Bis heute spielte sich das Leben in der oltenischen Kleinstadt Deveselu rund um den Turm im Stadtzentrum und in den paar Kneipen ab. Seitdem aber die hochoffiziellen Autos eingetroffen sind und das Projekt des US-Raketenabwehrschirms sich konkretisiert hat, ist der amerikanische Traum über die Oltener hereingebrochen.

Ein Rapsfeld, ein Bahnübergang und ein Blechflugzeug, das gen Himmel ragt: vor der Militäreinheit von Deveselu, einer Ortschaft, die 7km von der größeren Stadt Caracal entfernt liegt, gibt sich der Bürgermeister Gheorghe Beciu weltoffen und bereit für die Globalisierung, die mit der Stationierung des Raketenabwehrschirms auch seine Region umfassen wird. „Von heute an rechnen wir mit vielen guten Tagen“, fügt er später mit Begeisterung hinzu, als er vor dem Monument einer Kanone steht, von dem die Farbe bröckelt.

In dem Dorf, das seit 2003 ohne eigenen Bahnhof, Abwassersystem und Gasversorgung auskommen muss, lässt die Aussicht auf den Raketenschutzschirm die Herzen der Bewohner höher schlagen. Die Hauptbeschäftigung in der 3.200-Seelen Gemeinde sind Landbau und Viehzucht und einige Bewohner haben sich schon bereit erklärt, den etwa 500 Soldaten, die bald ihre Nachbarn sein werden, einiges beizubringen. „Auf der Militärbasis gibt es viel Ackerland. Dort könnten sie etwas anbauen und wir stellen ihnen die Schaufeln zur Verfügung“, sagt ein Bewohner, der die Unterweisung plant.

„Wir werden eine Diskothek bauen“

In der Kneipe teilen sich mehrere Männer drei Bier, einen Schnaps und einige Handvoll Sonnenblumenkerne. Es werden alle Aspekte des dominierenden Tagesthemas ausdiskutiert. „Dieser Abwehrschirm ist doch auch Selbstschutz für Rumänien gegen die Russen, gegen Terroristen. Jetzt wo sie Bin Laden getötet haben, könnten die Terroristen uns im Visier haben?“, fragt sich ein Bewohner.

Die Bewohner von Deveselu möchten den Amerikanern einen gebührenden Empfang bereiten, nicht nur weil damit die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze verbunden ist. Ein Kneipenbesitzer aus dem Dorf ist bereit, in Unterhaltungsmöglichkeiten für die 500 amerikanischen Soldaten zu investieren, die schon bald in der Region Oltenien eintreffen werden. „Wir werden eine Diskothek bauen und ihnen schöne Mädchen bieten“, sagt Gigi Paun lachend.

Die Dorfbewohner haben seit 1953 Erfahrungen mit Soldaten. Am Rande des Ortes gibt es immer noch das Viertel, wo die Familien der Piloten wohnten, die bis zur Schließung der Militäreinheit im Jahr 2002 dort angestellt waren. „Was haben wir damals nur die riesigen Pisten gefegt.... Ab und zu stürzte ein Flugzeug ab, aber eher selten. Sie donnerten durch die Luft, aber daran hatten wir uns gewöhnt. Wenn hier Flugmanöver stattfanden, haben die Kühe sogar schneller gekalbt“, sagt Pavel überzeugt davon, dass der Schutzschirm das Dorfleben auf keinen Fall stören werde.

Nach den Römern, die Amerikaner

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die anmerken, dass der Raketenschutzschirm Strahlungen und anderes Unglück mit sich bringen könnte, aber diese weiß der Dorfbürgermeister zu beschwichtigen: „Ich verstehe gar nicht, wieso sie befürchten, dass wir in Deveselu zur Zielscheibe werden könnten. Es kann doch auch schon gefährlich sein, durch Caracal zu laufen und ein Ziegelstein fällt dir auf dem Kopf“, so Beciu verwundert. Im Pilotenviertel, ehemals der ganze Stolz von Deveselu, zeugen die heruntergekommenen Wohnblocks gar nicht mehr von den besseren Zeiten der Luftfahrt. Die meisten Piloten sind Rentner und sind aus der Region weggezogen.

Costică Olaru war bis 1998 Pilot in Deveselu. „In diesen Wohnblocks haben damals über 50 Piloten gewohnt und noch weiteres Personal aus der Branche“, so der Pilot. In der Garage bewahrt er noch die goldenen Adler auf, die seine Uniform einst zierten und die er heute für die Reinigung verschiedener Ersatzteile einsetzt. „Hier war früher die Crème de la crème der rumänischen Luftfahrt stationiert. Die Piloten waren immer im Einsatz, in allen Lebenslagen. Vielleicht kommen ja mit den Amerikanern die guten Zeiten wieder, von denen ich seit 15 Jahren träume“, sagt Olaru und erinnert sich an die vergangenen Zeiten, als seine Frau noch nicht in Italien Arbeit suchte und seine Kinder auch noch nicht über die ganze Welt verstreut lebten. Heute wollen fast alle Bewohner nur dem Leben hier entkommen und verkaufen deshalb ihre Wohnungen für ein bisschen mehr als 20.000 Euro.

Nach Deveselu, dem „neunten Dorf an der Donau“, wie es die slawische Etymologie des Namens verrät, kommen nach den Römern, die vor fast zwei Jahrtausenden ihr Know-How in der Errichtung von gepflasterten Straßen mitgebracht haben, nun die Amerikaner mit der nächsten bahnbrechenden Erfindung. „Die NATO hat uns 2002 die Luftfahrt weggenommen, die NATO hat sie uns heute wieder gegeben“, so das Fazit eines Bewohners von Deveselu, der in seinem Leben schon viel erlebt hat.

Aus dem Rumänischen von Ramona Binder