Geopolitik: Mitteleuropa braucht Freunde

8. Dezember 2010 – Lidové noviny (Prag)

Auch wenn die EU eine noch nie dagewesene Krise durchmacht, so hat sie Mitteleuropa doch friedliche Jahre ermöglicht. Um die Kriegsverletzungen des 20. Jahrhunderts endgültig zu überwinden, ist es an der Zeit, sich mit den sperrigen deutschen und russischen Nachbarn zu versöhnen.

Heute mag das ziemlich unwahrscheinlich klingen, aber es könnte tatsächlich sein, dass die Europäische Union eines Tages verschwindet. Die momentane Krise ist die schwerste, die sie seit ihrer Gründung erlebt hat. Seit den 1970er Jahren war das wirtschaftliche Klima nie so angespannt. Und seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Aussichten nie so niederdrückend. Und selbst wenn der derzeit von allen Seiten zu beobachtende Hang zu Reibereien nicht allein von Prag ausgeht, so trägt die tschechische Hauptstadt jedoch maßgeblich dazu bei. Je mehr die Europäische Union an Zusammenhalt verliert, desto gewichtiger werden sie.

Das Verschwinden des Euros ist in der Tschechischen Republik fast schon zum Scherz geworden. Und das bedeutet nichts anderes als das Ende der EU. Zumindest so, wie wir sie heute kennen. Hinzukommt, dass die USA gerade dabei sind, ihren Status als weltweite Supermacht zu verlieren. Sie haben weder die Kraft noch die Lust, ihre schützende Hand weiterhin über Europa zu halten. Dem Beispiel der Europäischen Union folgend, scheint die NATO für immer und ewig zu existieren. Aber gewiss ist auch das nur ein Hirngespinst.

Eingeklemmt zwischen alten Traumata

In dem Moment, in dem die EU und die NATO verschwinden, verlieren wir unsere zwei wichtigsten Bezugspunkte. Mitteleuropa wird dann erneut ein zwischen Deutschland und Russland eingeklemmter geopolitischer Raum sein. Jedoch hat Zentraleuropa noch immer nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen. Vielmehr grübelt es weiterhin über die Ungerechtigkeiten und die Entschuldigungen für die Verbrechen nach, deren es Zeuge geworden ist. Tatsächlich ist es ihm nicht gelungen, die Traumata des Zweiten (und sicher auch des Ersten) Weltkrieges zu überwinden.

Es reicht schon aus, ins Riesengebirge zu schauen. Zu einem Staatsbesuch reisten dorthin kürzlich der russische und der deutsche Präsident (Dmitri Medwedew und Christian Wulff). Medwedews Besuch hatte vor allem zum Ziel, der Tragödie von Katyn zu gedenken, in der 1940 zehntausende polnische Offiziere ermordet wurden. Zu diesem Anlass entschuldigte sich das russische Parlament und überreichte Polen neue Archiv-Dokumente zu den getöteten Soldaten und ihren Mördern.

Ein „Airbag“ gegen diplomatische Krisen

Der deutsche Präsident reiste seinerseits in die polnische Hauptstadt, um vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos an den 40. Jahrestag der historischen Geste von Kanzler Willy Brandt zu erinnern. Genau dort hatte er sich niedergekniet. Dank dieser Geste konnten die bis dahin eiskalten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem kommunistischen Polen wieder aufgenommen werden.

Anlässlich ihres Treffens am 6. Dezember entschieden der polnische Regierungschef Donald Tusk und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, ihre jeweiligen Außenminister damit zu beauftragen, eine deutsch-polnische Erklärung vorzubereiten. Ihr Vorbild: die vor mehr als zehn Jahren unterzeichnete Deutsch-Tschechische Erklärung (zu den Sudetendeutschen). Mithilfe dieses wahrhaftigen „Airbags“ bekam man auch die kleinste – durch eine unterschiedliche Interpretation der Vergangenheit ausgelöste – Krise zwischen Prag und Berlin in den Griff.

Plan B für den Fall des Verschwindens der EU

Dass dieses „Umgehen mit der Vergangenheit“ endlich möglich ist und dass dies genau jetzt geschieht – in dem Moment, in dem wir uns alle unter dem schützenden Schirm der EU befinden – ist selbstverständlich eine sehr gute Sache. Nur wenn wir die schicksalhaften Ereignisse des Zweiten Weltkrieges (der für die Tschechen mit dem Münchner Abkommen von 1938 begann) endgültig überwinden, werden wir ein Umfeld schaffen können, welches uns erlaubt, die Krisen zu überstehen, mit denen die EU konfrontiert werden könnte.

Kürzlich erklärte ein slowakischer Finanzberater, dass die Slowakei ein Programm ausarbeiten sollte, mithilfe dessen es mit einem eventuellen Zusammenbruch der Eurozone und der Wiedereinführung der slowakischen Krone fertig werden könnte. Gleichermaßen sollte auch Mitteleuropa in seinen Schubfächern einen Plan haben, falls die zwei größten Bezugspunkte unserer Welt (EU und NATO) verschwinden sollten.

Durch gemeinsames Gedenken mit Vergangenheit abschließen

Zunächst einmal sollten wir unsere Streitigkeiten beilegen: Indem wir damit beginnen, gemeinsam – und nicht jeder auf seiner Seite – den Kriegen und den anderen tragischen Ereignissen zu gedenken, die unsere Geschichte geprägt haben.

Wir können das vergangene Jahrhundert nicht „ad acta legen“, bevor nicht der polnische Regierungschef, die deutsche Kanzlerin und der russische Präsident gemeinsam Blumen auf den Seelower Höhen niedergelegt haben, um der letzten großen Schlacht vor dem Fall Berlins zu gedenken. Dann wird es keinen Sieger und keinen Besiegten mehr geben. Nur noch im Kampf gefallene Männer. Hoffen wir, dass dieser Moment kommen wird, bevor die schützende Hand der Europäischen Union über Zentraleuropa verschwindet. Dann wird es möglich sein, der Zukunft Mitteleuropas gelassener entgegenzusehen. (jh)

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