Es reicht noch nicht einmal, zu sagen, er sei geisteskrank. Anders Breivik ist ganz offensichtlich geisteskrank: Niemand bei vollem Verstand hätte getan, was er getan hat. Es reicht auch nicht, zu sagen, er sei ein schlechter Mensch. Wenn das Wort „schlecht“ überhaupt etwas bedeutet, dann bezeichnet es ganz sicher auch einen Mann, der zu einem Feriencamp auf einer Seeinsel fährt, dort unschuldige junge Leute zu sich herruft – und dann 85 von ihnen mit einem Maschinengewehr erschießt.

Wir werden uns nie mit einfachen Wörtern wie „verrückt“ oder „schlecht“ zufrieden geben und für die kommenden Tage und Wochen können wir mit ausgiebigen Psychoanalysen dieses widerwärtigen, hochnäsigen 32-jährigen Irren rechnen. Wir werden alle potentiellen Schreckgespenster seines Geistes heraufbeschwören und befragen. Mit Hilfe der norwegischen Ermittler werden wir versuchen zu verstehen, wie diese Dämonen ihn dazu bewogen haben, eine Tat von solch vorsätzlicher Grausamkeit zu begehen; und als Leitfaden werden wir dazu das 1500 Seiten lange Hassmanifest verwenden, das er (möglicherweise mit Komplizen) ins Internet stellte.

Es ist in vieler Hinsicht eine lächerliche Schrift, so etwa der Plan, den alten Orden der Tempelritter wieder ins Leben zu rufen, mit Breivik als „Ritter der Gerechtigkeit“. Die Idee dabei ist, eine Armee von ähnlich widerlichen Spinnern zu mobilisieren und Europa bis 2083 von den Immigranten zu befreien. Dieses Datum hängt anscheinend mit dem 200. Todestag von Karl Marx zusammen, den Breivik für Egalitarismus, Feminismus, Multikulturalität und allerlei anderes, was ihm missfällt, verantwortlich macht. Breiviks Versuch seines eigenen „Mein Kampf“ ist gespickt mit Teenage-Grübeleien über Gramsci, Adorno und den Islam, frei nach Wikipedia, und ich muss zugeben, dass ich es mir nicht ganz bis zum Schluss angetan habe.

Im politischen Diskurs der Anglosphäre verwurzelt

Doch ich habe genug davon gelesen, um den Sinn zu verstehen – und seine Zwangsvorstellungen haben etwas sowohl seltsames als auch beunruhigendes. Da sülzt er über die EUdSSR und „Eurabien“, attackiert die Multikulturalität als „große Lüge“ und beteuert, dass „sich heute die politische Korrektheit über der westeuropäischen Gesellschaft auftürmt wie ein Koloss“. „Kann die Europäische Union reformiert werden?“ fragt er. „Ich bezweifle es. Die EU wird zusammengehalten durch eine eigennützige Klasse von Bürokraten, die ihre Budgets und ihre Macht ausweiten wollen, trotz des Schadens, den sie anrichten.“

Er behauptet, Europa sei systematisch von der Massenimmigration aus muslimischen Ländern verraten und die Methoden dieser Immigration vor den Wählern geheim gehalten worden. Er zitiert eine ganze Reihe von britischen Kommentatoren, um seine Ansichten zu untermauern. Es ist durchaus faszinierend zu sehen, wie dieser norwegische Extremist im politischen Diskurs der Anglosphäre verwurzelt ist.

Liebe Freunde, es ist nicht leicht, das Folgende zu sagen: Eine ganze Menge von dem, was dieser böse Verrückte sagt, könnte aus den Blogartikeln stammen, die in den Medien, besonders in den „konservativen“ Medien in Großbritannien zu lesen sind. Manche Leute werden seine kläglichen Auswürfe lesen und daraus folgern, dass er tatsächlich von diesem hetzerischen Blödsinn angetrieben wurde. Sie werden sagen, seine Barbarei sei von seinem Zorn auf die EUdSSR und die Immigration angestachelt worden, genau wie die Morde vom 11. September 2001 von den verschiedenen Dogmen des islamischen Extremismus ausgelöst wurden.

Nicht die Ideologie ist Kern des Problems

Gewiss, er hat tatsächlich, rein äußerlich betrachtet, mit manchen der letzten islamischen Selbstmordattentäter viel gemeinsam. Er fühlt sich durch die weibliche Emanzipation gestört und findet, Frauen sollten besser zuhause bleiben. Er scheint ziemlich viel gegen Homosexualität zu haben. Vor allem – und darin ist er einem Islamist überaus ähnlich – glaubt er, dass seine eigenen religiösen Führungspersönlichkeiten tief dekadent und von ihrer Orthodoxie abgewichen sind. Wie so viele muslimische Terroristen findet er alles, was einem Mix der Kulturen auch nur ähnlich kommt, abstoßend.

Die Leute werden sagen, dass wir hier auf das Spiegelbild eines islamischen Terroristen schauen – ein Mann, der von einer identischen, aber entgegengesetzten ideologischen Manie getrieben wurde. Es gibt dabei sicher wirklich eine Symmetrie – und doch steht meines Erachtens in beiden Fällen, bei Breivik und beim muslimischen Attentäter, nicht die Ideologie im Kern des Problems. Gestern haben die Fernsehreporter einen norwegischen Bekannten von ihm gefunden, einen gewissen Ulav Andersson, der sagte, er kenne Breivik ganz gut.

Er zeigte sich überrascht von dem ganzen Tempelritterkram, weil Breivik nie wirklich religiös war, und er war sich auch nicht dessen bewusst, dass sich Breivik je für Politik interessiert hatte. „Er schien eigentlich überhaupt keine Meinung zu haben“, erklärte Andersson. Er sei nur launisch und reizbar geworden, als ein Mädchen, das ihm gefiel, ihn für einen Mann pakistanischer Herkunft sitzen ließ.

Nicht so viele Gedanken an ihn verschwenden

Es ging gar nicht um Immigration, oder Eurabien, oder Hadith, oder die Verschwörung der Eurokraten gegen das Volk. Es ging auch nicht wirklich um Ideologie oder Religion. Es ging nur um ihn selbst, und sein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit gegenüber Frauen. Dasselbe Argument kann auch hinsichtlich so vieler der jungen muslimischen Terroristen angeführt werden (und wurde auch schon angeführt). Ihr abgestumpftes Verhalten erklärt sich im Wesentlichen dadurch, dass sie sich in ihrem tiefen Inneren zurückgewiesen und entfremdet fühlen. Die Ideologie gibt ihnen den vorgeblichen Grund, potenziert das Gift in ihrem Blut, gibt ihnen den Vorwand, damit sie der von ihnen verspürten Verbitterung auf die stärkste Art Ausdruck geben – und töten.

Daher ist aus dem Fall Anders Breivik eine wichtige Lehre zu ziehen. Er tötete im Namen des Christentums – und natürlich schreiben wir den Christen oder dem „Christentum“ nicht die Schuld dafür zu. Ebenso sollten wir auch dem „Islam“ nicht die Schuld an allen Terrorhandlungen zuschreiben, die junge muslimische Männer verüben. Manchmal gibt es eben bedauernswerte junge Männer, die sich machtlos und ausgestoßen fühlen und sich an der Welt ganz schrecklich rächen. Manchmal gibt es Leute, die sich so schwach fühlen, dass sie töten müssen, um sich stark zu fühlen. Sie brauchen keine Ideologie, um sich so zu verhalten.

Michael Ryan hatte keine Ideologie in Hungerford, Thomas Hamilton hatte keine Ideologie in Dunblane. Andere Erklärungen für ihre Taten anführen zu wollen – komplizierte „soziale“ Faktoren einbringen oder die Auswirkungen der Multikulturalität in Skandinavien unter die Lupe nehmen zu wollen – das hieße, ihr selbstgefälliges Spiel mitzuspielen. Anders Breivik mag ein ominöses, 1500 Seiten langes Manifest verfasst haben, doch wie so viele andere seiner Art war er im Grunde ein Narzisst und ein Egomane, der nicht damit klar kam, vor den Kopf gestoßen zu werden. Wir sollten nicht so viele Gedanken an ihn verschwenden, sondern sie den Opfern und ihren Familien widmen.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel