Herr Saviano, Sie sagen, es ist der Mafia gelungen, ihr Geld in Berlin, Paris oder auch Bukarest zu investieren. Die Balkanländer haben dabei eine „Brückenfunktion“ zwischen Osten und Westen. Die Drogenrouten und andere mafiöse Aktivitäten haben viele Länder der Region zu Drehscheiben des internationalen Drogenhandels werden lassen. Welche Rolle spielt Rumänien?

Ich habe vor kurzem Material gesammelt für eine Recherche zu diesem Thema [Prostitution] und habe so mit zahlreichen jungen Frauen aus diesem Gewerbe gesprochen. Nach den vielen Telefongesprächen ist mir eine wichtige Sache klargeworden: diese Mädchen scheinen vielmehr der „gesunde“ Teil dieser ganzen Geschichte zu sein, sie wissen, wie die Dinge laufen, auch die Mechanismen auf dem Markt. Dazu muss erwähnt werden, dass in Italien die meisten Mädchen in diesem Gewerbe aus Osteuropa stammen und Rumänien zu den größten „Exportländern“ zählt. Wir sprechen hier von Hunderten von Begleithostessen. In Rom zum Beispiel ist es ein offenes Geheimnis, dass die hübschesten und billigsten Begleitdamen aus Rumänien kommen.

Was bedeutet „billig“?

100 Euro. Die Mädchen sind sehr gepflegt, gut geschminkt, haben eine Brustoperation und nehmen keine Drogen. Eine Begleitdame gleichen Kalibers aus Russland verkauft ihren Körper hingegen für 200 oder 300 Euro. Die Rumäninnen sind auch oft sehr jung und gelten als besonders offen. Sie werden in den meisten Fällen per Telefon kontaktiert und sie sagen allen Kunden sofort zu, ohne Bedingungen zu stellen. Eine italienische „Kollegin“ beispielsweise verhandelt nicht, sondern fordert erst einmal Informationen über den Kunden und seine Erwartungen... Darüberhinaus habe ich den Eindruck, dass die rumänischen „Begleiterinnen“ den Markt extrem gut kennen. Sie geben auf alle Fragen genau die Antworten, die ein italienischer Mann erwarten würde. So vermitteln sie ihren Kunden das Gefühl, sie würden sie „erobern“.

Auf die Frage in welchem europäische Land sie gern arbeiten würden, antworteten die rumänischen Begleitdamen sofort „in Italien“ mit der Begründung, dass die italienischen Kunden sich nicht so betrinken, wie in Deutschland oder in anderen Ländern, sondern den Moment der „Begegnung“ mit reichlich Komplimenten oder Geschenken versüßen.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die rumänischen „Begleithostessen“ auf dem italienischen Markt geneigt sind, ihre Nationalität zu verschweigen. Sie geben sich meistens als Russinnen aus, wie den Webseiten, auf denen sie sich präsentieren, zu entnehmen ist. Ich habe den Eindruck, dass sie versuchen, die in Italien gängigen aber falschen Assoziation „Rumänien, das bedeutet Zigeuner oder Elend“ zu vermeiden. Sie geben sich lieber als Russinnen aus, um ihre Marktposition zu sichern. Doch ihre Herkunft wird bei den Preisverhandlungen deutlich, denn ihre Preise liegen unter dem Marktwert. Hinzu kommt, dass die Mädchen nie über ihre skrupellosen Zuhälter sprechen. Diese Personen bleiben ein Geheimnis, egal wie sehr man versucht auch nur eine allgemeine Beschreibung zu bekommen. Was man hingegen weiß, ist, dass die „Geschäftsführer“ nicht immer Rumänen sind. Es sollte uns zu denken geben, dass alles von den „Versteigerungen“ seitens der italienischen Mafia-Organisationen, welche die Gebiete vor Ort kontrollieren, abhängt und von deren „Unter-Versteigerungen“, durch welche der Markt der Prostitution aufgeteilt wird. In letzter Zeit sieht es so aus, als würden sich die kriminellen Netzwerke aus Rumänien aber durchsetzen, wobei diese versuchen, ihre weiblichen „Angestellten“ auch für den Drogenhandel einzusetzen.

Man könnte also von einer Art Quantensprung sprechen...

Ganz genau. Viele der über Tausend rumänischen Begleitdamen haben begonnen, Kokain an ihre Kunden zu verkaufen, auch wenn diese gar keine Drogen nehmen. Wir haben es hier mit einer absoluten Neuheit zu tun, mit einer neuen Strategie der rumänischen kriminellen Organisationen in Italien. Dadurch versuchen sie, die Beziehungen mit ihren italienischen „Kollegen“ zu „konsolidieren“, denn diese haben bisher mit den schon seit längerer Zeit in Italien operierenden Albanern, Bulgaren, Mazedoniern und Ukrainern zusammengearbeitet.

Sie berichten mit einer erschreckenden Sicherheit über das Phänomen. Wie kann sich denn ein Schriftsteller so sicher sein? Woher bekommen Sie Ihre Informationen?

Das ist ganz einfach. Bei der Untersuchung zu den „Begleithostessen“ zum Beispiel sind die Daten allen zugänglich, sie stehen nicht nur in den Polizeiberichten. Auf den einschlägigen Webseiten in Rom beispielsweise schalten Begleitdamen aus Rumänien ständig Anzeigen, und mittlerweile kann ich diese auch sofort identifizieren. Man erkennt sie sofort, denn die Russinnen und Bulgarinnen schreiben in schlechterem Italienisch. Es ist ersichtlich, dass die Sprache der Rumäninnen dem Italienischen ähnelt, während die Bulgarinnen zum Beispiel die automatischen Übersetzungen bei Google benutzen. Wie auch immer, in letzter Zeit habe ich noch einen neuen Trend auf dem Markt der Begleithostessen festgestellt, nämlich dass man mittlerweile auch versucht, die Mädchen in Fernsehshows „unterzubringen“. Und das trifft nicht nur auf die Rumäninnen zu.

Man könnte jetzt behaupten, dass diese Praktiken so alt sind wie die Menschheit, dass sie so auch in anderen Ländern vorkommen. Das Problem in Italien ist aber, dass viele damit auch noch Karriere machen. Sie können es sogar bis zum Vize-Minister bringen, Stadträte werden oder auch andere Ämter übernehmen. Ich möchte hier nicht den moralischen Zeigefinger erheben. Hier geht es nicht in erster Linie um Ethik, denn schließlich kann ja jeder selbst entscheiden, an wen er seinen Körper verkauft. Wen interessiert das schon? Ich bin aber der festen Überzeugung, dass dies sehr wohl zum Problem wird, wenn Erpressung hinzukommt, also gegenseitige Gefallen, die man den „Mädchen-Lieferanten“ oder den Begleitdamen tut, oder wenn Schwarzgeld ins Spiel kommt, Korruption, die Empfehlung für den ein oder anderen „Job“.

Wie sind die Verbindungen zwischen den italienischen Mafiaorganisationen und den osteuropäischen?

Die italienische Mafia und der Typ des Mafioso wurden sehr erfolgreich in den Ostblock exportiert, ja sogar in die ganze Welt. Das Beispiel hat von Lateinamerika (Mexiko, Kolumbien, Chile, Argentinien, Uruguay) und bis nach Südafrika Schule gemacht. Nicht umsonst gibt es unzählige Verbindungen zwischen Montenegro und Uruguay. Der Drogenhändler Darko Šarić ist das Beispiel dafür. Šarić ist bekannt für seine hohen Umsatzzahlen, seine Ausdauer auf dem Markt, aber auch für sein politisches Prestige in seinem Heimatland. Alle wissen, dass Šarić weiterhin Drogen aus Uruguay schmuggelt und er sich immer noch in Montenegro befindet, aber die Politiker des Landes denken nicht daran, ihn auszuliefern, selbst wenn internationale Sanktionen drohen. Im Grunde ist es ihnen egal, denn ihr System konsolidieren sie mit Geldern aus anderen Quellen.

Jedes Land in Osteuropa hat seine Besonderheiten....

Richtig. In Zukunft wird auf dem Balkan die serbische Mafia, die auch an der Küste schon sehr stark geworden ist, eine starke Rolle spielen. Bei den Serben ist interessant zu beobachten, dass sie ihre Geschäfte nicht mehr mit den Kroaten machen, denn sie können sich auch auf kriminellem „Parkett“ nicht leiden. Sie arbeiten mit den Albanern zusammen, so wie schon während des Balkankrieges, als mit Waffen, Erdöl, und Drogen gehandelt wurde.... All das ist schon bei anderen Untersuchungen zum Vorschein gekommen. So zum Beispiel bei der von Misha Glenny (Anm. d. Red.: Autor des Bestsellers „McMafia – Verbrechen ohne Grenzen“, das Buch ist auch ins Rumänische übersetzt).

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die EU-Erweiterung?

Die Erweiterung ist für viele Länder Osteuropas hilfreich, denn sie ermöglicht die Konsolidierung des Rechtsstaates. Aber ich habe den Eindruck, dass es auch ziemlich viele Nachteile gibt. Warum ist das so? Weil jetzt auch das Geld der Kriminellen problemlos in die Länder Osteuropas gelangen kann, denn es gibt keine Zölle mehr und auch kein Anti-Mafia-Gesetzespaket. Die kriminellen Netzwerke haben schon lange begonnen, sich auf die neuen Möglichkeiten in Osteuropa einzustellen. Es wurden ganze Teile der ehemaligen DDR, Ex-Jugoslawiens, Albaniens und des Kosovo „gekauft“.

Während die italienische Mafia sich wo immer es ging im neuen, freien Europa eingekauft hat, waren die Umsätze in Westeuropa moderater. Ich erinnere mich an ein Telefongespräch, das die Polizei in Sizilien kurz vor dem Mauerfall in Berlin 1989 mitgeschnitten hatte, in dem bereits die Ankunft der „Geldkoffer“ durch Mafiosi der Cosa Nostra in nur 48 Stunden angekündigt wurde.

Aus dem Rumänischen von Ramona Binder