Der durchschlagende Erfolg von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie weist darauf hin, dass die Amerikaner im Bereich der zeitgenössischen übersetzten Literatur zumindest schon einmal gewillt sind, skandinavische Krimis zu lesen. Doch bis Werke aus anderen Regionen und anderen Genres bei großen US-Verlagen und beim amerikanischen Leser Interesse hervorrufen, bleiben noch etliche Klippen zu erklimmen.

Das „Drei-Prozent-Problem“

Bei ausländischen Kulturinstituten und Verlegern ist die traditionelle amerikanische Aversion gegen übersetzte Literatur als das „Drei-Prozent-Problem“ bekannt. Doch heute nehmen ausländische Regierungen und Stiftungen, insbesondere aus den europäischen Randgebieten, die Dinge selbst in die Hand und stürzen sich ins amerikanische Verlagsgetümmel, in der Hoffnung, ihren winzigen Anteil am US-Buchmarkt – die berühmten drei Prozent – zu steigern.

Die Kampagne beschränkt sich auch nicht mehr auf weit verbreitete Sprachen wie Französisch und Deutsch. Von Rumänien über Katalonien bis zu Island subventionieren Kulturinstitute und -büros die Veröffentlichung von Büchern in englischer Übersetzung, wobei sie unter anderem die Ausbildung von Übersetzern bezuschussen. Weiter ermutigen sie ihre Autoren dazu, in den Vereinigten Staaten auf Promotionstour zu gehen, sich den früher oft verpönten amerikanischen Marketing- und Publicitymethoden zu unterwerfen und existierende Nischen in der Verlagsindustrie zu nutzen.

„Wir haben uns das als strategisches Ziel gesetzt. Langfristig wollen wir den Durchbruch am amerikanischen Markt erreichen“, erklärt Corina Suteu, die Sprecherin des Europäischen Kulturinstituts in New York und Direktorin des Rumänischen Kulturinstituts. „Für die Nationen in Europa, ganz gleich ob sie klein oder groß sind, wird die Literatur immer einen Schlüssel zu ihrer kulturellen Existenz darstellen. Wir haben erkannt, das dies der einzige Weg ist, auf dem wir diese Literatur in den Vereinigten Staaten präsent machen können.“

Ausländische Literatur, nicht nur aus Deutschland und Frankreich

So begann zum Beispiel Dalkey Archive Press, ein kleiner, seit über 25 Jahren auf Übersetzungen spezialisierter Verlag in Illinois, dieses Jahr mit einer slowenischen Literaturreihe, die von offiziellen Stellen in Slowenien gefördert wird. Das erste Buch in dieser Reihe, „Nekropolis“ von Boris Pahor, ist ein beeindruckender Bericht über die Todeslager im Zweiten Weltkrieg, der mit den besten Werken von Elie Wiesel und Primo Levi verglichen wird. Dalkey wird auch bald ähnliche Reihen mit hebräischen und katalanischen Werken sowie mit Büchern aus der Schweiz starten. In jedem dieser Fälle subventioniert ein Büro im Ursprungsland die Veröffentlichung und beteiligt sich auch finanziell an der PR-Arbeit und am Marketing innerhalb der USA – ein Aufwand, der sich pro Buch leicht auf 10.000 US-Dollar oder mehr belaufen kann.

Aufgrund ihrer begrenzten Budgets und ihres noch begrenzteren Zugangs zu den Mainstream-Medien sind die ausländischen Kulturbüros auch dazu übergegangen, bei der Verkaufsförderung für ihre Produkte das Internet als ihren Verbündeten zu betrachten. Open Letter, der Literaturverlag der Universität Rochester, gründete eine Website mit dem ironischen Titel „Three Percent“ (Drei Prozent), die auf Literatur in Übersetzung spezialisiert ist. Sie wurde zu einem regen Forum, in welchem nicht nur dieses Thema, sondern auch das Übersetzen als solches besprochen wird. Eine andere, 2003 gegründete Website, Words Without Borders, veröffentlicht übersetzte Bücher online und bietet eine Plattform, auf welcher Übersetzer Proben ihrer Arbeit vorstellen können und dadurch hoffen, das Interesse gewerblicher Verlage zu wecken.

Sogar der Buchhandelsriese Amazon.com hat sich auf dieses Feld begeben: mit AmazonCrossing, einem neuen Verlagsprogramm für Literatur in englischer Übersetzung. Als erstes Buch wurde im November der ursprünglich in französischer Sprache erschienene Roman „Le roi de Kahel“ (Der König von Kahel) des in Guinea geborenen Autors Tierno Monénembo veröffentlicht. Fünf weitere Titel – Romane, mit einer Ausnahme – sind bereits angekündigt.

Nichts für Mainstream-Verlage

Während manche unabhängige Verleger Amazons zunehmenden Einsatz und die Unterstützung der Literaturübersetzung begrüßen, bleiben andere wiederum äußerst misstrauisch. Im Oktober gab Dennis Loy Johnson vom Verlag Melville House seiner Empörung Ausdruck und wetterte gegen das, was er Amazons „räuberische, aggressive Methoden“ nannte: Es sei „für uns ganz offensichtlich, dass Amazons Interessen nicht mit denen einer gesunden Buchkultur vereinbar sind, egal ob elektronisch oder nicht“.

Staatlich oder regional geförderte Kulturinstitute wie etwa das Institut Ramon Llull, das sich für die Verbreitung der katalanischen Sprache und Kultur einsetzt, leisten ebenfalls finanzielle Zuschüsse zu Konferenzen und Büchern über das Übersetzen, andere übernehmen die Reisekosten amerikanischer Übersetzer in ihre Länder, um ihnen Kultur und Bevölkerung näherzubringen.

„Es ist diesen Leuten ganz klar, dass diese Art von Arbeit hier nur wenig gefördert wird und dass die Unterstützung von außerhalb [der Verlagsindustrie] kommen muss“, erklärt Esther Allen, ehemalige Direktorin des PEN Translation Fund. „Bei den Mainstream-Verlagen herrscht immer noch die tief verwurzelte Ansicht, dass der amerikanische Leser kein Interesse an Übersetzungen hat.“

Übersetzung aus dem Französischen von Patricia Lux-Martel