Die Zentrale des KGB im Zentrum von Minsk ist bei den Einheimischen als „Amerikanka“ bekannt. Keiner weiß so recht, wie der ausgedehnte Komplex zu diesem Namen kam, doch in Weißrussland weiß jeder, dass man dem Ort besser fernbleibt. Mit seinen korinthischen Säulen und seinen knallgelben Mauern wirkt das Gebäude von außen harmlos. Doch in Wirklichkeit ist es ein Kerker für Europas letzte politische Häftlinge und das Epizentrum einer brutalen, vom letzten Diktator des Kontinents angeordneten Razzia.

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko regiert sein Land mit eiserner Faust, seitdem die Republik 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangte. Doch in den letzten beiden Monaten verfolgten seine Sicherheitskräfte seine Gegner mit einer Heftigkeit, die zu sowjetischen Zeiten nicht fehl am Platz gewirkt hätte. So gut wie alle Präsidentschaftskandidaten, die es wagten, in den fehlerbehafteten Wahlen vom vergangenen Dezember gegen Lukaschenko anzutreten, wurden gefangengenommen oder unter Hausarrest gestellt. Wiederholt wurden Anschuldigungen über Folterungen erhoben, während die Kandidaten unter Druck gesetzt wurden, sich in Videoerklärungen gegenseitig zu denunzieren.

Das ist erst der Anfang der Schauprozesse

Manche gaben nach, doch die meisten weigerten sich und müssen nun mit der Möglichkeit jahrelanger Haftstrafen rechnen, weil sie es gewagt haben, sich für eine Wahl aufstellen zu lassen. Fünf Rechtsanwälte, die Gefangene vertraten, wurden ausgeschlossen, während weitere 700 gewöhnliche Bürger ebenso im Rahmen dessen verhaftet wurden, was Human Rights Watch als eine „juristische Farce“ beschrieb. Und das ist erst der Anfang der Schauprozesse – in einem Land, in dem die Geheimpolizei immer noch KGB heißt.

Letzte Woche wurde Alexander Otroschenkow, Pressesprecher eines prominenten Oppositionspolitikers, in den Angeklagtenstand eines Gerichtssaals geführt und nach einem Gerichtsverfahren, das nur ein paar Stunden gedauert hatte, mit einer vierjährigen Haftstrafe in einer Hochsicherheitsanstalt belegt. Die Staatsanwälte beschuldigten Otroschenkow und zwei weitere Personen des Vandalismus während der Massendemonstration in Minsk in der Nacht der Präsidentschaftswahlen. Der 30-Jährige gab zwar zu, an der Demonstration teilgenommen zu haben, wie Schätzungen zufolge insgesamt rund 30.000 Menschen, doch er leugnete, irgendetwas beschädigt zu haben. Der so genannte „Vandalismus“, der Otroschenkow vier Jahre im Gefängnis einbrachte, war das „Schlagen auf eine Holzschranke“.

Ein Rechtsanwalt legt Zeugnis ab

In den kommenden Tagen und Wochen werden die Prozesse weiterlaufen. Weitere 18 Personen, darunter sieben Präsidentschaftskandidaten, die gegen Lukaschenko angetreten waren, müssen sich wegen Veranstaltung eines Massenaufstands verantworten – ein Verbrechen, auf welches bis zu 15 Jahre Haftstrafe stehen. Ales Michalewitsch ist einer von ihnen. Zwei Monate lang dümpelte der frühere Rechtsanwalt und heutige Oppositionspolitiker im Amerikanka dahin, nachdem KGB-Agenten am Tag nach den Wahlprotesten in Minsk seine Tür eintraten und ihn verhafteten. Der 35-jährige Familienvater wurde am 19. Februar freigelassen, aber erst nachdem er eine Erklärung unterzeichnet hatte, laut welcher er mit dem KGB kooperieren und niemandem erzählen werde, was ihm widerfahren war.

Doch letzte Woche tat Michalewitsch etwas Beachtliches. Am Montag gelang es ihm, seinen Bewachern zu entwischen und sich zu einer Pressekonferenz zu begeben, wo er vor einer Gruppe Reportern die mit dem KGB unterzeichnete Erklärung zerriss und daraufhin eine detaillierten Bericht über die Misshandlungen abgab, denen er und seine Mithäftlinge nach eigenen Angaben unterworfen wurden. „Mir ist klar, dass ich noch vor Ende des heutigen Tages wieder in der Zelle der Strafanstalt des KGB landen kann“, sagte er. „Ich werde alles tun, was ich nur kann, damit dieses Konzentrationslager mitten in Minsk für immer verschwindet.“

Temperatur in der Zelle zwischen 8 und 10 Grad

Andrej Sannikow wird der Öffentlichkeit seit zehn Wochen enthalten. Er ist einer der beiden Präsidentschaftskandidaten, die immer noch in Amerikanka in Isolationshaft verwahrt werden (der andere ist Nikolai Statkewitsch). Sannikow, ein 54-jähriger früherer Diplomat, ist einer der prominentesten Oppositionsführer, die bei dem Protestmarsch vom 19. Dezember verhaftet wurden. Er wurde von der Bereitschaftspolizei niedergeknüppelt, als sie den Platz zurückeroberte. Seine Frau, die Enthüllungsjournalistin Irina Chalip, steht unter Hausarrest und zwei KGB-Agenten sind in ihrer Wohnung stationiert. „Die Bedingungen, unter denen er gefangen gehalten wird, sind entsetzlich“, erklärt seine Schwester Irina Bogdanowa, die in den 1990er Jahren nach Großbritannien kam. „Die Temperatur in der Zelle wird zwischen acht und zehn Grad gehalten und er hat seinen Anwalt nur während der Verhöre gesehen.“

Wladimir Nekljajew war noch nicht einmal auf dem Platz der Unabhängigkeit, als er und seine Anhänger von der Bereitschaftspolizei überfahren wurden. Der Präsidentschaftskandidat war mit einer Lautsprecheranlage auf dem Weg zum Platz, als Polizisten in schwarzen Lederjacken auf ihn losgingen, wie Zeugen berichteten. Nekljajew wurde zusammengeschlagen und ins Krankenhaus gebracht, doch nicht einmal seine Verletzungen verhinderten seine Verhaftung. Der 64-jährige Schriftsteller wurde von KGB-Agenten in eine Decke eingewickelt, aus seinem Krankenhausbett gehoben und nach Amerikanka gebracht.

„Die Männer identifizierten sich nicht“, berichtet seine Tochter Eva Nekljajew in einem Telefongespräch aus Finnland. „Sie sagten nicht einmal, dass er verhaftet war. Sie haben ihn einfach in einer Decke hinausgetragen. Erst acht Tage später wurden wir darüber informiert, wohin man ihn gebracht hatte.“

„Wir haben kein Gas, wir haben kein Erdöl. Aber wir haben Menschen“

Viele jener, die verhaftet und dann im Lauf der letzten zwei Monate freigelassen wurden, haben seither das Land verlassen. Natalja Koljada arbeitet mit dem Freien Weißrussischen Theater, einer Künstlertruppe, die enorme Risiken auf sich nimmt, um unzensierte Vorstellungen in Undergroundtheatern zu geben. Sie wurde währen der Proteste auf dem Platz der Unabhängigkeit verhaftet, doch später dank einer Formalität freigelassen. Ihre Familie wartete bis Mitternacht an Silvester, um über die Grenze nach Russland zu gehen und sich an den betrunkenen Grenzwächtern vorbeizumogeln.

Koljada drängt Europa und Großbritannien, eine festere Position gegenüber Weißrussland einzunehmen: „Minsk ist nur zwei Flugstunden von London entfernt. Die britische Regierung muss der weißrussischen Bevölkerung irgendein Zeichen geben, dass sie nicht alleine ist. Wir haben kein Gas, kein Erdöl, wir haben nichts, was für Länder wie Großbritannien von geopolitischem Interesse sein könnte. Aber wir haben Menschen. Bitte warten Sie nicht, dass diese Menschen auf der Straße umgebracht werden.“

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel