Wie sahen die Europäer Italien vor einhundertfünfzig Jahren? Mit Erstaunen, Ungläubigkeit und Bewunderung. In ihren Augen war den Italienern etwas Großartiges gelungen — die nationale Einheit —, was als unmöglich galt und auf bewundernswerte Weise gelungen war. Und heute? Heute sehen die Europäer wieder verwundert und ungläubig auf Italien. Und mit Ernüchterung und Misstrauen. Als würden sie es nicht wiedererkennen.

Italiens Einigung war ein europäisches Ereignis ersten Ranges. Europa war dabei nicht nur Schauplatz und der Raum, in dem es widerhallte, sondern ein ausschlaggebender Bestandteil. Italien wurde geschaffen, um politisch und militärisch eine vollwertige Nation innerhalb Europas zu werden. Für ein anderes europäisches Volk, das deutsche, bot Italien das Vorbild, wie man seine nationale Einheit zu erreichen kann.

Mit Geschick und Opportunismus zwischen den Großmächten

Als Preußen 1866 unter der Federführung von Otto von Bismarck die eigene nationale Einigung vorantrieb, folgte es zwar nicht der Strategie des Grafen von Cavour, dem Vater der italienischen Einheit, aber es wollte Italien sicher an seiner Seite wissen, um den gemeinsamen Feind im Zaum zu halten: Österreich. So entstand der Mythos von der „natürlichen Allianz“ zwischen dem italienischen Piemont und dem deutschen Preußen. Er wurde zum Grundstein für den zukünftigen Einklang zwischen beiden Ländern. In guten wie in schlechten Zeiten.

Die geopolitische Lage Italiens zwingt die italienische Diplomatie, sich mit Geschick und Opportunismus zwischen den europäischen Großmächten zu bewegen. Als 1914 der Krieg ausbrach, gehörte Italien faktisch zum Dreibund Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien, erklärte sich aber als neutral, bevor es dann im Jahr darauf sich der Entente Vereinigtes Königreich-Frankreich anschloss und in den Krieg trat. Österreicher und Deutsche warfen dem Land Verrat vor. Es war das erste Mal, dass Europa hinsichtlich Italiens in zwei Lager gespalten war.

Kein Sinn für Gemeinschaft und Staat

Heute erscheint es fast geschmacklos, vor allem nach der europäischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn man noch an diese Ereignisse erinnert. Die Europäer können nicht verstehen, warum wir heute mit so viel Leidenschaft oder Verbitterung darüber streiten, ob wir — oder nicht — eine geeinte Nation bleiben wollen. Und wenn ja, wie.

Sie können nicht verstehen, warum wir sagen „man fühle sich nicht als Italiener.“ Dermaßen springt die „Italianità“ auf der gesamten Halbinsel — trotz regionaler Unterschiede — ins Auge. Es entgeht ihnen dabei, dass es hier nicht um Sitten, Traditionen, um Küche oder um eine (pseudo-) religiöse Einstellung geht, sondern um den fehlenden Sinn für Gemeinschaft und Staat.

In der Realität halten — leider! — einige Europäer dies für eine lässliche Sünde der Italiener und begreifen nicht, wie sehr der von der Lega Nord gepriesene Föderalismus voll von anti-nationalen Ressentiments ist. Für einen Deutschen, der seit Jahrzehnten von einem effizienten und gut geölten Föderalismus profitiert, ist es unvorstellbar, dass hinter den Föderalismus-Forderungen der Lega Nord anti-nationale Motive stecken. Aber in Italien ist es so. Ein Grund mehr, warum man einander nicht immer versteht. (js)