Europas Presse streitet über die EZB-Vermögensstudie: „Unglaublich, die Deutschen sind die Ärmsten in Europa”, staunt JDD aus Frankreich. „Keineswegs”, kontert der Wiener Standard. Und wenn doch, dann sind die deutschen „Übeltäter” selbst dran Schuld, heißt es im Guardian.

Die vergangene Woche veröffentlichte Studie der EZB, laut der Deutschland im europäischen Vermögens-Ranking weit hinter Krisenländern wie Spanien oder Zypern liegt, sorgt noch immer für Empörung. Während deutsche Medien fordern, die Rettungsstrategie der Euro-Gruppe müsse nun neu diskutiert werden, ist die europäische Presse darum bemüht, die Zahlen zu relativieren.

„Richtig interpretiert zeigt die Studie keineswegs, dass Deutsche und Österreicher ärmer als Griechen und Spanier sind”, meint der Standard, denn...

...erstens wird in der EZB-Studie ausschließlich das Vermögen privater Haushalte erfasst. [...] Nicht erfasst werden das Vermögen des in- und ausländischen Unternehmenssektors sowie das öffentliche Vermögen (Schulen, Spitäler, öffentliche Infrastruktur). Erst wenn man diese Vermögensgrößen addieren würde, bekäme man einen realistischeren Einblick über den Reichtum der Bevölkerung. [...] Zweitens wird in der Studie explizit betont, dass die private Vermögensbildung geringer ausfallen muss, wenn es einen ausgebauten Sozialstaat mit Pensions-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung gibt [...] Drittens vermerkt die EZB-Studie ausdrücklich, dass ein direkter Ländervergleich mit "vielen Problemen" behaftet ist. Die beträchtlichen Unterschiede sowohl zwischen den Median- als auch zwischen den Mittelwerten über die 15 Länder sind "das Ergebnis eines komplexen Wechselspiels von vielen Faktoren.

Für Hospodářské Noviny aus Prag ist die Studie daher nichts weiter als medialer „Zündstoff in der Debatte über die Rettung der Euro-Zone”:

Das Geschrei der Medien um die durchschnittlichen Vermögensverhältnisse ist vergleichbar mit einer Schlagzeile, in der behauptet wird, die Forschung habe ein Medikament gegen Krebs entdeckt und sich dann hinterher herausstellt, dass lediglich ein Zehntel der Labormäuse nach einer Impfung drei Tage länger lebten als ihre ungeimpften Artgenossen. Und obwohl die Wirtschaftsblätter auf die eine oder andere Ungenauigkeit der Studie hingewiesen haben, erlagen auch sie der Versuchung, die 'armen' Deutschen dafür zu bedauern, dass sie den 'reichen' Ländern im Süden unter die Arme greifen müssen.

The Guardian zeigt Verständnis für die Wut der Deutschen, gibt ihnen aber selbst die Schuld an ihrer „Armut”:

Die deutsche Öffentlichkeit ärgert sich mit gutem Recht darüber, wie sich die Dinge in der Euro-Zone entwickelt haben. Allerdings sollte sie sich den tatsächlichen Übeltäter vorknüpfen: Die deutsche Politik selbst. Indem Deutschlands Politiker die Löhne niedrig halten, die Inlandsnachfrage dämpfen und die Ausfuhren steigern, erzeugen sie Geringverdiener und sogar Armut. Wenn die Deutschen tatsächlich wirksame Lösungen wollen, sollten sie nicht versuchen, weiterhin die sogenannten Reichen im Süden zu bestrafen, sondern stattdessen höhere Gehälter anvisieren, die Binnennachfrage ankurbeln und Exporte reduzieren. Dies ist ein Kampf, den es sich zu kämpfen lohnt.

ABC aus Spanien hingegen kommentiert die nun zum Vorschein gekommenen Vermögensunterschiede nüchtern:

Der Grund für diesen großen Unterschied in der Höhe des Reichtums in Deutschland und Südeuropa ist, dass die meisten Menschen in Deutschland ihre Häuser nicht besitzen, sondern mieten. Es ist ein ähnlicher Fall wie in Österreich, wo das durchschnittliche Nettovermögen nur 76.400 Euro beträgt und über die Hälfte der Menschen Mieter und keine Eigentümer sind.

Zu diesem Schluss kommt auch das Journal du dimanche in Frankreich, nur werden die Deutschen hier trotzdem wieder als Gewinner präsentiert:

Der Großteil des Vermögens der Haushalte besteht aus Immobilien. Und in Deutschland sind Immobilien nun einmal kaum etwas wert. In Berlin liegt der Quadratmeterpreis bei nur 2400 Euro und ist damit so hoch wie in Städten wie Besançon, Mâcon oder Angers. Wir sind weit von den 8300 Euro in Paris entfernt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist die deutsche "Armut" ein... Glück! Schließlich ist diese Immobilienblase eine Illusion. In Madrid, Barcelona oder Athen sind die Preise abgestürzt und haben hochverschuldete Eigentümer und Banken mit schwindelerregenden offenen Rechnungen zurückgelassen. [...] Darüber hinaus hat die Explosion der Immobilienpreise die Wettbewerbsfähigkeit der Länder im Süden zermalmt. In den 2000er Jahren konnte Deutschland an seiner Politik der Lohnmäßigung festhalten, weil die Immobilienpreise überschaubar blieben.

In Partnerschaft mit Spiegel Online