Vom nordhessischen Universitätsstädtchen Marburg in den Luxusbadeort Cancún an der mexikanischen Karibikküste sind es etwa 8.600 Kilometer Luftlinie. Zwischen den beiden Orten liegen 12 Stunden Flugzeit und mehrere Welten. Aber eines haben sie in diesen Tagen gemeinsam: Die Frage, wie viel Freiheit oder Zwang nötig sind, um das Überleben auf dem Planeten zu sichern. Es ist die Frage, ob uns eine Öko-Diktatur droht.

In Marburg wird diese Frage aus strategischen Gründen gestellt. Die rot-grüne Stadtregierung dort hat die Hausbesitzer verpflichtet, bei einer Renovierung ihres Daches eine Solaranlage einzubauen. Die Maßnahme ist demokratisch legitimiert, mit Subventionen und Ausnahmen abgepolstert und stützt sich auf ein Gerichtsurteil. „Öko-Diktatur“ nennt die bürgerliche Opposition die Maßnahme, weil hier Hausbesitzer zu ihrem ökonomischen Glück und zu unserer ökologischen Zukunft gezwungen werden.

In Cancún dagegen wird die gleiche Frage aus strategischen Gründen nicht gestellt. Bei der UN-Klimakonferenzversuchen die wenigen Staaten, denen Klimaschutz am Herzen und an der Brieftasche liegt, die zähe UN-Weltdemokratie ein Stück weiterzubringen. Damit wenigstens die Hoffnung bleibt, die Welt vor dem Klimakollaps zu retten. Diese Demokratie in Zeitlupe kontrastiert mit dem Klimawandel, der außerhalb der klimatisierten Tagungshotels gerade von „Normal“ auf „Fast Forward“ schaltet. Von der Möglichkeit künftiger Öko-Diktaturen reden hier hinter vorgehaltener Hand Wissenschaftler und Experten, weil sie weiter denken als bis zur nächsten Wahl. Und weil sie sehen, wie viel Kraft es kosten wird, den Klimawandel jetzt noch zu stoppen.

Die Debatte um autoritäre Einschränkungen grundlegender Menschenrechte zur Sicherung des Überlebens speist sich aus einem Zweifel, ob parlamentarische Demokratien, Antworten auf die ökologischen Überlebensfragen geben können. Zum Originalartikel des Freitag...