Nach dem Abkommen mit der EU: Wohin geht es, Türkei?

24. März 2016 – France Inter (Paris)

Die Union betraut ein Land mit der Krisenbewältigung der Migranten, in dem die Spannungen zwischen den Befürwortern des islamisch-konservativen und den Verfechtern eines fortschrittlich-laizistischen Lebensstils hochkochen und das international immer weiter isoliert wird, meint Bernard Guetta.

Es ist ein gescheitertes Land. Jene Türkei, mit der die Europäische Union am Freitag, dem 18. März die Aufnahme der Flüchtlinge vereinbart hat und die am Samstag, 19. März von einem neuen Attentat überrascht wurde, ist gleichzeitig auf der internationalen Bühne isoliert und innerlich immer zerrissener.

Das Inland besteht aus zwei Türkeien, die sich in etwa gleicher Größe gegenüberstehen. Auf der einen Seite gibt es die kulturell europäische Türkei, eine laizistische, moderne Türkei, die im 21. Jahrhundert verwurzelt ist, mit städtischer Mittelschicht, den größten Vermögen und den politischen und sozialen Unruhen der jungen Studenten.

Diese Türkei ist keineswegs einheitlich, wird aber durch die gemeinsame absolute und teils kämpferische Ablehnung desselben Gegners, der islamisch-konservativen AKP, der Partei von Präsident Erdogan, zusammengeschweißt.

Diese Islamisch-Konservativen haben nicht nur nichts von Djihadisten, sie haben ihren ursprünglichen Islam und den Willen, die Religion dem Willen des Staates zu unterwerfen, auch weitgehend gegen den „Klassenkampf“ eingetauscht.

Ja, sagen sie, wir kämpfen „gegen das ancien régime“, denn sie selbst gerieren sich wie Revolutionäre, die seit dem ersten Wahlsieg der AKP 2002 vor nunmehr 14 Jahren die Armen gegen das verwestlichte Establishment verteidigt hätten, also die Mitglieder dieser anderen Türkei, die ihre kulturelle Überlegenheit verloren haben. Das ist Marxismus mit islamischem Dressing, aber es ist nicht alles falsch an ihrer Analyse und zwar aus zwei Gründen.

Der erste Grund ist, dass der Wirtschaftsaufschwung der Türkei tatsächlich die ärmsten, frommsten und konservativsten Familien aus der Armut befreit hat und der zweite Grund ist, dass die AKP diese Bewegung angetrieben hat, indem sie die Umwandlung dieses Landes hin zu Liberalismus und seiner Einbeziehung in die Globalisierung beschleunigt hat. Wie in vielen anderen Schwellenländern auch gibt es eine soziale Revolution in der Türkei, die allerdings kulturell konservativ ist, während das „ancien régime“, wie die AKP behauptet, im Gegenzug progressiv ist.

Während die inländischen Spannungen in der Türkei hochkochen, schließt ihr Präsident, ganz Autokrat, die Zeitungen und läßt viele Verhaftungen in einer Türkei vornehmen, die nicht die seine ist. Dieser Präsident und seine Befürworter machen sich eine Paranoia zu Eigen die umso stärker wird, je schwächer die diplomatische Lage der Türkei wird.

Die Türkei hat kaum noch Freunde. Sie ist mit Russland verfeindet, seit sie eines seiner Flugzeuge an der syrischen Grenze abgeschossen hat. Sie pflegt ein unterkühltes Verhältnis zu den Amerikanern, denen sie vorwirft, sich im Krieg gegen den IS auf die syrischen Kurden zu stützen, die im Begriff seien, ihre Unabhängigkeit direkt am Rande der Kurdenregion der Türkei zu erklären. Sie hat keine echten Freunde in der arabischen Welt und ihr Abkommen mit der Europäischen Union ist auf beiden Seiten nur dem äußeren Zwang geschuldet.

Vollkommen mit der Unterdrückung ihrer Kurden beschäftigt, steht die Türkei sehr isoliert da und weiß selbst nicht, wohin ihr Weg sie führt.

Aus dem Französischen von Karen Gay-Breitenbach, DVÜD. Lektorat: Christopher Köbel

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