Christiania, ein weltweites Phänomen, wurde 1971 von einer Gruppe Hippies gegründet, indem sie einen verlassenen Marinestützpunkt in Kopenhagen besetzten. Für Experten ist sie eine Legende der Alternativkultur, Europas berühmteste und einzige funktionierende Hippie-Siedlung. Nach der kleinen Meerjungfrau und dem Tivoli-Vergnügungspark ist sie auch die drittgrößte Touristenattraktion der dänischen Hauptstadt. Eine Million Besucher kommen jährlich hierher, um zwischen den mit psychedelischen Fresken geschmückten Barracken herumzuspazieren und in der Pusherstreet illegales Haschisch zu kaufen.

Die selbst ernannte Freistadt Christiania hat eine eigene Hymne (I kan ikke slå os ihjel, dt. „Ihr könnt uns nicht töten”, ein Protestsong der Rockband Bifrost), eine Freiheitsflagge (drei gelbe Punkte auf rotem Untergrund), eine eigene Währung und eigene Regeln und Bräuche. Autos sind verboten (die Bewohner parken ihre Fahrzeuge außerhalb der Siedlung), ebenso wie schnelles Laufen (wer rennt, wird für einen Dieb gehalten), Fotografieren und kugelsichere Westen.

Vor kurzer Zeit hat Christiania, nach 40 Jahren Existenz und 22 Jahren gesetzlich geduldeter Unabhängigkeit, ihren Freistadtstatus verloren. Am 18. Februar bestätigte das dänische Oberste Gericht in einem Berufungsverfahren zu Ungunsten der Siedlungsbewohner einen Gerichtsentscheid von 2009, der das über 35 Hektar große frühere Marinegelände wieder unter die Kontrolle des Staates brachte. Damit endete ein langer Rechtsstreit über einen Status, den sich Hippies und Hausbesetzer 1989 zugesichert hatten.

Behörden wollen Investmentpotential nutzen

Der Kampf begann 2004, als die konservative Mitte-Rechts-Regierung von Anders Fogh Rasmussen (heute Generalsekretär der NATO) einen 15 Jahre zuvor von der dänischen Linksregierung getroffenen Beschluss widerrief, der den Bewohnern die Kontrolle über das Gebiet zugestand. Im Jahr 2006 legten die Rechtsanwälte von Christiania gegen diesen Widerruf Berufung ein und argumentierten, er verstoße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Die dänischen Gerichte haben nun jedoch entschieden, dass es keinen Verstoß gegeben hat und dass Christiania dem Staat (genauer gesagt, dem Verteidigungsministerium) gehört. Und der Staat wird über seine Zukunft entscheiden.

„Der Prozess ist vorbei. Jetzt müssen wir an die Zukunft denken“, sagt Thomas Ertmann, der Sprecher der Kommune. Er gibt zu, dass die Rechtsanwälte der 850 Siedlungsbewohner – Hippies, Künstler und alle möglichen Freaks – sich jetzt mit den Behörden an den Verhandlungstisch setzen müssen.

„Wir brauchten das Gerichtsurteil, um letztendlich die Frage des Eigentums zu klären“, sagt Nils Vest, ein Filmregisseur, der seit 20 Jahren in Christiania lebt und dort ein unabhängiges Filmstudio leitet. „Eines ist sicher, Christiania wird überleben. Wir wollen eine legale Gemeinschaft sein, aber zu unseren eigenen Bedingungen. Die bis jetzt von der Regierung vorgeschlagenen Bedingungen waren für uns inakzeptabel, weil sie sicher in Christianias Auflösung geendet hätten.“

Vest zufolge haben die amtierenden Behörden alles getan, damit Christiania verlottert, um dann – unter dem Vorwand, Ordnung und Wohlstand wiederherzustellen – den kostbaren Kopenhagener Grundbesitz einzuziehen. Mit dem Gerichtsurteil beabsichtigten die Behörden eine Nutzung des Investmentpotentials des Geländes durch Bauunternehmer. Zunächst werden sie allerdings mit den Einwohnern zu einer Einigung kommen müssen, denn eine Zwangsräumung kommt aus politischen und sozialen Gründen nicht in Frage.

„Wir sind Europas alternative Metropole“

Der Regierungsplan für Christiania sieht eine Rückkehr zur Normalität vor: Die illegal errichteten Hütten und Häuser sollen abgerissen, die weichen Drogen ausgetilgt werden (harte Drogen wurden von den Bewohnern selbst verboten) und die Hausbesetzer will man schrittweise loswerden. Das Problem ist, dass dies nach Meinung von Experten das Ende eines sozialen Experiments auf Weltebene bedeuten würde. Wer in der normalen Gesellschaft keinen Platz findet und bereit ist, die Errungenschaften der modernen Zivilisation im Namen des Lebens in der Utopie aufzugeben, der kommt seit Jahren in die Freistadt Christiania.

„Wir sind Europas alternative Metropole. Das größte Experiment seiner Art“, erklärt Vest. „Wenn man die Möglichkeit der Selbstregierung hat, dann achtet man besser auf seine Umwelt“, meint er. Trotz des nachteiligen Gerichtsurteils ist Vest optimistisch. Seiner Meinung nach wird die amtierende Koalition die kommenden Wahlen verlieren und die Macht wird an die flexibleren, den Forderungen der Gemeinschaft Christiania günstiger gesonnenen Sozialdemokraten gehen. Während der kommenden Monate werden die Einwohner der Siedlung Mittel aufbringen und Bankkredite beschaffen, um so viele „besetzte“ Grundstücke wie möglich zu kaufen.

„Die entscheidende Frage ist jetzt, wie Christiania verwaltet wird. Wir wollen ein Mitspracherecht über die Entwicklung, darüber, welche Leute hier leben. Wir werden ganz sicher keine Immobilienspekulation durch Leute von außerhalb der Gemeinschaft erlauben“, betont Vest. (pl-m)