Welches Ausmaß der Atomunfall im japanischen Kraftwerk von Fukushima auch erreichen wird, seine Folgen sind schon in Europa spürbar. „Je mehr die Erinnerung an Tschernobyl verblasste, desto mehr hatte man den Eindruck, die Diskussionen hätten abgenommen. Nun tauchen sie unmittelbar wieder auf“, stellt Le Figaro fest. Für die Pariser Tageszeitung sind die Ereignisse in Japan „ein außerordentlich harter Schlag für die weltweite Atomindustrie“. Mit der Explosion der Erdölpreise 2008 „begann man vom Erwachen der zivilen Atomkraft weltweit zu sprechen“. „Neben der Wasser-, Solar- und Windkraft hatte Brüssel die Kernenergie auf Anregung aus Paris zu einer kohlenstoffarmen Energie‘ gemacht.“

„Keine Weltregion setzt so stark auf die Stromgewinnung aus Uran“ wie Europa, betont Die Welt. Weltweit werden durchschnittlich 15 Prozent des Energiebedarfs mit Atomkraft gedeckt. Die 144 Kraftwerke in Europa produzieren 30 Prozent der benötigten Energie. 71 Prozent der EU-Einwohner leben „in einem Land mit Reaktoren“.

Nun „haben die Atomkraftgegner in ganz Europa starken Aufwind“, berichtet Le Figaro: So in Deutschland, wo Angela Merkels CDU/FDP-Regierung im Herbst 2009 über die Verlängerung der Laufzeiten der 17 deutschen Kraftwerke abstimmen ließ […]. So in Österreich, das üblicherweise gegen Kernenergie ist. Dort setzte sich Umweltminister Nikolaus Berlakovich für einen Stresstest der europäischen Kraftwerke ein […]. In Großbritannien, wo die Regierung Camerons das Bauprogramm für Kernkraftwerke wiederbelebt und im Oktober acht neue Standorte in Betracht gezogen hatte, befürwortete Energieminister Chris Huhne eine Untersuchung der ‚notwendigen Lehren‘, die man aus dem Vorfall zu ziehen habe; und das, obwohl im Juni eine Entscheidung über die Rückkehr zur EPR-Technologie von Areva und EDF ansteht.“

Der Spiegel zögert dagegen nicht, auf seinem Titel das „Ende des Atom-Zeitalters“ einzuläuten. Für das deutsche Nachrichtenmagazin ist klar: das „Restrisiko“ muss völlig neu berechnet werden. „Sicherlich, Japan ist ein Erdbebengebiet, das erhöht das Risiko, das unterscheidet Japan in der Tat von Deutschland oder Frankreich. Aber Japan ist eben auch eine führende Industrienation, in der gutausgebildete, pedantisch-korrekte Ingenieure die modernsten und zuverlässigsten Autos der Welt bauen.

Damals, als Tschernobyl havarierte, konnte Deutschlands Atomindustrie sich selbst und seinen Bürgern weismachen, dass dort in Osteuropa eben veraltete Reaktoren und unfähige, schlampige Ingenieure im Einsatz seien. Westliche Reaktoren hingegen, so hieß es, sind moderner, besser gewartet – einfach sicher. Nun zeigt sich, wie überheblich diese Selbstgewissheit ist. Wenn ein Unglück wie dieses in Japan geschehen kann, dann bedeutet es, dass es auch in Deutschland geschehen kann, es braucht bloß die entsprechende Kette fataler Umstände. Fukushima ist überall.“

Seit Jahren „werden Sicherheitsbedenken laut vorgetragen, wenn es um die Kernkraftwerke in Osteuropa wie Mochovce [in der Slowakei] oder Temelin [in der Tschechischen Republik, nicht weit von der österreichischen Grenze entfernt] geht“, erinnert Der Standard. Sobald es sich aber um deutsche Kraftwerke dreht, „ist die Kritik verhaltener“. Obwohl beispielsweise „seit Jahren bekannt ist, dass das deutsche AKW Neckarwestheim in Baden-Württemberg in einem erdbebengefährdeten Gebiet liegt“.

Diese Verwundbarkeit zeigt, dass „die zentralen Fragen nicht eindeutig zu beantworten sind: Ist die Technik beherrschbar? Können Kernkraftwerke sicher betrieben werden? Kann eine sichere Entsorgung gewährleistet werden?“ Es ist die Aufgabe der EU, „eine Überprüfung der Kernkraftwerke in Europa“ in Angriff zu nehmen, meint die Zeitung. Für sie geht „der Vorschlag [des österreichischen] Umweltministers Nikolaus Berlakovich, einen europaweiten Stresstest für AKWs durchzuführen, in die richtige Richtung“.

Vorsicht oder Angstmacherei? Seit dem radioaktiven Leck im US-amerikanischen Kraftwerk Three Miles Island 1979 „haben wir technologische Fortschritte gemacht“, betont Hospodářské noviny. Im Gegensatz zur Tschernobyl-Katastrophe von 1986 „gibt es heute kein kommunistisches Regime mehr, das prinzipiell auf die Sicherheit seiner Bevölkerung pfeift“. Zudem liegt Europa überwiegend auf nicht-erdbebengefährdetem Gebiet. Daher „sei es umso abwegiger, auf die Atomenergie zu verzichten, zumal alternative Energiequellen nur begrenzt vorhanden sind“, schreibt die tschechische Tageszeitung. Für das Blatt „wäre die richtige Reaktion auf Fukushima also kein panischer Atom-Ausstieg. Vielmehr müsse man aus den Ereignissen die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und die Sicherheitsmaßnahmen verbessern“.

Gewiss darf der Unfall von Fukushima nicht unterschätzt werden, schreibt Kolumnist Sergio Rizzo im Corriere della Sera. Jedoch „dürfe man die grundlegenden Entscheidungen unserer Energiepolitik nicht von der verständlichen Ergriffenheit abhängig machen, die diese Tragödie ausgelöst hat. Das haben wir bereits getan und uns gehörig die Finger verbrannt: Das [italienische] Anti-Atom-Referendum war 1987 so erfolgreich, weil der Tschernobyl-Unfall einen solchen Schock ausgelöst hatte.“ Anstatt jedoch den Weg für die versprochenen grünen Energien freizumachen, hat diese Abstimmung über die Schließung der italienischen Kraftwerke vor allem zur Abhängigkeit vom Erdöl geführt.

Einer ähnlichen Meinung ist übrigens auch der Standaard in Belgien: „Wie müssen den Preis für unseren Lebensstil zahlen“. „Solange wir nicht bereit sind, unseren Verbrauch radikal zu verändern, müssen wir hinnehmen, dass die relativ billig produzierte Energie Risiken birgt.“ In diesem Zusammenhang – ein terminlicher Zufall? – hat die belgische Regierung diese Woche eine „Informationskampagne“ gestartet, in der „die Bevölkerung darüber aufgeklärt werden soll, wie sie sich im Fall eines Atom-Unfalls zu verhalten habe“. (pl-m)