Für einen Großteil der Führungskräfte großer internationaler Unternehmen ist Polen vor allem das Land der billigen Arbeitskräfte und nicht das der innovativen Unternehmensmodelle. So sehen es die meisten Geschäftsführer multinationaler Konzerne, die kürzlich im Rahmen einer Studie darüber befragt wurden, was Polen ausländischen Investoren zu bieten hat.

Der amerikanische Milliardär und Amazon-Gründer, Jeff Bezos, der kürzlich nach Polen reiste, teilt diese Meinung sicherlich. Für den Internet-Verkaufsriesen ist Polen nur ein Reservoir mit über zwei Millionen Arbeitslosen, die bereit sind, zu arbeiten – dies nicht etwa für einen Mindestlohn, sondern als Zeitarbeiter im Stundenlohn, ein paar Wochen pro Jahr.

Amazon wird drei Logistikzentren in Polen eröffnen, mit jeweils 2000 festen Stellen und 3000 befristeten Arbeitsplätzen. „Wir freuen uns über Amazons Niederlassung in Polen. Die Schaffung mehrerer tausend neuer Arbeitsplätze ist ein wesentliches Element für unser Wirtschaftswachstum“, versicherte Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Janusz Piechociński.

Vollzeitbeschäftigung? Reine Fiktion

Viele Experten bezweifeln jedoch, ob das amerikanische Unternehmen so viel Applaus von Seiten Polens verdient. Steuerexperten zufolge wird Amazon nur wenig Steuern zahlen, denn die Logistikzentren generieren vor allem Kosten. Der rentabelste Teil des Unternehmens, nämlich der Warenverkauf, bleibt außerhalb Polens. Was die kostbaren Arbeitsplätze betrifft, so ist das reine Fiktion.

Es ist bekannt, dass Amazon nur eine Handvoll Leute in Vollzeit anstellt und alle anderen zu Minimallöhnen arbeiten lässt

Es ist bekannt, dass Amazon nur eine Handvoll Leute in Vollzeit anstellt und alle anderen zu Minimallöhnen arbeiten lässt. In Bad Hersfeld, dem größten Vertriebszentrum Amazons in Europa, in dem auch zahlreiche Polen beschäftigt sind, beträgt der Stundesatz rund neun Euro brutto, während der offizielle Mindestlohn leicht über acht Euro liegt. Sogar unqualifizierte deutsche Arbeitskräfte weigern sich, für so wenig Geld zu arbeiten, erklärt Jerzy Fulara, Leiter der Zeitarbeitsfirma Pracomania.pl, die seit Jahren auf dem deutschen Markt präsent ist und oft Mitarbeiter für Amazon anwirbt.

Auf die Frage nach den polnischen Löhnen, antwortete Amazon der Wprost, sie sollten im Vergleich zu den Löhnen im Logistiksektor „konkurrenzfähig“ sein. Jerzy Fulara erklärt, ein attraktiver Tarif bedeute zehn bis zwölf Zloty pro Stunde [unter drei Euro], also ein monatliches Einkommen nahe am Mindestlohn. „Ich bezweifle, dass es in der Nähe von Poznan oder Wroclaw Tausende von Menschen gibt, die bereit sind, für einen solchen Lohn zu arbeiten. Dieses Defizit wird wahrscheinlich durch Arbeiter aus anderen Regionen Polens ausgeglichen, die stärker unter der Arbeitslosigkeit leiden. Diese Leute werden eindeutig das Nachsehen haben, denn wenn man schon seine Heimat verlassen muss, um zu arbeiten, dann ist es deutlich einträglicher, die Saisonarbeit in Bad Hersfeld zu wählen“, versichert Jerzy Fulara.

„2014 in Polen investieren“

„Wir haben die höchste Arbeitslosenquote und die niedrigsten Löhne. Dadurch können wir den Investoren reiche Ressourcen an kostengünstigen Arbeitskräften bieten“

Wir verdienen unseren Ruf als die europäischen Hanswurste durchaus: „Wir haben die höchste Arbeitslosenquote und die niedrigsten Löhne. Dadurch können wir den Investoren reiche Ressourcen an kostengünstigen Arbeitskräften bieten“, rühmt sich die Region Ermland-Masuren in der offiziellen Broschüre „2014 in Polen investieren“. Die Hackett Group, eine auf die Reduzierung von Produktionskosten spezialisierte Dienstleistungsfirma, ist derselben Meinung. „Polen ist gleich nach China und Indien der beste Standort für Investments zur Reduzierung von Produktionskosten. Das kommt, weil die Kosten für lokale Arbeitskräfte hier noch etwa halb so hoch sind wie in Westeuropa oder in den USA“, heißt es in einem Bericht, den man nur schwer als Kompliment auffassen kann.

Mehr als 100.000 Polen arbeiten im Bereich des BPO (Business Process Outsourcing), also in ausgelagerten Servicezentren für Unternehmen, wie Callcentern, Buchführungsabteilungen ausländischer Banken oder EDV-Firmen. Dieses Tätigkeitsgebiet ist eine richtige polnische Spezialität, wie die 600 Personen beweisen, die in Krakau für den amerikanischen Finanzdienstleister State Street arbeiten. Unser Erfolg liegt darin, dass eine polnische Junior-Fachkraft bei gleichem Arbeitsplatz rund 100 Euro weniger verdient als ein Ungar und 75 Euro weniger als ein Tscheche.

„Eine Wettbewerbsfähigkeit, die nur auf Lohnkosten statt auf Innovation beruht – ist einer der Gründe, weshalb wir immer noch zur Kategorie der am schlechtesten bezahlten europäischen Bürger gehören“, fasst Ryszard Florek zusammen. Er ist Eigentümer der Firma Fakro, Hersteller von Dachfenstern, und einer der seltenen polnischen Unternehmer, die auf weltweiter Ebene tätig sind. „Billiglohnjobs sind unentbehrlich, doch sie tragen nicht zur Bereicherung der polnischen Gesellschaft bei. Die größten Gewinne werden von Unternehmen generiert, die in der Lage sind, innovative Produkte zu entwickeln und sie an ausländischen Märkten abzusetzen.“