In drei europäischen Zeitungen hat Günter Grass diese Woche ein Gedicht über die Lage im Nahen Osten veröffentlicht, und das Presse-Echo war gewaltig. „Grass hätte lieber schweigen sollen“, schreibt die Presse in Wien. „Das Problem ist das Schuldgefühl der Deutschen“, kommentiert Le Monde.

Wenn Günter Grass hoffte, mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ für eine internationale Debatte zu sorgen, kann er zufrieden sein. Zumindest in der europäischen Presse lösten sich die Zungen auf dem ganzen Kontinent. Die römische La Repubblica, die am Mittwoch das Gedicht auf Italienisch gedruckt hatte, staunte tags drauf über die gewaltige Wirkung.

So sieht der Day after aus. Der deutsche Literaturnobelpreisträger hat es wahrscheinlich nicht anders erwartet. Mit seinen Anschuldigungen gegen Jerusalem und seiner de facto Legitimierung des iranischen Atomprogramms hat er sich einiges eingebrockt: Anschuldigungen, Verurteilungen und Anprangerungen.

Die polnische Gazeta Wyborcza merkte an, die Kontroverse um das Grass-Gedicht habe das Image des Nobelpreisträgers getrübt.

Jahrelang war er im Land eine weithin respektierte moralische Instanz – er verurteilte Altnazis im öffentlichen Leben, er forderte die Aussöhnung mit Polen. Schnell schoben die Deutschen 2006 sein Geständnis beiseite, als er zugab, in seiner Jugend der Waffen-SS angehört zu haben. Ebenso wenig Wellen schlug das Interview mit Haa'retz im letzten Jahr, in dem er sagte, dass der Holocaust nicht der einzige Völkermord während des Zweiten Weltkriegs gewesen sei, und die Russen für den Tod von sechs Millionen deutschen Gefangenen verurteilte, obwohl nur eine Million starben. [...] Grass hat seine Landsleute schon immer überrascht. Im Fall von Israel übertreibt er aber.

In Amsterdam bat der Volkskrant für seine Titelseite Arno Grünberg um eine Reaktion. Dieser schrieb:

Ist Grass wohl die richtige Person, um diese Art Gedichte zu schreiben? Gerade diejenigen, die die Uniform der Waffen-SS getragen haben sind erfahrungskundig in Sachen Gefahren für den Weltfrieden. Das Gedicht an sich ist nicht besonders gut, was aber auch mit dem Genre zu tun hat: es ist Agitprop.

Drastischer wurde die Presse in Wien, schälte die Zwiebel ein zweites Mal und titelte: Grass hätte schweigen sollen.

Und wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den „brüchigen Weltfrieden“, wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt.

Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. […] Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen.

In Frankreich gewann Literaturkritiker Pierre Assouline in Le Monde der Sache erstmals etwas Positives ab: „Es ist beruhigend, dass Gedichte noch für Skandale sorgen können”, schrieb er – was deswegen noch lange nicht für deren Inhalt gelte:

Günter Grass ist ein freier Radikaler. Aber es ist nicht sicher, dass die Poesie sich für die Analyse einer politischen Situation in ihrer ganzen Komplexität eignet. [...] Im Grunde ist das wahre Problem des Gedichts nicht die Bombe oder der Iran, sondern das Schuldgefühl der Deutschen, das Tabu des Antisemitismus in Deutschland, und die Schwierigkeit der Deutschen, sich über etwas Jüdisches im Allgemeinen und Israel im Speziellen zu äußern, und auch die Selbstzensur der Intellektuellen, ob bewusst oder unbewusst. ,Was gesagt werden muss‘, schreibt der Dichter nicht ohne Nachdruck; und so erinnert er an die Naiven, die vorgeben, die Wahrheit zu sprechen, weil sie sagen, was sie denken.

Auf der britischen Insel amüsierte sich die Presse hauptsächlich in den Schlagzeilen: „Grass lenkt wegen Israel-Attacke Beschuss auf sich“, titelte etwa der Daily Telegraph, und auch die ehrwürdige Times hielt es ähnlich mit „Nobel-Autor wagt poetischen Erstschlag gegen atomar bewaffnetes Israel“. Der Guardian schließlich anaylsierte:

Das Anti-Kriegsgedicht von Günter Grass ist ein subtiles aber eindeutiges Beispiel für einen Trend in Deutschland, den der Historiker Dan Diner als 'entlastende Projizierung' bezeichnet hat: die Relativierung des Holocausts durch die implizite Gleichstellung von Israel mit Nazi-Deutschland. [...] Was die Veröffentlichung des Gedichtes wichtig macht, ist, dass es ein Gefühl des Ärgers gegen Israel ausdrückt, den – ob gerechtfertigt oder nicht – immer mehr Deutsche zu spüren scheinen. Dieser Ärger erklärt sich zum Teil durch Israels Rechtsruck der letzten Jahrzehnte. Aber er ist auch das Ergebnis einer Entwicklung in Deutschland, vor allem des Bedeutungsverlusts des Holocausts in den letzten zehn Jahren. Die Deutschen sehen sich zunehmend als Opfer denn als Täter.

El Pais schließlich folgte dem Grass'schen Sinn und warnte Deutschland davor, sich im Namen des Holocausts jegliche Kritik an Israel zu verbieten.

Grass zeigt einen Ausweg. Nur indem gleichzeitig beide inspiziert werden – sowohl das israelische Atomwaffenarsenal als auch das iranische Atomprogramm – können die schwärzesten Vorzeichen gebannt werden. Um das zu sagen, konnte einer wie Grass keinen Artikel schreiben, er musste ihn in einem Gedicht verkleiden. Das fügt dem Werk des Nobelpreisträgers nichts hinzu, aber es ist ein Wendepunkt in seinem Blick auf die internationale Realität. Indem er über das Stigma spricht, kann Grass sicher sein, einen Raum zu öffnen, in dem andere frei sprechen können werden.

Foto: Euronews