Die Beschneidungsdebatte ist in die europäische Presse vorgedrungen. Le Temps macht sich Gedanken um die Folgewirkung für andere Gerichte. Trouw spendet Beifall. Panorama aus Italien warnt davor, das Kölner Urteil politisch zu überladen.

Es ist Körperverletzung Unmündiger aus religiösen Motiven. Oder es ist ein Angriff auf die Religionsfreiheit von Minderheiten. Europas Presse diskutiert an der Linie des deutschen Feuilletons entlang über das Recht und die Vorhaut. In den Niederlanden, wo schon seit sechs Monaten über Beschneidung debattiert wird, spendeten zwei Juraprofessoren in der protestantischen Tageszeitung Trouw dem Kölner Urteil Beifall. Für sie....

wiegt der endgültige Eingriff in die körperliche Unversehrtheit und die Selbstbestimmung des jungen Kindes schwerer als die zeitlich begrenzte Einschränkung der Religionsfreiheit der Eltern, [im Gegensatz zum Urteil des niederländischen Verfassungsgerichts letztes Jahr]. Die Plausibilität der deutschen Argumentation könnte auch Anlass für eine offene Beschneidungsdebatte in der niederländischen Gesellschaft und Politik sein.

Klare Körperverletzung, urteilte auch einige Töne aufgebrachter der Schriftsteller Karl Weidinger in Wien. In der Presse sagte er dem Humanismus ade. Wir beteten falsche Götzen an und opferten Frauen-, Kinder- und Minderheitenrechte am Altar bedingungsloser Toleranz.

Goethe meinte schon vor anderthalb Jahrhunderten: Er hätte Probleme mit denen, die behaupten, mit Gott gesprochen zu haben und sich anmaßen, die Deutungshoheit über Gottes Willen zu beanspruchen. [...] Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Der Ritus einer jahrtausendealten Tradition darf nicht hinterfragt werden. Ein „schwerer Angriff auf das jüdische Leben seit dem Holocaust“ wird herbeifantasiert; das ist zwar eine Verhöhnung der Holocaust-Opfer, aber wirksam.

In Frankreich eröffnete das Nachrichtenmagazin Le Point die Debatte um die „Vorhaut des Zanks“ und befragte hierzuallerlei frankophone Prominenz. Darunter:

Michela Marzano, Philosophin: — Man sollte dem Körper keinen heiligen Charakter verleihen, er ist nicht grundlegend für die Person. Die Logik der körperlichen Unversehrtheit bis zum bitteren Ende zu führen, wäre gefährlich. Dann würden Organspenden womöglich verboten.

Malek Chebel, Anthropolge: — Ich stelle fest, dass ein laizistisches Gericht in einem laizistischen Land ein Urteil über Körperverletzung fällt. Dem Kommentar des Gerichts zur Ausübung der Religion kann ich aber nicht folgen.

Aldo Naouri, Kinderarzt und Essayist: — Die Beschneidung rechtfertigt sich nur als symbolischer Akt. Das Recht hat wieder einmal das Symbolische verstoßen. Eines Tages werden unsere Gesellschaften am Mangel von Symbolen krepieren.

Alain Finkielkraut, Philosoph: — Die Antisemiten in Nazi-Deutschland hassten die beschnittenen Juden. Und jetzt stellt das humanistische Deutschland im Namen des Gutmenschentums die Beschneidung wieder auf den Index.

„Und schon tut sich ein Abgrund der Fragen jeglicher Natur auf“, bemerkte in der Schweiz Le Temps. Da die rituelle Beschneidung im historisch sensiblen Deutschland hauptsächlich eine Sache von Juden und Muslimen sei, spürte die Tageszeitung das „deutsche Unwohlsein“ förmlich bis nach Genf.

Steht das Urteil für einen laizistischen Fundamentalismus, dem Islamophobie und Antisemitismus inne wohnt? Soll die körperliche Unversehrtheit des Kindes über alles gestellt werden, die Religionsfreiheit der Eltern, und das Recht, ihre Kinder in diesem Sinne zu erziehen, inbegriffen? Die Debatte wird natürlich nicht am östlichen Rheinufer anhalten. Zum ersten Mal in Europa vergleicht ein Gericht die rituelle Beschneidung mit Körperverletzung und verurteilt sie mit dem Strafgesetzbuch. Was hindert jetzt andere Gerichte, es ihm gleichzutun?

Das treibt auch den Guardian in London um. Die Zeitung brachte den Kommentar von Giles Fraser, eines nach jüdischem Brauch beschnittenen anglikanischen Priesters, der vor Hitlers posthumen Sieg warnt und bis Donnerstag Abend über 2000 Kommentare bekam, und den Leitartikel „Wenn das Recht beschnitten wird“ (über 600 Kommentare).

Erstens sollte gesagt sein, dass dies sicher eine legitime Debatte ist, Deutschland aber das am wenigsten geeignete Land ist, um sie zu führen. Geschichte zählt, und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat lange gebraucht, um sich zu rekonstruieren, auch ohne einen Angriff auf das, was sie als ihre Religionsfreiheit ansieht.

Zweitens trifft das Urteil ins Herz der Rolle von Religion in einer säkularen Gesellschaft: Sollte der Säkularismus unter Ausschluss religiöser Praktiken nach Einheitlichkeit streben? Oder sollte er einen großzügigen Pluralismus wahren, in dem verschiedene religiöse Formen zur Blüte kommen dürfen? Ein Urteil, das Beschneidung auf dieselbe Ebene hebt wie Gewalt gegen Kinder, ist im Mindesten unsensibel gegenüber jedem, für den seine Religiosität identitätsstiftend ist. Das gleiche gilt für das Kopftuch in Frankreich oder das Minarett in der Schweiz.

In der italienischen Wochenzeitung Panorama fand Autor Marco Ventura, es wäre ein Fehler, das Urteil politisch zu überladen.

Die Bundesregierung, die (mit Italien) in Europa Israel am nahesten steht, hat nicht die geringste Absicht, die Kontroverse ausufern zu lassen und einen Imageschaden zu erleiden. Der deutsche Sinn für historische Schuld in diesem Punkt verbietet es, Urteile wie dieses unterzubewerten. Und die Richter werden sich von Zeit zu Zeit eine politische Grundsatzfrage stellen müssen: jene der Symbolwirkung der Entscheidungen, die sie fällen.

In Zusammenarbeit mit Spiegel Online.

Foto: Julian Stratenschulte