Vor einer Bank in Rigas Hauptgeschäftsstraße Brīvības iela stehen schwarz gekleidete Männer. Über ihren Schultern hängen Fotoapparate. Vom Basrelief am Sockel der Freiheitsstatue aus, gleich unter dem Schlachtruf unserer lettischen Nachbarn „Für Vaterland und Freiheit“ beobachtet die Figur von Lettlands Nationalhelden Lāčplēsis, „der Bärentöter“, mit stoischer Ruhe das Treiben. Dabei sind nur 20 Prozent der Letten davon überzeugt, dass die neue Ära, welche mit der Einführung des Euro am kommenden 1. Januar beginnt, ihnen mehr Vaterland und mehr Freiheit bescheren wird. Eher im Gegenteil. Die Männer in schwarz bringen ihre Euro-Starterkits zur Bank zurück.

Seit dem 10. Dezember können in 302 Bankfilialen die 800.000 Euro-Starterkits im Wert von 10 Lat [14 Euro 23] erworben werden. Die Menschen drehen die Euromünzen hin und her, auf deren eine Seite eine hübsche Frau in Nationaltracht abgebildet ist. Sind sie nun glücklich oder unglücklich? Man weiß es nicht. Jeder Bürger kann bis zu fünf Starterkits bekommen. Anfang November, in einem Anfall von Nostalgie, standen die Menschen Schlange, um einige von den letzten 500.000 ausgegeben 1-Lat-Münzen zu ergattern. Auf deren einen Seite steht „ein Lat“, auf der anderen Seite 1 Euro 42, der offizielle Wechselkurs. „Diese Bilder von Lettland können wir nun in den Papierkorb werfen“, jammert Marta, eine Souvenir-Verkäuferin.

Falsche Umrechnungen

Zinaida und Aida hingegen, beide Verkäuferinnen in Salacgrīva, sind allerdings erleichtert, als ihnen estnische Journalisten zeigen, wie die neuen Euro aussehen. Obwohl in ihrem Laden bereits alle Preise auch in Euro angegeben werden, scheinen die beiden Frauen etwas verwirrt. Wie sollen sie ab 1. Januar gleichzeitig in Lat und auch in Euro rechnen? Wie sollen diese beiden Währungen in ein und derselben Kasse verstaut werden?

Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass dieser Preis der Bequemlichkeit halber auf 1 Euro 50 aufgerundet wird

Was Zinaida und Aida aber am meisten fürchten, sind Preiserhöhungen. Sie denken, dass diese trotz aller Versprechungen einer „ehrlichen Umrechnung“, wie sie auf Tausenden von Schaufenstern zu lesen ist, unvermeidbar sein werden. Paradebeispiel ist der Kaffee, der in den Zeitungskiosks verkauft wird. Er kostet ein Lat. Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass dieser Preis der Bequemlichkeit halber auf 1 Euro 50 aufgerundet wird. Der lettische Verbraucherschutz hat bei 7599 Überprüfungen bereits 3000 falsche Umrechnungen festgestellt.

Entsprechende Löhne zum Euro, bitte

Es herrschen allgemeine Verwirrung und Missverständnisse, doch Arina Andreičika, die im Finanzministerium Verantwortliche für die Euro-Einführung, scheint von der geringen Anzahl der Letten, die den Euro befürworten, nicht sonderlich beunruhigt. Das Ministerium verfüge über eine andere Studie, in der sich die Hälfte der Bevölkerung für den Euro ausspreche, Tendenz steigend. Sie sagt, dass auch dank der Hilfe Estlands, welches 2011 den Euro einführte eine große Arbeit geleistet worden sei. Um zu zeigen, wie sehr sowohl Estland als auch Lettland sich über die die Euro-Einführung einig sind, soll am 2. Januar ein Treffen der Präsidenten beider Länder im 3000-Seelen-Dorf Rūjiena stattfinden. Dort werden sie gemeinsam Geld am Automaten abheben.

Niina und Ella sind befreundet. Sie treffen sich täglich an einer Bude, die Tscheburek [Teigtaschen mit Lammfleisch] verkauft. Die eine ist Verkäuferin, die andere Kundin. Beide sind vom Euro begeistert. „Der Euro soll kommen,“ sagen sie einstimmig, „vor allem, wenn wir danach nicht nur dieselben Preise, sondern auch dieselben Löhne bekommen wie in normalen Ländern — beispielsweise in Deutschland!“