Schiefergas ist in Frankreich zum Gegenstand der tollkühnsten Phantasien geworden. Denn der US-amerikanischen Energiestatistik-Behörde EIA zufolge besitzt Frankreich beträchtliche Vorkommen an Schiefergas und –öl. Die Schätzungen belaufen sich auf 3 870 Milliarden Kubikmeter an Gas und 4,7 Milliarden Barrel an Öl. Das kommt knappen achtzig Verbrauchsjahren für Gas gleich und fast sechzig Jahren für Öl. Somit werden die wildesten Träume angeheizt. Die Franzosen sind nicht die einzigen, die sich ihren Träumen hingeben. Polen hofft darauf, seine Abhängigkeit von Russland zu reduzieren, Großbritannien möchte seine Ausfälle in der Nordsee kompensieren.

Die Schiefergas-Revolution

In der Tat hat dieses „unkonventionelle“ Erdgas und -öl in den USA eine Revolution ausgelöst. Zwischen 2005 und 2012 stieg die dortige Gasförderung um 33 % und die der Ölförderung um 28 %. Einer ganz neuen Studie der IHS Cera (Berater der Ölindustrie) zufolge, schuf der Boom im Jahre 2012 2,1 Millionen Arbeitsplätze (indirekte Arbeitsplätze inbegriffen) und erzeugte 75 Milliarden an Steuergeldern. Außerdem ließ er das Einkommen aller Haushalte um 1 200 Dollar ansteigen.

Dem Land kam der „Schieferöl und Schiefergas“-Effekt doppelt zu Gute: Die Wirtschaft profitierte nicht nur selbst von der Neubelebung der Ölindustrie, sondern auch von der unglaublichen Preissenkung aufgrund der steigenden Produktion. Der Preis wurde innerhalb von sechs Jahren vierfach billiger. Das ist natürlich ein wesentlicher Konkurrenzvorteil, vor allem für Industrien, die viel Energie verbrauchen. So wurde ein Phänomen der Neu-Industrialisierung in den USA in Gang gesetzt. Die energetische Unabhängigkeit des nordamerikanischen Kontinents bis zum Ende des Jahrzehnts gilt mittlerweile als plausible Hypothese.

Man kommt aber nicht umhin, festzustellen, dass Europa nicht Amerika ist. Selbst wenn man annähme, dass sich die Zweifel über die bei der Förderung entstehende Umweltverschmutzung als unwahr bestätigten und die benutzte Technologie, das berühmt-berüchtigte Fracking, überall autorisiert werden würde, könnte das Schiefergas in Europa keinen vergleichbaren Wirtschaftsstoß auslösen wie in Amerika. Die Diskussion hierüber wird regelmäßig von ihren Gegnern angeheizt, aber auch die industriellen Fachmänner für Öl und Gas stehen der Förderung kritisch gegenüber.

Es existiert keine seriöse Studie zu dem Thema

Es existiert keine seriöse Studie zu dem Thema. Die Aufgabe scheint ohnehin unmöglich, denn derzeit kennt niemand das tatsächliche Potential Europas. Die Schätzungen der US EIA oder anderer nationaler Behörden beziehen sich auf die Vorkommen, die aufgrund der Geologie mutmaßlich im Boden vorhanden sind und nicht auf die, die man tatsächlich zu akzeptablen Kosten fördern könnte.

Es ist aber selten der Fall, dass die Nutzungsquote höher als bei einigen Prozent liegt. Selbst wenn sie im Mittel 10 % erreichen würde – was sehr optimistisch ist – würde die potentielle Förderung von Schiefergas insgesamt keine 1 300 Milliarden Kubikmeter in Europa übersteigen. Das bedeutet für eine Produktion von fünfundzwanzig Jahren Dauer knappe 5% des jährlichen Verbrauchs in Europa. Dies ist natürlich eine sehr theoretische Rechnung, doch hilft sie, die Größenordnungen wieder zurechtzurücken. 2012 stellten die unkonventionellen Energievorkommen in den Vereinigten Staaten 56% des Verbrauchs.

Unsichere Aussichten auf Erfolg

In Europa kann man auch nicht mit der gleichen Schnelligkeit und demselben Entwicklungsausmaß der Produktion wie in den USA rechnen. Die außergewöhnlichen amerikanischen Bedingungen existieren einfach nicht in Europa: Das Vorhandensein einer immensen Gas- und Ölindustrie, zahlreiches Bohrmaterial, ein verzweigtes Pipeline-Netz, große leere Flächen, die es ermöglichten, innerhalb weniger Jahre 200 000 Schächte zu bohren. Der juristische Kontext spielte auch eine Rolle. Da die Bürger Besitzer ihres Untergrunds sind, schlagen sie einen finanziellen Vorteil daraus, direkt mit den Unternehmen zu verhandeln.

In Europa ist nicht nur die Infrastruktur begrenzt, sondern auch die lokalen Vorschriften sind schwieriger.

In Europa ist nicht nur die Infrastruktur begrenzt, sondern auch die lokalen Vorschriften sind schwieriger. Polen, das seit 2008 die Förderung begonnen hat, hat nur um die vierzig Schächte gebohrt. In Dänemark wurden die ersten Bohrungen um ein Jahr verschoben, um vorerst genaue Studien über den Einfluss auf die Umwelt durchzuführen. Das gleiche gilt für das Vereinigte Königreich. „In Europa liegen mindestens zehn Jahre zwischen dem Start einer Bohrung und dem Beginn ihrer Produktion. In den USA liegen nur drei Jahre dazwischen“, so die Prognose eines Industriellen. „Außerdem muss man sicherlich die zeitgleichen Bohrungen aus Gründen der Akzeptanz in ein und demselben Gebiet begrenzen.” Einer vor kurzem erschienen Studie der Bloomberg Energy Finance zufolge seien die Produktionskosten im Vereinigten Königreich um 50 % bis 100 % höher als in den Vereinigten Staaten.

Weniger großangelegt und langwieriger sei die Produktion von Schiefergas und –öl in Europa kostenaufwändiger und mit Sicherheit unzureichend, um tatsächlich die Energiepreise zu senken oder Europas Abhängigkeit zu verringern. Selbst wenn es Frankreich gelänge, 30 % seines Gasverbrauchs zu produzieren, würden damit seine Energiekosten nur um 3 bis 4 Milliarden pro Jahr gedrückt. Im Jahr 2012 beliefen sich die Gesamtkosten Frankreichs auf 70 Milliarden.

Auch die Auswirkung auf die Arbeitswelt sei begrenzt. Die kärglichen Schätzungen zu diesem Thema von der Kanzlei SIA Conseil in Frankreich oder Poÿry in Großbritannien konnten das amerikanische Phänomen nur hochrechnen, indem sie sich auf die Zahl der Arbeitsplätze pro Milliarde geförderter Kubikmeter oder der Zahl der Bohrschächte bezogen. Mit diesen Rechnungen kommt man höchstens auf einige zehntausend Arbeitsplätze pro Land. Das ist natürlich in der heutigen Zeit nicht unbedeutend. Dennoch macht es aus dem Schiefergas kein Patentmittel, um Europa aus der Krise zu befördern.