Warum genau ist Pavlos Fyssas zum Märtyrer geworden? Hört man sich die Texte seiner Songs an, ist man verwundert. Sicher, er spricht darin von Intoleranz und obskuren Mächten. Aber niemals offen von der Goldenen Morgenröte. „Zwischen zwei Songs, die vage von den Gefahren des Faschismus sprechen, schrieb er vier andere über Mädchen oder die Krise“, bestätigt sein Jugendfreund Petros Poundivis.

Der Hüne, eine Art griechischer Mister T, ist auch Rapper, Mitglied der Band PsyClinic TactiX. Aber vor allem ist er ein Arbeiter, ein Prolet. Wie auch Pavlos Fyssas einer war. Bevor die beiden Jungs an eine Künstlerkarriere dachten, haben sie sich wie ihre Väter auf den Werften von Perama, dem großen Industriehafen vor Athen, den Rücken kaputtgeschuftet. In der „Zone“, wie man hier sagt, einem ausgedehnten, eingezäunten Gebiet, wo sich am Kai ein paar rostige Frachter und Graffiti besprühte Lagerhallen aneinanderreihen. „Pavlos hat nach fünf Jahren das Handtuch geschmissen. Es ist eine sehr harte Arbeit. Unfälle sind keine Seltenheit. Doch er hat sich immer als ein Kind der Arbeiterklasse verstanden. Er wollte keiner Partei angehören, aber sein Name steht heute noch auf der Mitgliederliste der Metaller-Gewerkschaft. Er war beliebt hier, ein Typ mit großer Klappe, der immer bereit war, sich für die Opfer der Wirtschaftskrise in diesem Viertel stark zu machen. Und genau deshalb hat man ihn umgebracht“, sagt Petros voller Wut.

Goldene Morgenröte schielt nach den Werften

In dieser krisengebeutelten Region, in der die Neonazis auf dem Vormarsch sind, ist die „Zone” die letzte rote Bastion.

In dieser krisengebeutelten Region, in der die Neonazis auf dem Vormarsch sind, ist die „Zone” die letzte rote Bastion. Perama, Nikaia, Keratsini: die Kommunen des Bezirks Piräus liegen nach sechs Jahren Sparpolitik am Boden. „Durch den Abbau im öffentlichen Dienst und die Massenentlassungen kämpfen die Menschen ums schiere Überleben. Ein Viertel aller Haushalte in Perama ist ohne Strom. Die Menschen können ihn nicht mehr bezahlen. Natürlich sind dann manche bereit, einer Partei zu folgen, die „alles Gauner“ schreit, die Einwanderern die Schuld gibt und Konserven und Nudeln an die Menschen verteilt...“, seufzt Petros. Bleibt also nur die Zone — seit eh und je in Händen der KKE [kommunistischen Partei] -nahen Gewerkschaft PAME — , die sich noch standhaft gegen den Druck der Arbeitgeber wehrt.

Drei Tage vor dem Mord an dem Rapper kam es zu einem Vorfall, der die Menschen aufwühlte: Am Abend des 14. September befindet sich eine Gruppe kommunistischer Sympathisanten auf der trefflich benannten „Avenue der Demokratie“. Sie wollen Plakate für ein Festival anbringen. Plötzlich werden sie von rund fünfzig Aktivisten der Goldenen Morgenröte angegriffen. „Es war beeindruckend. Sie kamen in Kolonnen aus allen Nebenstraßen gerannt, bewaffnet mit Schlagstöcken und Eisenstangen. Etwas weiter weg standen zwei Motorrad-Polizisten. Die haben aber keinen Finger gerührt, als die Steine und Schläge auf uns niederprasselten“, erzählt Sotiris Poulikogiannis, ein energischer Mittvierziger und vor Ort Chef der Metaller-Gewerkschaft. Die Bilanz: neun zum Teil schwer verletzte Gewerkschafter.

„Es war das erste Mal, dass die es gewagt haben, uns so offen anzugreifen. Allerdings ahnten wir schon, dass da etwas in der Luft liegt. Im August, mitten im Sommerloch, hat sich einer ihrer lokalen Chefs hierher in die Zone gewagt und ein Meeting abgehalten, auf dem er versprach, er werde uns zerstören, von hier vertreiben“, fügt Thanassis Panagiotopoulos, ebenfalls Gewerkschafter, hinzu. Der Mann, der diese Drohungen im August ausgesprochen hat, war Jannis Lagos, Abgeordneter der Goldenen Morgenröte, derzeit in Haft. Er gehört zu jenen Personen, die kurz vor und nach dem Mord an Pavlos Fyssas mehrmals mit dem Täter telefoniert haben. „Das gehört alles zu ein und derselben Strategie: Um den Widerstand gegen die Sparmaßnahmen zu brechen, müssen die Protestierenden eingeschüchtert werden. Jeder hier weiß, wie sehr die Goldene Morgenröte mit den Reedereien und Großindustriellen verbandelt ist. Ihre mehr oder minder geheimen Treffen wurden von der Presse aufgedeckt. Im Parlament stimmen die Faschisten immer zugunsten der Reeder ab und auf dem Terrain sind sie deren bewaffneter Arm“, erklärt Thanassis.

Die Bestie ist zurück

Im Schatten dieser zwiespältigen Vergangenheit konnte viel finsteres Gedankengut überdauern.

Alles Übertreibungen? Mitte Oktober wurde im Zuge einer Hausdurchsuchung bei einem flüchtigen Reeder in einer geheimen Kammer ein regelrechtes Museum für Nazi-Devotionalien entdeckt. Die Ermittlungen über die Parteifinanzierung der Goldenen Morgenröte ergaben, dass mindestens zwei Reeder die Neonazis regelmäßig mit Geld versorgten. „Die Bestie ist am Ende wieder aus ihrem Versteck gekrochen“ seufzt Dimitri Kousouris. Der 35-jährige Historiker befasst sich mit dem modernen Griechenland und weiß wovon er spricht, wenn er die Wurzeln des Übels analysiert. Seine Doktorarbeit, welche bald in französischer Sprache erscheint, ist der griechischen Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Eine Periode der griechischen Geschichte, welche nie richtig aufgearbeitet wurde, da kurz nach der deutschen Besatzung die Schrecken der Nazis vom grausamen Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Konservativen verdrängt wurden. Im Schatten dieser zwiespältigen Vergangenheit konnte viel finsteres Gedankengut überdauern.

Doch weckt der Tod von Pavlos Fyssas bei dem jungen Historiker auch persönliche Erinnerungen: Vor fünfzehn Jahren, an einem Juniabend, wäre auch er fast von Schergen der Goldenen Morgenröte zu Tode geprügelt worden. Auch er befand sich in einem Café. Auch er war ein Symbol — ein junger Studenten-Gewerkschafter, der damals zum Wiederstand gegen die Reform des Bildungssystems aufrief. Am 18. Juni 1998 wurde er mit Knüppeln und Eisenstangen zusammengeschlagen. Mehrere Tage schwebte er zwischen Leben und Tod. Wie im Fall von Pavlos Fyssas behauptete die Polizei zunächst, es hätte sich um eine Schlägerei unter jungen Fußballfans gehandelt. Nur der Anführer des Trupps, ein junger Mann, der damals als Aufsteiger innerhalb der Goldenen Morgenröte galt, wurde am Ende verurteilt: Nach sieben Jahren Flucht stellte sich der Mann, der sich in Anspielung an den Tyrannen von Korinth „Periander“ nannte, schließlich der Polizei. Der Prozess verlief in einem Klima der Anspannung, unter Drohungen und Provokationen von Mitgliedern der Goldenen Morgenröte. Periander wurde zu einundzwanzig Jahren Haft verurteilt. Absitzen musste er nur vier, schon im Jahr 2009 kam er wieder frei.

Die Menschen vergessen die Vergangenheit und können sich nicht einmal mehr eine Zukunft vorstellen.

„Dabei war die Goldene Morgenröte 1998 nur eine kleine Randgruppe. Heute ist aus ihr eine aufstrebende Bewegung geworden“, betont der Historiker. „Wen wundert’s: In Zeiten extremer Krisen verschärft sich die Fremdenfeindlichkeit, die Intoleranz und Gewalt innerhalb der Gesellschaft. Die Menschen vergessen die Vergangenheit und können sich nicht einmal mehr eine Zukunft vorstellen. Das einzige, was zählt, ist das tägliche Überleben.“ Pavlos Fyssas trug einen Künstlernamen: Killah P für kill the past. Doch niemand kann die Vergangenheit töten. Sie taucht immer wieder auf, meist im schlimmsten Moment. „Die Zeit der Angst ist gekommen“, verkündete der Parteichef der Goldenen Morgenröte Nikos Michaloliakos am Abend der Wahlen vom Juni 2012. An jenem Abend zog ein Nostalgiker der Militärdiktatur und Bewunderer Hitlers ins Parlament ein.

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