Jeden Tag verlässt ein 750 m langer Zug den Bahnhof von Barcelona in Richtung Lyon. Er fährt mit gemächlichen 40 km/h, aber für den Güterverkehr ist Geschwindigkeit keine Kardinaltugend. 15 Stunden später kommt er am Ziel an. Davon konnte man bis letztes Jahr nur träumen, denn die Gleise waren alt, außerdem musste die Fracht wegen der unterschiedlichen Spurweiten an der französischen Grenze umgeladen werden.

Der Wettlauf der Spanier

Madrid machte sich schnell an die Arbeit. Schon letzten Dezember überquerte der erste Containerzug auf der neuen Trasse die Pyrenäen, anfangs dreimal wöchentlich, dann siebenmal, und reduziert so den Straßenverkehr und die Abgasbelastung erheblich. Jetzt erwägen die Spanier, die davon ausgehen, dass das Angebot die Nachfrage fördert, eine Verdoppelung des Verkehrs. Trotz des langsamen Starts ist Brüssel der Meinung, dass Spanien auf dem richtigen Weg sei. "Das Land ist dabei, sich voll ins europäische Verkehrsnetz zu integrieren“, erklären Sprecher der EU-Kommission. Nächstes Jahr wird die Hochgeschwindigkeitsverbindung bis nach Katalonien verlängert, und von dort ist es dann nur noch ein Katzensprung nach Madrid.

2020 steht Valencia auf dem Programm. Danach will man sich bis Cartagena vorwagen. Auf lange Sicht, denn solche Vorhaben sind langfristig zu planen, werden alle Mittelmeerhäfen der iberischen Halbinsel an das Hochgeschwindigkeitsnetz angebunden sein. Dann sind dem Güterverkehr im europäischen Binnenmarkt und sogar darüber hinaus keine Grenzen mehr gesetzt.

In den höheren Etagen in Brüssel sind die Spezialisten des TEN-T, der explosiv klingende Name des transeuropäischen Verkehrsnetzes, nur mäßig zufrieden. Sie orchestrieren die Umsetzung von dreißig vorrangigen Vorhaben, das heißt insgesamt 11.000 km Straßen, 32.800 km Bahngleise und 3.660 km Schifffahrtswege. Ende 2010 betrugen die geplanten Investitionen 395 Milliarden Euro, wovon 62 Prozent bis 2013 ausgegeben sein müssen. "Auf Strecken von mehr als 300 km muss die Bahn bis 2030 ein Drittel der Güter- und Personenbeförderung übernehmen“, so die Kommission. Ein ehrgeiziges Ziel.

Neue europäische Bilanz

Ende Juni hat Brüssel den Haushalt neu geprüft und zehn Vorhaben ausgewählt, denen nun absoluter Vorrang eingeräumt wird. Zu den vier Hauptprojekten zählen die Fehmarnbeltquerung von Kopenhagen nach Hamburg, die Binnenwasserstraße Seine-Schelde, der Brennertunnel und die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon. Nur ein Vorhaben, nämlich das vierte, kommt nicht vom Fleck und zwar aus Gründen, die seit Tagen Schlagzeilen machen, nicht nur in den Wirtschaftsblättern. Der Tunnel gehört zur Verbindung Nummer 6, die von Rodano durch die Poebene nach Budapest führt. Die Kommission hofft weiterhin, dass hier ab 2025 die 750 m langen Güterzüge die Alpen queren. Die Franzosen sind fest davon überzeugt und beginnen sogar, sich einen Tunnel durch den Monginevro vorzustellen. "Die Verkehrsdrehscheibe Rhône-Alpes will nicht abgehängt werden“, so der Kommentar aus Brüssel.

Überall wird rege geplant und gebaut. Sarkozy möchte den Kanal nach Antwerpen 2017 in Betrieb nehmen, obgleich er das Projekt gerade erst bewilligt hat. Der Brennertunnel wurde im Frühjahr begonnen und soll 2024 betriebsbereit sein. Der Gotthard-Durchstich ist beendet und es wurde mit der Einrichtung des Eisenbahntunnels begonnen, durch den 2017 die ersten Züge fahren sollen. Die Verlängerung des Monte Ceneri ist für 2019 geplant. Ist das nötig? "Sehen Sie sich den Simplon an“, tönt es aus europäischen Kreisen. "Beide Röhren des Tunnels sind bereits gesättigt, durch den neuen Tunnel fahren 110 Zügen pro Tag.“ Dasselbe gilt für den Brenner: überfüllte Gleise und verstopfte Autobahn.

Umstrittenes Projekt in Stuttgart

Die Betriebsamkeit in Belgien, Polen und Deutschland ist allerdings nicht frei von politischer Reibung. Die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm ist wegen des geplanten Tiefbahnhofs umstritten, der, so die Kritiker, das Stadtbild zerstört. "Ein Schlichter wurde eingeschaltet“, so Brüssel, "Mitte des Monats wissen wir mehr.“

Der Streit wird in Italien, vor allem im Piemont, mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Durch Stuttgart läuft nämlich auch das Vorhaben Nummer 17, das Paris mit Wien und Bratislava über Straßburg verbindet, die künftige Güterdrehscheibe Europas. Züge aus Lyon (und so auch aus Marseille) sowie aus Genua fahren über die elsässische Hauptstadt nach Antwerpen und Rotterdam. Hier wird sich der Verkehr zwischen dem Tyrrhenischen Meer und der Nordsee und dem Atlantik und dem Schwarzen Meer kreuzen. "Ohne den Fréjus-Tunnel wird Turin zu einer Sackgasse“, meint ein europäischer Beamter, "eine ehemalige Hauptstadt, die vom Okzident und vom Orient überholt wurde, die ab 2030 von Güterverkehr ausgeschlossen und deshalb dem Untergang geweiht ist.“

"Man kann dieser Tatsache auch positiv gegenüberstehen“, so das Fazit aus Brüssel, "aber man darf die Folgen nicht vergessen. Das übrige Europa sieht jedenfalls entschlossen in die Zukunft.“