Europa läuft Gefahr, in der Forschung den Anschluss zu verpassen. Die Fortschritte in der EU auf diesem Gebiet sind zu langsam, um an die Führungsposition der USA und Japans aufzuschließen. Sie ist stummer Zuschauer, wie sich China raschen Schrittes aus seiner Rückständigkeit befreit. Die Ziele der mittlerweile als gescheitert anzusehenden Lissabon-Strategie wurden um zehn Jahre, von 2010 auf 2020 vertagt. Jetzt wächst die Besorgnis darüber, dass die Budgetzwänge das Forschungsaufkommen weiter bremsen. Denn die Gelder sind immer noch zu einem Großteil staatlich.

Dieses Szenario wird von der Europäischen Kommission mit der Veröffentlichung des Innovations-Rankings der EU-Staaten bestätigt. Die Zahlen zeigen deutlich, dass es an Finanzmitteln fehlt: das ursprüngliche Ziel, 3 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung zu investieren, wurde nicht erreicht; die 27 Mitglieder stecken hier lediglich 2,01 Prozent hinein.

Die Rektoren der europäischen Spitzenreiter auf dem Gebiet der Forschung haben dazu aufgerufen, die öffentliche Förderung ihrer Hochschulen anzuheben, um die Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Die 22 Rektoren stammen von Universitäten wie Oxford, Cambridge, Leuven oder Barcelona und fordern von den Entscheidungsträgern der EU, „sich über die Bedeutung einer angemessenen Förderung der Forschung bewusst zu werden und im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf lange Sicht auch die Grundlagenforschung nicht aus den Augen zu verlieren.“

Japan überholt die gesamte EU

Die Zielvorgabe von 3 Prozent wurde im Jahr 2000 auf dem LEU-Gipfel in Lissabon festgelegt und in den vergangenen zehn Jahren nicht erreicht. Es gibt erhebliche Unterschiede in den Einzelstaaten. Laut den Eurostat-Zahlen und der OECD liegen Deutschland oder Frankreich, Dänemark oder Schweden weit über dem europäischen Durchschnitt.

In Europa wird Forschung und Entwicklung stärker von der öffentlichen Hand gefördert als andere Wirtschaftsbereiche. Deshalb ist die Regierungspolitik für den Sektor auch so bedeutend. 45 Prozent der Investitionen in Forschung und Entwicklung in der Europäischen Unionen stammen aus der öffentlichen Hand. In den USA sind es lediglich 33 Prozent; in Japan und in Südkorea werden weniger als 30 Prozent der Forschungsförderung aus öffentlicher Hand bestritten.

Die europäischen Hochschulen pochen auf ihre Bedeutung für die Forschung, vor allem für die Grundlagenforschung. „Die Welt ist global und die Investitionen sind es ebenfalls. Man muss neues Wissen durch gezielte Investitionen in die Forschung erzeugen“, sagt Jordi Alberch, Vizerektor für Forschung an der Universität Barcelona. „Die Grundlagenforschung schafft neues Wissen, zum Beispiel darüber, wie verschiedene Materien beschaffen sind, Organismen oder Zellen. Dadurch können später Patente entwickelt werden, und genau hier kommt die tragende Rolle der europäischen Hochschulen ins Spiel“, bemerkt Alberch.

In Japan werden laut Eurostat mehr Patente pro Million Einwohner angemeldet als in der gesamten EU. Es sind 161, gegen 116 in der Europäischen Union, obwohl die Zahlen für Deutschland oder Dänemark über denen aus Japan liegen. „Die Anzahl der angemeldeten Patente pro Land ist zwar aufschlussreich, aber ein Patent anzumelden ist nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit der Entwicklung einer Erfindung“, bemerkt Juan Mulet, Generaldirektor der Stiftung für technologische Innovation (Cotec), unter deren Dach 80 spanische Technologiefirmen zusammengeschlossen sind.

Die Lissabon-Strategie ist gescheitert

Wie sieht die Korrelation aus zwischen Investitionen im Forschungsbereich, der Anzahl der angemeldeten Patente und Wirtschaftswachstum? Luis Sanz, Direktor des Instituts für Politik und öffentliche Güter des Forschungs- und Wissenschaftsrates (Instituto de Política y Bienes Públicos del Consejo Superior de Investigaciones Científicas) stellt hierzu fest: „Allgemein besteht eine Wechselbeziehung zwischen den Ausgaben für Forschung und Entwicklung, vor allem aus der Privatwirtschaft, und den Patentanmeldungen.“ Die Patente sind „eine Möglichkeit, das innovative Potential eines Landes messbar zu machen“, sagt der Experte.

Das Ziel der EU-Kommissarin für Forschung und Innovation, Máire Geoghegan-Quinn ist, dass von den 3 BIP-Prozent für die Forschung 1 Prozent aus öffentlicher Förderung und 2 Prozent aus dem Privatsektor kommen. Selbst wenn in Europa die Vorreiter mit einer starken Wissenschaftstradition aus Nordeuropa kommen, wie Deutschland, Großbritannien oder Dänemark, dann sind auf internationaler Ebene immer noch die USA mit ihrem Gespür für Innovationen der Spitzenreiter vor der EU und China, das sich auf diesem Gebiet gerade erst positioniert hat.

Die Kommission beharrt darauf, dass ein starker Forschungs- und Entwicklungssektor die einzige Möglichkeit für die EU sei, um ein Wachstum zu garantieren, das qualitativ hochwertige Arbeitsplätze schafft; solche, die den Schwankungen der Globalisierung trotzen können. Jetzt, da die Lissabon-Strategie gescheitert ist, die EU bis 2010 zu einem führenden Akteurs der wissensbasierten Wirtschaft zu machen, haben die EU-Kommission und die 27 Mitgliedstaaten eine neue Idee entwickelt: „Union der Innovation“ ist die neue Etikette der sogenannten Strategie 2020. Diese ist darauf ausgerichtet, eine intelligente, nachhaltige und inklusive Wirtschaft aufzubauen. Das Hauptanliegen dieser Union besteht darin, Fragen aufzuwerfen, die den Europäern zumindest theoretisch am Herzen liegen: der Klimawandel, die Energieeffizienz oder eine gesunde Lebensführung.

Aus dem Spanischen von Ramona Binder