Solange es keine unanfechtbaren Beweise für eine terroristische Verschwörung gibt, und diese sind derzeit höchst unwahrscheinlich, wird das kaltblütig begangene norwegische Massaker in den Zeitungen unter der Rubrik Verbrechen kommentiert, auch wenn es sich um eine Tat ungeheuren Ausmaßes handelt. Gewiss gibt es in der Welt viele Terrorbewegungen, die zu solchen Abscheulichkeiten fähig sind. Dieses Blutbad ist allerdings unbegreiflich und daher weitaus beunruhigender. Einmal abgesehen von jedem auch noch so absurden politischen Projekt, entstand der Plan im Kopf eines einzigen Menschen, der die Tat auch organisierte und ausführte.

Wie Pierluigi Battista im Corriere della Sera schrieb, verleiht die Suche nach einem Komplott (das in seiner ganzen Perversion ja letztendlich von der Ratio bestimmt ist), nach einer politischen und soziologischen Erklärung oder nach dem präzisen Vorhaben einer Gruppe unbewusst das Gefühl der Sicherheit, denn man erkennt doch eine auf der Vernunft gründende Ordnung, sei sie nun noch so niederträchtig und gemein.

Ebenfalls verlockend sind Fantasien über enigmatische Machenschaften, die zwar zutiefst furchterregend, immer aber auch in gewisser Weise angenehm sind, so wie der wohlige Schauer der Erinnerung an verschwommene Gräuelbilder eines Albtraums. Interpretationen und Auslegungsversuche befriedigen, wenn sie nicht sogar vermessenes Wohlgefallen erwecken. So scheinen die Meinungen über die mehr oder minder versteckten Motive der ungelösten Verbrechen heute wichtiger zu sein und mehr Tinte fließen zu lassen, als die viel wichtigeren Ermittlungen.

Der latente Fortbestand des Bösen

Das immer wieder an die große Glocke gehängte aber wahrheitsgetreue Schlagwort der 1986er-Generation besagt: Alles ist Politik. Niemand von uns stammt vom Mars. Jeder ist in der Welt verortet, in der er lebt, ob er nun ein einsamer Menschenfeind ist oder ständig die Gesellschaft seiner Zeitgenossen sucht. Er lebt in einem bestimmten Umfeld, nimmt bewusst und unbewusst die Außenwelt auf und vermischt sie mit dem eigenen Erbgut.

Es gibt keine Ideen, keine Leidenschaften, keine Gewohnheiten, keine Wünsche, keine Ängste und keine Verhaltensmuster, die nicht gesellschaftlich geprägt sind. Den Scholastikern zufolge ist der Mensch nicht in Worten fassbar beziehungsweise besitzt jeder Mensch etwas nicht sprachlich Fassbares, aber sogar dieser unfassbare und mobile Schatten unseres Herzens ist in der Gesellschaft verwurzelt.

Trotzdem unterscheidet die Tat einer Person sich klar vom kollektiven Projekt einer Organisation, auch wenn es von einzelnen ausgeführt wird. Der norwegische Mörder hat mehr mit einem Landru oder Jack the Ripper, die Söhne ihrer Zeit waren, gemeinsam als mit den Organisatoren des Sprengstoffanschlags auf den Fernschnellzug Italicus im August 1974 oder dem Attentat auf der Piazza Fontana im Dezember 1969 in Mailand. Er darf nicht benutzt werden, um die eine oder andere politische Bewegung in den Schmutz zu ziehen. Seine Gräueltat bezeugt den latenten Fortbestand des Bösen, das jederzeit unvermutet losbrechen kann, sie enthüllt, wie wir tagtäglich mit dem Bösen zusammenleben, das sprungbereit im Hinterhalt lauert, um plötzlich aktiv zu werden.

Die Trivialität des Bösen

Das Blutbad unterstreicht auch die ungeheure Trivialität und Idiotie des Bösen und der Gewalt, die uns doch so oft verführerisch dargestellt werden, als Ausdruck ungebändigter, aber tief gehender Wahrheit. Das Messer Jack the Rippers scheint Menschen so gefesselt zu haben wie das Schwert eines diabolischen Engels. In Vergessenheit geraten sind dabei die aufgeschlitzten Bäuche und das unsägliche Leiden der von ihm ermordeten Frauen, den wahren Helden dieser tragischen Geschichte, in der er bloß ein, wenn auch ruchloser, Komparse war. Es ist eine wohl unvermeidbare Schande, nur den Namen des norwegischen Mörders im Gedächtnis zu behalten und nicht die seiner Opfer.

Das automatische, wiederholte Auslösen der Schüsse erinnert an den Mechanismus eines monströsen Fließbands. Selbstverständlich ist der Mörder auch ein Mensch, dessen Humanität sich nicht in seinen Verbrechen erschöpft. Ein Mensch, der nach dem Gesetz, das alle gleich behandelt, zur Verantwortung gezogen wird, der jedoch trotz der abscheulichen Morde auch unter dem Schutz des Gesetzes steht. Ein Mensch, der wahrscheinlich unter Obsessionen, Qualen und Ängsten leidet. Er wird vor einem Gericht für seine Verbrechen einstehen müssen. Man kann und muss ihm Respekt zollen, nicht der banalen Rhetorik des Bösen folgend, weil er ein Mörder ist, sondern obwohl er ein Mörder ist.

Dieses Verbrechen ist nicht nur die schrecklichste, sondern auch die dümmste, mechanischste und stumpfsinnigste Tat seines Lebens. Der Mörder von mehr als [77] Menschen scheint sich als „christlicher Fundamentalist“ definiert zu haben, ein völlig sinnloser Begriff. Fundamentalismus wird oft irrtümlich für Integralismus gehalten, Integralismus des einen oder des anderen Glaubens (heute vor allem des Islams), und generell für eine besonders intolerante Form des religiösen Traditionalismus.

Wenn alles möglich wird, wird die Welt schrecklich

Der Fundamentalismus hat wenig oder gar nichts mit Tradition zu tun, nicht einmal mit der, welche die strenge Befolgung und Immobilität eines Glaubens besonders eifrig bewacht. Der Fundamentalismus ist kein traditionelles Phänomen, das in der Vergangenheit verwurzelt ist, sondern ein vornehmlich modernes, das die Massengesellschaft und die Globalisierung kennzeichnet, so wie zum Beispiel der Faschismus ein modernes totalitaristisches Phänomen ist, das sich radikal vom Autoritarismus der Vergangenheit abhebt.

Der mechanisch tötende Mörder sollte nicht zu Überlegungen über die wohlhabenden und friedlichen Gesellschaften wie die norwegische oder zu anderen gelehrten Ausführungen dieser Art verleiten. Die politischen, sozialen und kollektiven Formen des Bösen entstehen nicht nur in rückständigen und barbarischen Gesellschaften, sondern auch in aufgeschlossenen und zivilisierten, die als Vorbilder der Demokratie gelten, wie zum Beispiel die Niederlande oder manche skandinavischen Länder, in denen aggressive fremdenfeindliche Bewegungen sich in offenkundigem Widerspruch zur nationalen Tradition entwickeln.

Wenn der Fremdenhass in den Niederlanden stärker ausgeprägt ist als in Spanien, dann wohl aus dem Grund, dass die spanische Kultur, so wie die Kultur anderer Länder, am tiefen, sakralen Sinn des Lebens festhält, welche die zwei oder drei wesentlichen Werte (zum Beispiel die Gleichheit aller Bürger ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft und ihres Glaubens), die wir als absolut betrachten müssen, und über die weder diskutiert noch verhandelt werden darf, von den vielen, vielen anderen in Frage zu stellenden Werten unterscheidet. Vieles, beinahe alles, muss optional bleiben, aber nicht alles.

Wenn „alles möglich ist“ wie Dostojewski mit Schrecken schrieb, wird die Welt schrecklich. Aber das kann man dem norwegischen Mörder, der weder Fundamentalist noch Christ ist, nicht verdenken. Es genügt, ihm [77] Morde zuzuschreiben.

Aus dem Italienischen von Claudia Reinhardt