen zu brechen und auf der Website der italienischen Wochenzeitschrift L'Espresso, für die ich arbeite, eine Unterschriftensammlung zu starten, um den Friedensnobelpreis vielleicht schon 2014 an die tausenden „Geretteten und Untergegangen“ [in Anspielung auf den Roman „Die Untergegangen und die Geretteten“ des italienischen KZ-Überlebenden Primo Levi, Anm. d. Ü], die vor dem Krieg geflohen waren.

Da der Nobelpreis für Gewöhnlich nicht an im Meer Vermisste vergeben wird, schlage ich vor, ihn im Namen der Toten und Überlebenden der kleinen Gemeinde Lampedusa und ihren Bewohnern zu verleihen

Da der Nobelpreis für Gewöhnlich nicht an im Meer Vermisste vergeben wird, schlage ich vor, ihn im Namen der Toten und Überlebenden der kleinen Gemeinde Lampedusa und ihren Bewohnern zu verleihen, die ohne Unterlass Überlebende an Land gebracht und Tote aus dem Meer geborgen hat. Lampedusa ist nicht der italienische Staat, wo ein absurdes Gesetz gilt, gemäß dem den 155 Überlebenden der jüngsten Tragödie [wegen illegaler Einwanderung] der Prozess gemacht werden soll. Lampedusa ist auch nicht Europa, denn geographisch betrachtet liegt von dort aus Afrika näher. Lampedusa ist die erste echte und symbolische Grenze zwischen uns, den Beobachtern, und den Geschicken all jener Männer, Frauen und Kinder, die sich an den Felsen der Küste festklammern und uns um Hilfe bitten. Lampedusa und seine 6000 Einwohner haben in diesem tragischen Jahrzehnt noch nie die Vernunft und den gesunden Menschenverstand verloren, der keinen Unterschied zwischen Staatsbürgern und Flüchtlingen macht.

Die Mauer des Schweigens brechen

Ich habe das am eigenen Leib erlebt. In der Nacht vom 23. auf den 24. September 2005, [als ich mich für meinen Bericht ins Wasser gestürzt hatte und tat, als sei ich ein Flüchtling]. Ein mir unbekannter Mann, der auch mich nicht kannte, sah, dass ich im Meer trieb. Er half mir an Land und legte mich auf die Felsen. Er zog sein T-Shirt aus und legte es mir auf die Brust. Ich zitterte noch immer [vor Kälte]. Also legte er sich ganz auf mich – und er war schwer! So wärmte er mich, ohne zu wissen, wer ich war. Ich war schmutzig, hatte mich monatelang nicht rasiert, war vielleicht krank, womöglich ansteckend. Nach meinem Bericht und nach Erscheinen meines Buches habe ich ihn wiedergetroffen. Massimo Costanza ist kein Berufshelfer. Er ist Elektriker, hat Frau und Kinder. Ein ganz normaler Mensch.

Der Friedensnobelpreis hat seine Daseinsberechtigung. Wäre er nicht an Aung San Suu Kyi vergeben worden, hätten wahrscheinlich nur sehr wenige von der Diktatur in Myanmar erfahren. Daher ist diese Petition zu unterstützen: um die Mauer des Schweigens zu brechen, und damit die ganze Welt erfährt, was an der Südgrenze der EU geschieht.