Der Schlacht um den Euro hat endgültig begonnen. Edward Altman, Finanzanalyst bei Classis Capital, hatte es bereits vor einem Monat vorausgesagt: „Die letzte Schlacht um den Euro wird nicht in Spanien ausgetragen werden, sondern an den malerischen Stränden und in den Kathedralen Italiens.“ Viele glauben, dass am Ende ein Zahlungsausfall Griechenlands zu verkraften sei, nicht aber einer Italiens.

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone nach Deutschland und Frankreich ist zu groß, um zu scheitern, um es einmal mit den Worten der amerikanischen Krise zu beschreiben. Doch ist sie auch zu groß, um gerettet werden zu können. Die griechischen Staatsanleihen belaufen sich auf 350 Milliarden Euro, die Italiens auf 1600 Milliarden. Griechenland zahlt für seine Schulden Zinsen in Höhe von 6,7 Prozent seines BIP, Italien hingegen 4,8 Prozent, das heißt mehr als Portugal. Einige Banker, wie beispielsweise Michael Riddell von M1G Investments, gehen bei der anstehenden Schlacht von einem „Blutbad“ aus.

Die Wirklichkeit sieht anders aus als erwartet. Derselbe Altman betont, dass „der Ausgang der Schlacht noch offen ist“. Trotz Schuldenbergs und Zinslast, sind die Grundlagen der italienischen Wirtschaft, einmal abgesehen von der politischen Unsicherheit, besser als in anderen Krisenländern Europas.

Grundfeste der italienischen Wirtschaft besser als anderswo

Im Gegensatz zu Griechenland ist der Staatshaushalt, Zinsen ausgeklammert, im Gleichgewicht. Zwei Drittel der öffentlichen Verschuldung liegen in Händen von italienischen Banken und Privatpersonen. Das Land verfügt über eine solide Industrie, deren Wachstum über den Export angekurbelt werden kann. Auf der anderen Seite aber ist Italiens Wirtschaftswachstum schleppend. Zwar wächst das BIP Jahr für Jahr, das Verhältnis Schulden/BIP aber wächst anstatt sich zu verringern. Bei dem derzeitigen Tempo des Wirtschaftswachstums ist die Reduktion desselbigen Wunschdenken. So prognostiziert beispielsweise Barclays Capital für 2050 ein Verhältnis Schulden/BIP auf dem aktuellen Niveau von 120 Prozent.

Diese zweischneidige Analyse der italienischen Lage erklärt, warum die Finanzspekulation so lange gewartet hat, um Italien anzugreifen. Für die Spekulanten wäre das Ende des Euro und die daraus resultierenden Schwankungen ein Glücksfall. Aber nur weil Europa, und an seiner Seite die Vereinigten Staaten, sich anschicken werden, ihn zu retten. Eine Studie von M&G zeigt auf, dass die europäischen Banken, die italienische Anleihen gezeichnet haben, das Ausfallrisiko vor allem bei amerikanischen Geldinstituten Ausfallrisiken mit CDS (Credit Defaut Swaps) rückversichert haben. Ginge Italien bankrott, müssten die US-Banken riesige Summen zahlen.

Das ist weithin bekannt. Was hat sich dann Anfang Juni geändert, um die amerikanischen Hedge-Fonds davon zu überzeugen, stark in die italienischen Staatsanleihen einzugreifen? Laut Financial Times haben die Hedge-Fonds begonnen, lang- und mittelfristige Obligationen (BTI, „Buoni del Tesoro poliannali“) abzustoßen. Hinter dieser Strategie steht keine sonderliche Verschlechterung der öffentlichen Finanzen Italiens.

Die Sache mit der 7-Prozent-Marke

In weiten Teilen, abgesehen von der Unsicherheit staatlichen Intervenierens, hänge alles von der Haltung der italienischen Banken gegenüber der nationalen Verschuldung ab. Lange haben sie, wie die Experten von Citigroup erklären, systematisch Staatsanleihen angekauft, finanziert über die Europäische Zentralbank (EZB).

Die Differenz zwischen gezahlten und erhaltenen Zinsen ließen sie satte Gewinne einfahren. Nach einigen Schätzungen hätten die italienischen Banken Obligationen in Höhe von 150 Prozent ihrer Liquiditäten plus Rücklagen gehalten. Doch sei die Strategie allmählich weniger profitabel geworden, während sich gleichzeitig sich die finanzielle Lage der Banken verschlimmerte. Kosten und Gewinn über die öffentliche Verschuldung glichen sich an.

Das bedeute aber nicht, betont man bei Citigroup, dass die italienischen Banken Obligationen abstoßen würden. Sie kauften weniger und überließen den Markt wenig interessierten ausländischen Investoren, die die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage schließen sollten. Eben durch den erwarteten Rückgang der Nachfrage sei die Spekulation und Offensive gegenüber den Banken angeheizt worden.

Und jetzt? Nach dem gestrigen Zusammenbruch stieg die Rendite von zehnjährigen Anleihen rasant, in den vergangenen fünf Wochen von 4,62 auf 5,68 Prozent. In der Finanzwelt verweist man auf die 7-Prozent-Regel. Gary Jenkins von Evolution Securities erklärt sie so: Als in den Fällen Griechenland, Irland und Portugal die Rendite die 7-Prozent-Marke überstieg, war der nächste Schritt das Rettungspaket. Je näher man dieser Schwelle kommt, umso mehr beschleunigen sich die Dinge. Durchschnittlich sind diese drei Länder 43 Börsentage unter 5,5 Prozent geblieben, bevor sie dann die 6-Prozent-Marke überstiegen. Danach waren es 24 Tage bis zum Erreichen der 6,5-Marke. Und nach 15 weiteren Tagen waren die 7 Prozent erreicht. (js)