Krzysztof Czarnobilski ist Arzt, in weißer Bluse und mit akribisch getrimmtem Schnauzbart, und Leiter der Abteilung für innere Medizin und der Geriatrie des MSWiA Spitals in Krakau. Er ist nervös, wenn er spricht – auch wenn seine Botschaft nicht klarer sein kann. Die schmutzige Luft der pittoresken Stadt Polens macht seine alten Patienten krank, verkürzt ihre Lebenszeiten und isoliert sie nur noch mehr.

Ein gelbes Betonhaus, nur wenige Minuten vom mittelalterlichen Stadtkern von Krakau entfernt, beherbergt sein auf die Behandlung älterer Menschen spezialisierte Spital.

Im Winter, wenn schwarze Smogwolken über der Stadt liegen, „warten die Krankenwagen bis auf die Straße hinaus“, erzählt Czarnobilski. Das medizinische Personal kann nur schwer mit der Nachfrage mithalten. Etwa doppelt so viele Fälle von Pneumonie kommen an; Herzinfarkte und Schlaganfälle treten vermehrt auf; Patienten mit Atemproblemen erleiden schwere Anfälle.

Wie viele Ärzte in Krakau sieht sich Czarnobilski gezwungen, seinen Patienten zu raten, im Haus zu bleiben und auf Anstrengung zu verzichten. Diese Medizin führt für ältere Menschen im besten Fall zur Isolation und Einsamkeit; im schlechtesten Fall zum Tod.

Krakau ist eine elegante Stadt mit Überbleibsel einer geschichtsträchtigen Vergangenheit als Polnische royale Hauptstadt – doch die Stadt leidet unter der Schmutzigsten Luft in einem Land, das von schwerer Verschmutzung geplagt wird. Ein Großteil davon kommt von der verbreiteten Nutzung von billiger Kohle in alten Öfen. Das Ergebnis sind Abgase mit krebserregenden Substanzen wie Dioxin oder Benzo[a]pyren. Die Autos, die die Straßen der polnischen Hauptstadt verstopfen, sowie die Kohlekraftwerke unweit der Stadt verstärken das Problem.

In Krakau kommt es vor, dass die Konzentration an Feinstaub, der tief in den menschlichen Körper eindringt, sechs mal höher ist, als der Grenzwert. Manchmal misst man sogar acht Mal mehr Benzo[a]pyren als die empfohlenen Grenzwerte, so die Gruppe Kraków Smog Alarm.

Doch die Stadt will das nun ändern. Krakau liegt im Klassement der am meisten verschmutzten Städte Europas an dritter Stelle, hinter Pernik und Plovdiv in Bulgarien – doch Krakau ist auch die erste Stadt in Polen, die ein Verbot von Brennstoffen wie Kohle oder Holz für private Heizungen erlassen hat.

Dieses Verbot sollte 2018 in Kraft treten, wurde jedoch von einem regionalen Gericht aufgehoben. Noch ist allerdings nichts entschieden – die Stadt hat berufen. Gleichzeitig versuchen Parlamentarier, mit Unterstützung der mitte-rechts Regierung, die Entscheidung zu umgehen, indem sie ein Gesetz verabschieden, das regionalen Regierungen erlauben würde, Fragen zu Kohle, Fahrzeugen und anderen Quellen von Verschmutzung eigenständig zu regeln.

Krakauer Funktionäre haben 100 Millionen Euro aus Brüssel, Warschau und vom Regionalem Parlament bekommen, um Anreize für die Bevölkerung zu schaffen, ihre Kohleheizungen durch Gas oder Elektroheizungen zu ersetzen, oder sich an das zentrale Heizsystem der Stadt – das Wärme aus zentralen Heizungen in die Wohnungen bringt – anzuschließen.

Mit 30.000 Heizkesseln in der Stadt wird der Wechsel nicht einfach und nicht billig. Der Brennstoff wird von manchen als „polnisches Gold“ bezeichnet und ist in der Kultur und Geschichte des Landes verankert. 90% der Elektrizität wird in Polen aus Kohle gewonnen; dadurch entsteht auch ein Gefühl der Unabhängigkeit gegenüber des Nachbarn Vladimir Putin und dessen Gaspipelines. Und Kohle ist – zumindest für die Endnutzer – viel billiger als alternative Energiequellen.

Im Kohlelager von Grzegorz Rumin, neben Zugsschienen am südlichen Ende Krakaus, häuft sich Holzkohle – Staub liegt in der Luft. Etwa alle zehn Minuten betritt ein Kunde das Lager und Rumin oder einer seiner Angestellten lädt die Kohle per Hand oder mit Hilfe eines Baufahrzeugs auf einen Anhänger. Rumin ist dünn, trägt Arbeitsstiefel und ein blaues, zerfasertes Sweatshirt. Er erzählt, dass die Verkaufszahlen zurückgehen, seit er 1998 ins Geschäft eingestiegen ist. Damals verwendeten Schulen, große Institutionen und viele Haushalte Kohle zum Heizen.

Es wird vermutet, dass die Verschmutzung in kleinen Städten, denen es an komplizierten und exakten Messgeräten fehlt, höher ist.

Damals verkaufte er 100 Tonnen pro Tag; heute „sind es maximal 20 Tonnen oder etwas mehr.“ Nur 7% der Haushalte nutzen derzeit Holzkohle, schreibt das Krakauer Institut für nachhaltige Energie. Die Zahl ist in den letzten Jahren zurückgegangen und ist heute geringer, als in anderen Städten Polens. Krakaus Lage in einem Tal und die hohe Bevölkerungsdichte sorgen jedoch dafür, dass die Luft die am meisten verschmutzte des ganzen Landes ist – zumindest offiziell. Es wird vermutet, dass die Verschmutzung in kleinen Städten, denen es an komplizierten und exakten Messgeräten fehlt, höher ist.

Für Rubin wird aus Wut Verzweiflung, wenn er vom Verbot spricht. Sollte das Gesetz bestehen bleiben, wird er zusperren müssen. Für ihn haben die lokalen Politiker das Problem falsch erkannt und ihre Prioritäten schlecht definiert. „Sehen Sie sich Paris an, zum Beispiel! Was verwenden die zum Heizen?“, fragt er. „Nutzen die auch Kohle? Ich glaube nicht, aber sie haben trotzdem den Smog. Das hat mit Kohle nichts zu tun.“

In einem sonnendurchdrungenem Büro in der Nähe des Krakauer Hauptplatzes haben Anna Dworakowska und eine Handvoll ihrer Kollegen Alliierte und Gegner dazu gebracht, sich darauf zu einigen, die Gesetzgeber zu ermutigen, das revolutionäre Verbot der Stadt zu bestätigen. Anna Dworakowskas Gruppe, Smog Alarm Krakau, hat 2013 17.500 Unterschriften gesammelt und eine Kampagne mit Plakaten in der ganzen Stadt gestartet. „Ich habe bereits Asthma, ich brauche keinen Krebs“, konnte man auf einigen davon lesen.

Die Mehrheit der Einwohner hat sich der Initiative angeschlossen. Selbst die Regierung, die Kohle positiv gegenüber steht, verurteilt die Nutzung in Privathaushalten – vielleicht weil das einfacher ist, als den großen Energiekonzernen über ihre Emissionen von Kohlekraftwerken zu begegnen.

Vor der Kampagne haben „die Medien zwei, drei Artikel über die Luftverschmutzung am Anfang der Heizperiode geschrieben“, sagt Dworakowska. „Aber jetzt wurden von den Medien mehr als 1.000 Texte veröffentlicht. Es ist das Thema, von dem jeder spricht. Ich glaube, dass unsere Aktionen diese Veränderung herbeigeführt haben.“

Für den Arzt Czarnobilski vom MSWiA Spital ist Veränderung dringend notwendig. Seine Patienten sind meisten wütend, wenn er von ihnen verlangt, zuhause zu bleiben.

„Sie deprimieren immer mehr“, sagt er. „Wenn ein älterer Patient bei sich zuhause bleibt und sich nicht bewegt – was kann er anderes machen als in seinem Bett bleiben und auf den Tod warten?“