Schenkt man der Berlusconi-Regierung Glauben, ist Italien mit einem wahrhaftigen Tsunami illegaler Einwanderer, hauptsächlich aus Tunesien, konfrontiert. Die Regierung fordert lautstark, dass diese "Belastung“ zwischen den EU-Staaten aufgeteilt werden müsse und droht, den illegalen Einwanderern "gültige Aufenthaltsgenehmigungen“ für drei Monate auszustellen, so dass diese das Land frei in die Partnerländer verlassen können, die wiederum gezwungen wären, sie aufzunehmen...

Die besagten Partner, insbesondere Deutschland, Österreich und Frankreich, schätzten diesen Erpressungsversuch ganz und gar nicht und gaben dies beim Treffen der Innen- und Justizminister am 11. April in Luxemburg dem italienischen Vertreter, Roberto Maroni, eine Parteigröße der fremdenfeindlichen und regionalistischen Lega Nord, deutlich zu verstehen.

"Wir können nicht akzeptieren, dass zahlreiche Wirtschaftsflüchtlinge über Italien nach Europa kommen. Deshalb erwarten wir, dass Italien die bestehenden Regeln respektiert und seinen Pflichten nachkommt“ ließ der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich wissen, der sich dafür aussprach, Grenzkontrollen innerhalb der Union wieder einzuführen. Sein französischer Amtskollege Claude Guéant kündigte unterdessen an, dass die Kontrollen an der französisch-italienischen Grenze verstärkt würden, um illegale Flüchtlinge aus Tunesien abzuweisen. Man ließe sich unter keinen Umständen auf die Erpressung Italiens ein. Maroni macht seiner Wut Luft und ging in der verbalen Eskalation noch weiter: "Man lässt Italien im Stich. Ich frage mich, ob unter diesem Umständen eine EU-Mitgliedschaft noch Sinn macht.“

"Reinste Wahlkampf-Agitation"

„Das ist alles reinste Wahlkampf-Agitation, sowohl in Italien als auch in Frankreich“, urteilt Patrick Weill, Forschungsleiter an staatlichen Forschungseinrichtung CNRS und Immigrations-Experte. "Es gibt keinen massiven Zustrom, im Gegensatz zu dem, was die italienische Regierung und die spektakulären Bilder von Lampedusa glauben machen“. Auf Lampedusa landen die leisten illegalen Tunesier.

Konkret sind seit der tunesischen Revolution im Januar rund 25.800 Menschen an den italienischen Küsten gelandet, eine geringe Zahl angesichts der wirtschaftlichen Lage des Landes und des Libyenkriegs. Eine unspektakuläre Ziffer, wenn man bedenkt, dass Italien — heute ein Einwanderungsland — in mehreren Wellen die Situation von mehr als einer Million illegaler Einwanderer regularisiert hat. Die letzte Welle dieser Art fand 2009 statt. "Es gibt in Wirklichkeit keine 'Belastung' die geteilt werden müsste“ meint Patrick Weill. "Der Zustrom ist normal und überschaubar.“

Doch Rom will aus dieser Frage ein europäisches Problem machen, indem vorgegaukelt wird, dass Europa ein Sieb sei. Mit einem Schlag wird also der Euroskepsis und der Ausländerfeindlichkeit eines Teils der Wählerschaft geschmeichelt. Im Gegensatz zu dem, was die Regierung Berlusconi behauptet, erlauben es befristete Aufenthaltsgenehmigungen nicht, sich in einem anderen EU-Land niederzulassen, wie die EU-Kommission erbost über diesen Regelmissbrauch klarstellte.

Eine EU-Richtlinie von 2003 gibt den Bürgern aus nicht EU-Ländern zwar das Recht, sich überall innerhalb der Union niederzulassen, doch dazu braucht es eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung (und nicht eine dreimonatige). Des Weiteren müssten sie nachweisen, dass sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können (einen Arbeitsplatz oder Ersparnisse). Auch die Freizügigkeit für angemeldete Nicht-EU-Bürger innerhalb der Union unterliegt der Bedingung, das die Personen über die nötigen Mittel verfügen. Ausländer mit kurz befristeten Aufenthaltsgenehmigungen und ohne Geld können also ins Erstaufenthaltsland, in diesem Fall Italien, ohne Umstände ausgewiesen werden...

Neue Zusammenarbeit mit Tunesien

Die Tatsache, dass innerhalb des Schengenraums die Grenzkontrollen abgeschafft wurden, bedeutet nicht, dass die Staaten auf jegliche Kontrolle verzichtet hätten: Mobile Kontrollen sind durchaus zulässig, und im Falle einer Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder Sicherheit können die Grenzen vorübergehend wieder hergestellt werden. Kurzum, Claude Guéant, weiß dass es ihm ein Leichtes ist, wie er sagt, "alle rechtlichen Mittel zu nutzen, damit das Schengen-Abkommen respektiert wird.“

Italiens Kritik an seinen Partnern ist umso unwillkommener, als dass Frontex dem Land bei der Sicherung der Grenzen beistehen könnte. Diese europäische Agentur zum Schutz der EU-Außengrenzen ermöglicht nämlich, die Ressourcen von verschiedenen EU-Ländern im Problemfall zu bündeln, wie es heute beispielsweise an den Ostgrenzen der Union häufig der Fall ist.

Im übrigen haben sich Guéant und Maroni am Freitag in Rom darauf geeinigt, im Rahmen der Frontex "gemeinsam vor der tunesischen Küste zu patrouillieren, um die Abfahrten zu blockieren.“ Und zu guter Letzt wird die EU im Gegenzug zu den versprochenen Hilfen beim politischen Übergang Tunesiens eine neue Zusammenarbeit im Kampf gegen die illegale Einwanderung einfordern. Womit bereits begonnen wurde. Viel Lärm um nichts?

JEAN QUATREMER