Das Wohnzimmerbuffet mit den Fotos des verlorenen Sohns gleicht einem Altar: Pavlos auf der Hochzeit seiner Schwester, Pavlos beim Konzert oder Pavlos als Teenager. Er war ein schöner junger Mann mit großen schwarzen Augen und einem hübschen Lächeln. „Er hatte vor allem ein großes Herz. Jeder mochte ihn auf Anhieb”, murmelt seine Mutter Magda und starrt auf die Bilder glücklicherer Tage. Pavlos’ Vater, gefangen in seinem Schmerz, steht hinter ihr und reagiert nicht einmal.

Zwei Messerstiche mitten ins Herz haben ihren Sohn zum Symbol für die kriminellen Machenschaften der Goldenen Morgenröte werden lassen. Die rechtsradikale Partei schaffte 2012 den Einzug in das griechische Parlament. Der 34-jährige Rapper Pavlos Fyssas wäre sicher lieber durch seine Lieder berühmt geworden. Auf den Titelseiten der griechischen Zeitungen wurde er zum Märtyrer erklärt, nachdem er in der Nacht vom 17. auf den 18. September durch ein Mitglied der Goldenen Morgenröte, eine als neonazistisch eingestufte Bewegung, erstochen wurde. Der Tod des jungen Mannes am Abend eines Fußballspiels in einem Arbeitervorort sollte innerhalb von wenigen Tagen ein politisches Erdbeben auslösen und sich zu einer Staatsaffäre entwickeln. Zum ersten Mal seit der Wiedereinführung der Demokratie 1974 muss die Führungsriege einer im Parlament vertretenden Partei mit ernsthafter Strafverfolgung rechnen.

Der „eine Mord zu viel”

Für viele war dieses Verbrechen der „eine Mord zuviel”, der die Öffentlichkeit und die Regierung aus ihrem Dornröschenschlaf aufweckte. Pavlos Fyssas war Grieche, ganz im Gegenteil zu den bisherigen Opfern der Goldenen Morgenröte, die fast ausnahmslos Einwanderer waren. Das beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage: wie konnte die Morgenröte, eine nationalistische Partei und nur „Bürgern griechischen Ursprungs” vorbehalten, einen Schritt zu weit gehen und einen jungen Griechen auf offener Strasse ermorden? Wer steht wirklich hinter dem Mörder, einem 45-jährigen Lastwagenfahrer, Vater von zwei Kindern, einem gewöhnlichen Mann, der im Prinzip nur alles zu verlieren hatte, indem er sich auf dieses Verbrechen einließ?

Sie sind wie aus dem Nichts aufgetaucht

Tatsächlich hätte sich beinahe niemand für den Mord an Pavlos interessiert, der somit schnell in Vergessenheit geraten wäre. Aber am Abend des Verbrechens geriet das Szenario dank der unerwarteten Reaktion einer Polizistin außer Kontrolle. An jenem 17. September trifft sich Pavlos mit seiner Freundin Chryssa und einigen Kumpels, um das Spiel zwischen Olympiakos und Paris-Saint-Germain anzuschauen. Wie alle Jugendlichen aus Piräus ist Pavlos Olympiakos-Fan, der bei jedem misslungenen Elfmeter laut aufschreit. „Sie sind kurz vor Beginn des Spiels angekommen. Ich erinnere mich gut daran, denn ich kannte Pavlos vom Sehen, auch wenn ich nicht wusste, dass er Rapper war. Für mich war er einfach ein Junge aus dem Viertel, erzählt der Besitzer des Café Coralie, einer Bar im Stadtteil Keratsini mit offener Terrasse und großem Plasmafernseher. Während des Spiels passierte nichts Ungewöhnliches. Pavlos und seine Freunde tranken in lebhafter Runde Bier, wie bei jedem Spiel von Olympiakos, aber ohne Ausschweifungen.” Er habe die zwei oder drei Typen (die Meinungen gehen auseinander) nicht gesehen, die nach Angaben von Zeugen Pavlos während des Spiels beobachteten und SMS verschickten. „Erst am späten Abend, als alle das Café verließen, habe ich auch diese Gruppe auf der anderen Straßenseite gesehen. Sie sind wie aus dem Nichts aufgetaucht”, berichtet der Wirt weiter.

Der Mut einer Polizistin

„Ohne den Mut dieser Polizistin, die den Mörder gestellt hat, würde man heute noch über die Hintergründe dieses Mordes spekulieren

Etwa zwanzig Männer sprechen den Rapper und seine Freunde an, die noch auf der Strasse unterwegs sind. Schnell wird der Ton harscher. Drei Männer lösen sich aus der Gruppe, gehen auf Pavlos zu und rempeln ihn an. Seine Freundin Chryssa, die sich im Hintergrund gehalten hatte, sieht alles und bekommt Panik. Sie versucht eine Gruppe Polizisten zu alarmieren, die seltsamerweise die Szene nur von weitem beobachten, doch vergebens. Sie fleht sie erneut an, als plötzlich ein Auto angestürmt kommt und genau vor der Menschenansammlung hält. Ein Mann steigt aus, packt Pavlos als wolle er ihn umarmen und sticht ihm zweimal ins Herz. Bevor er zusammenbricht kann der junge Mann den endlich näher kommenden Polizisten gerade noch seinen Mörder zeigen. Im Gegensatz zu ihren unbeteiligten Kollegen zieht plötzlich eine Polizistin ihre Waffe und richtet sie auf den Mörder. Dieser scheint sich derart sicher zu sein, ungestraft davon zu kommen, dass er einfach in seinem Auto sitzen bleibt, nachdem er das Messer in den Rinnstein geworfen hat. „Ohne den Mut dieser Polizistin, die den Mörder gestellt hat, würde man heute noch über die Hintergründe dieses Mordes spekulieren. Einige behaupten immer noch, dass es nur eine Schlägerei nach einem Spiel war, die tragisch endete”, glaubt der bekannte Journalist Pavlos Tsimas vom größten Privatfernsehsender Mega TV.

Hilfe vom Geheimdienst

Das ist auch zunächst die offizielle Version: ein Fußballstreit zwischen Jugendlichen. Aber die Justiz entdeckt schnell, dass der verhaftete Mörder Giorgos Roupakias ein Mitglied der Goldenen Morgenröte ist. Aus seinen Handyverbindungen wurde ersichtlich, dass er kurz vor und nach dem Verbrechen mehrere Parteigrößen angerufen hatte. Er wurde offensichtlich von der Partei bezahlt und ist auf verschiedenen Fotos von Neonazi-Versammlungen zu sehen, obwohl die Führungsriege der Goldenen Morgenröte zunächst alles abstritt und behauptete, Roupakias nicht zu kennen. Die Parteianführer konnten aber dank der Telefonprotokolle des griechischen Geheimdienstes, der sie seit langem abhörte, bald verhaftet werden.

Vielen ist unklar, warum die Polizei nicht eher etwas unternommen hat, um die Partei zu stoppen

Darüber kann man erfreut sein, aber vielen ist unklar, warum die Polizei nicht eher etwas unternommen hat, um die Partei zu stoppen, da sie augenscheinlich schon lange genug gegen sie in der Hand hatte. „Die Goldene Morgenröte hatte lange eine bequeme Rolle. Sie steht für die Ablehnung des traditionellen politischen Systems und seiner Politiker, die vom ganzen Land gehasst werden. Aber das ist nur äußerer Schein. Im Parlament hat die Goldene Morgenröte der Regierung oft zugestimmt: für Entlassungen, Privatisierungen und Lohnkürzungen. Das gleiche Lied bei ihren Angriffen auf Ausländer: damit können sie den Einfluss der Anti-Einwanderungspolitik rechtfertigen oder herunterspielen. In der Nacht inszeniert die Morgenröte Pogrome, am Tage unterstützt die Regierung Razzien und das Zusammenpferchen von Migranten in Lagern mit unmenschlichen Lebensbedingungen, erklärt Dimitri Zotas. Der Athener Anwalt vertritt mehrere Einwanderer, die Opfer der Neonazi-Partei wurden. „Der Goldenen Morgenröte ist die Sache entglitten. Am Tag vor dem Mord an Pavlos erfreute sie sich einer Beliebtheit von fast 15 Prozent. Für ihre Angriffe auf Immigranten blieb die Partei weitgehend unbehelligt. So fühlen sich die Neonazis unverwundbar und glaubten, noch weiter gehen zu können, vielleicht zu weit.”

Fortsetzung folgt auf Presseurop.