Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sollen am Wochenende den Euro retten. Doch die Kommentatoren in der europäischen Presse sind skeptisch: “Das glauben wir erst, wenn wir es sehen”, unkt der britische Guardian. Mehr als ein Schmunzeln könne “Merkozy” nicht bringen, befürchtet Genfs Le Temps.

Europa steht wieder vor einem entscheidenden Gipfel. Auf der Tagesordnung steht die Rekapitalisierung der Banken, ein Schuldenschnitt für Griechenland, die Gläubigerbeteiligung, die europäische Wirtschaftspolitik. Im Zentrum sieht der Guardian dabei eine neue Hauptperson: “Merkozy”, also die Symbiose aus der deutschen Kanzlerin und dem französischen Präsidenten. Und dieser Hauptdarsteller möge zwar eine tapfere Miene zur Schau tragen, aber diese Krise sei noch nicht zu Ende, schreibt das britische Blatt:

Die Märkte fingen sich in der Hoffnung, dass “Merkozy”, wie einige Witzbolde das kampfbereite Führungsduo aus Deutschland und Frankreich nennen, eine “umfassende Strategie” zur Lösung der Schuldenkrise ausarbeiten. Das glauben wir erst, wenn wir es sehen. Seit über einem Jahr wurden Investoren mit dem Auftauchen jedes neuen “Plans” aufrecht gehalten; aber ihr Überschwang währte nicht mehr lange, als die Details ans Tageslicht kamen.

Die Merkozy-Formel reiche höchstens für ein Schmunzeln, meint auch Le Temps aus Genf. Zu viele Streitpunkte trennten das unfreiwillige Paar. Das Misstrauen in der EU bleibe groß.

Die Liste der Klagen ist bekannt: Übertriebene Vorsicht und der fast religiöse Wille, die schuldbeladenen Länder und Banken für ihre Fehler büßen zu lassen, bei Merkel; zwanghafte Überstürzung und eine fragwürdige politische Zuverlässigkeit bei Sarkozy. Dazu kommt das Gewicht der Zahlen. Sie zeugen von deutschen Opfern und französischer Unverfrorenheit. [...] Es besteht die Gefahr, dass Berlin und Paris auf dem Weg zu ihrer mühseligen Einigung nur ihre internen Interessen berücksichtigen. Oder dass sie zur Überwindung ihrer Differenzen einen auf ihre Wähler zugeschnittenen Kompromiss basteln.

Und während der Hauskarikaturist des Groene Amsterdammer über das ungleiche Paar auf dem Sprungbrett spottet, fühlt sich der Economist schließlich an Großbritannien und die USA erinnert. Das schwächelnde Frankreich umklammere das stärkere Deutschland, in der Hoffnung, seine Politik mitzugestalten.

Das Merkozy-Duumvirat nervt so manchen: die Italiener sagen, 'eine globale Krise kann nicht von einer bilateralen Achse gelöst werden.' Dennoch bleibt der deutsch-französische Motor äußerst wichtig. Heute würde man ihn besser das deutsch-französische Triebwerk nennen; Oder, besser noch, stellen Sie sich ein BMW-Motorrad mit einem Peugeot-Beiwagen vor; Merkel in Lederkombi, und Sarkozy trottet hinterher. Ein erfahrener Eurokrat drückte es so aus: die Partnerschaft dient heute vor allem einem: 'Deutschlands Stärke und Frankreichs Schwäche zu verbergen'. [...] Der wahre Test für die Partnerschaft liegt im Inhalt der Reformen [die auf die EU zukommen]. Deutschland wird eine Neuauflage seines föderalen Systems mit harter Steuerpolitik und einem mächtigen Europäischen Parlament wollen; die Franzosen einen Spiegel ihrer V. Republik, mit gemeinsamen Eurobonds und viel Macht (und zahlreichen Hinterzimmern) für die Eliten.

Ganz realistisch habe das Kanzleramt auch schon die Erwartungen heruntergeschraubt, meint die Athener Wirtschaftszeitung Naftemporiki.

Von dem Treffen seien keine Wunder zu erwarten. Die Nachricht aus der deutschen Regierung ist wahrscheinlich der realistischste Ansatz, um die Situation in der Euro-Zone anzugehen. Gleichzeitig wollte sie ein wenig Zeit gewinnen bei den Verhandlungen, die über die Art und Höhe des bevorstehenden Schuldenschnitts. [...] Die deutsche Warnung ist auch Ausdruck der harten Realität, dass es wohl kaum einen schmerzlosen Ausweg aus der Krise gibt.

Die Kollegen von Kathimerini regen sich dagegen über die "unverbesserlich irrationalen" Griechen auf.

Genauso besorgniserregend [wie der soziale Aufruhr] sind die eskalierenden Probleme mit Deutschland. Es wird hier wie eine Besatzungsmacht wahrgenommen, der die Griechen Widerstand leisten müssen, wie früher. Vielleicht ist das größte Problem aber, dass der 'Rettungsplan', der den aktuellen Stand der Dinge kippen könnte, so kindisch aufgenommen wird.

Ohne Angst vor Anachronismus wagt auch der Guardian den Blick in die Geschichte. Simon Jenkins hatte vor einem Monat noch einen reich kommentierten Artikel über Englands Obsessionen mit Nazi-Deutschland geschrieben, und die Briten dazu aufgerufen, dieses Kapitel nun doch mal abzuschließen. Diese Woche erreicht er den Godwin Point schon in der Überschrift: “Europas erloschener Idealismus ist wie die Wiederkehr von München”, titelt er. Mit Griechenland in der Hauptrolle.

Nein, es ist nicht Nazi-Deutschland. Aber es sind dieselben endlosen Treffen und angeblichen Abmachungen, die gleiche Hin- und Herfliegerei ins Nirgendwo, die selbe Weigerung, eine Katastrophe anzukündigen, in der Hoffnung, dass jemand anders die harten Entscheidungen trifft. [...] Diejenigen, die sich unkritisch für den Euro engagierten, machen sich jetzt aus dem Staub. Einige behaupten, nie eine in einer Währungsunion aufgehende EU gewollt zu haben. Andere behaupten, dass alles gut wäre, wäre man nur disziplinierter gewesen. Wieder andere plädieren, dass so eine Kleinigkeit wie eine Rezession nicht etwas in frage stellen dürfe, dem sie ihre Karriere und Idealismus gewidmet haben. Das sind genau die Verhaltensweisen, die zwischen den Kriegen den Völkerbund, Locarno und die Peace Pledge Union schufen, diese kollektive europäische Idee, dass man den Krieg nur tot reden müsse, um ihn wirklich zu verhindern. Dann bewaffnete sich Deutschland neu, und keiner traute sich zu reagieren. Jetzt ist Griechenland bankrott, weitere Staaten wohl auch, und keiner traut sich zu reagieren. Europas Politiker stürzen lieber den Kontinent in die Arbeitslosigkeit und verzetteln sich in der Unterstützung eines erloschenen Idealismus. (cl)

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