Die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat im letzten Juli in Vilnius die Erklärungzur "Einheit des geteilten Europas" angenommen. Die Erklärung, die in der Presse kaum Beachtung fand, markiert den 20-jährigen Zusammenbruch der europäischen kommunistischen Regime. Sie wurde trotz des heftigen Widerstands seitens Russlands von einer großen Mehrheit der Beauftragten angenommen, nämlich von 202 der 214 anwesenden. Das Dokument der OSZE erkennt den "unvergleichlichen Charakter des Holocaust" an und bestätigt des Weiteren, "dass die europäischen Staaten im 20. Jahrhundert mit den Nazis und Stalin zwei große totalitäre Regime erlebt haben. Diese führten zu Genozid, Verletzung von Rechten und Freiheit von Menschen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit". Empfohlen wird, dass die Mitgliedsstaaten "den Totalitarismus klar und unmissverständlich verurteilen" (ein Versprechen aus dem Dokument des Kopenhagener Abkommens, 1990), denn "das Wissen um die Geschichte kann derartigen Verbrechen in Zukunft vorbeugen".

Die Erklärung wird nur wenige Tage vor dem 23. August verabschiedet. Diesen Tag hat das Europäische Parlament zum "Gedächtnistag der Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus" gemacht, um der Opfer von Deportation und Massenvernichtung zu gedenken. Am gleichen Tag wurde 1930 der Molotow-Ribbentrop-Pakt unterzeichnet.

Es ist ein großer Schritt nach vorne, den Nationalsozialismus und den Stalinismus auf die gleiche Stufe zu stellen, wie es die im Frühling entstandene Resolution des Europäischen Parlamentes über das Bewusstsein Europas und den Totalitarismus tut. Diese hat auch die Öffnung von geheimen Geschichtsarchiven und die Verabschiedung von umfangreichen erneuten Überprüfungen der Vergangenheit gefordert.

Für die Russen ist Stalin immer noch ein Held

Die Reaktion Russlands war vehement. Das russische Außenministerium bezeichnete diese Entscheidung als "unakzeptablen Versuch von Geschichtsverzerrung für politische Zwecke". Das russische Parlament sieht seinerseits die Erklärung als "eine direkte Beleidigung bezüglich des Gedenkens von Millionen russischer Soldaten", die "ihr Leben für die Befreiung Europas vom nationalsozialistischen Joch geopfert haben." Für die Russen ist Stalin immer noch ein wahrer Held. In den Augen Osteuropas ist er jedoch für die Unterstützung blutiger kommunistischer Regimes verantwortlich. Außerdem hat Moskau die Organisation enormer Militärparaden wieder aufgenommen, die an diejenigen der Sowjetunion erinnern. Daher ist es also nicht erstaunlich, dass unter den postkommunistischen Regierungen Russland das Land ist, das sich am wenigsten darum bemüht, zu den Verbrechen des Kommunismus zu stehen (den stalinistischen Kommunismus mit eingeschlossen). Russland hat sogar versucht, die Strukturen des Ex-KGB und dessen Kontrolle über politische Vorgänge zu stärken. Außerdem wurde im Mai 2009 ein Dekret zur "Kommission des Kampfes gegen die Interessen Russlands gerichtete Geschichtsverfälschung" eingeführt. Daraufhin hat die Akademie der Wissenschaften von Russland die Leiter der Geschichtsinstitute aufgefordert, die geschichtlichen und kulturellen Verfälschungen aufzudecken, bei denen ihre Institution beteiligt war, und für jede von ihnen eine Widerlegung anzufügen.

Die Balten haben keinen Zugang zu den Archiven des KGB

Durch seinen Aufruf zur Öffnung der Archive richtet sich die Resolution der OSZE insbesondere an Russland, wo die Archive noch unter Verschluss gehalten werden. Diese Situation zieht nicht nur die russischen Geschichtswissenschaftler in Mitleidenschaft, sondern auch die der ehemaligen sowjetischen Republiken. Bevor sie sich 1991 nach Moskau zurückzogen, haben die Angestellten des KGB die wichtigsten Dokumente aus den verschiedenen sowjetischen Republiken mitgenommen. So wurde den betroffenen Ländern die Möglichkeit genommen, ihre eigene jüngste Vergangenheit zu verstehen. Seit seiner Unabhängigkeit stehen dem postkommunistischen Estland nur Katalogblätter zur Verfügung, jedoch nicht die geheimen Dateien, auf welche sie sich beziehen. Und da die Blätter nicht aufzeigen, welche Rolle die in den Berichten erwähnten Personen spielten oder welche Beziehung sie zur Geheimpolizei hatten, haben viele Politiker ihre Unschuld beteuert und sich als Opfer dargestellt, obwohl sie Informanten waren.

In Litauen wurden die Archive aus Vilnius fast gänzlich abtransportiert. Die großen von der KGB zurückgelassenen Sammlungen aus ländlichen Gebieten sind aber noch vorhanden und haben eine Rekonstruktion der geschichtlichen Wahrheit ermöglicht. Alle baltischen Staaten könnten über ein wahrheitsgetreueres Geschichtswissen verfügen, wenn sie endlich Zugang zu den sowjetischen Archiven in Russland bekämen.