Frankreich hat die Homo-Ehe eingeführt. Das Gesetz wurde mit großer Mehrheit verabschiedet, doch in der Gesellschaft, schreibt die Huffington Post „kochen die Emotionen hoch”. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind offenbar nur noch „ein Slogan”, meint die Prager Lidové Noviny.

Die französische Ausgabe der Huffington Post bemerkt, dass “seit langem kein Gesellschaftsthema mehr die Franzosen so in Aufruhr versetzt hat”.

Die Homo-Ehe ist mittlerweile in sechs EU-Ländern anerkannt: In den Niederlanden, in Belgien, in Spanien, in Schweden, in Portugal und Dänemark. Abgesehen von Spanien und in abgeschwächter Form in Portugal, wo der Text für eine gewisse Aufregung in der überwiegend katholischen Bevölkerung gesorgt hat, ist die Legalisierung der Homo-Ehe ohne viel Aufsehen in den betroffenen Ländern durchgegangen.

„Wie kann man sich also die gewaltsamen Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich erklären?”, fragt sich der niederländische Schriftsteller Arnon Grunberg in De Volkskrant:

Ist es der Katholizismus? Der Hass auf Präsident Hollande? Die Angst der Machos vor den Homosexuellen? Oder geht es hier um die Identitätskrise des Durchschnittsfranzosen? Schließlich verbirgt sich hinter Homophobie ja auch immer eine große Unsicherheit gegenüber der eigenen Männlichkeit.

Für Lidové Noviny aus Prag offenbart der Protest hingegen vielmehr die Engstirnigkeit der französischen Gesellschaft:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist nur ein Slogan. Das wirkliche Leben sieht anders aus. Die Franzosen sind eher elitär als gleich. Die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse ist hier immer noch entscheidend. In die höchsten Chefetagen zu gelangen, ist schwerer als anderswo in Europa. Ein Mythos ist auch, dass die Franzosen traditionell links seien. Dieser Mythos ist von der Pariser Bohème gebildet worden und hat sich in den Medien weltweit durchgesetzt. Das Mehrheits-Frankreich ist jedoch ein anderes. Es ist das Frankreich der Provinz, der städtischen Bourgeoisie und der katholischen Schulen. So ist Hollande auch erst der zweite linke Präsident in der Fünften Republik.

Dieser wollte die Homo-Ehe zu seinen eigenen Gunsten nutzen, hat jedoch das Gegenteil davon erreicht, meint die Presse aus Wien und ist überzeugt, dass diese „heftige Auseinandersetzung in der französischen Gesellschaft und Politik ihre Spuren hinterlassen wird”:

Mit der Durchsetzung seines Wahlversprechens Nummer 31, Homo-Ehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle, wollte Hollande eigentlich auf einfache Weise einen politischen Erfolg erzielen und von dringenderen Problemen – Rezession und steigende Arbeitslosigkeit – ablenken, für die der Präsident bisher kein Rezept gefunden hat. Stattdessen hat das Gesetz „Heirat für alle“ am Ende alle Gegner der Regierungspolitik vereint. […] Hollande dürfte es sich in den kommenden Monaten zweimal überlegen, bevor er mit einer gesellschaftspolitischen Reform erneut einen Konflikt riskiert, in dem er mit denselben konservativen Kräften konfrontiert sein dürfte.

Der Telegraph aus London wendet sich dagegen lieber den Gewinnern der Homo-Ehe zu. Genau wie die französische Nationalversammlung, hatte die erste Kammer des britischen Parlaments bereits im Februar dafür gestimmt. Nun muss noch das Oberhaus sein Ja-Wort geben, doch der französische Erfolg stimmt den Telegraph optimistisch:

Es ist nur schwer vorstellbar, dass es nicht auch hier passieren wird. Jetzt. Es scheint einfach unaufhaltbar […] In Frankreich wurde Protest laut. Und die Kontroversen werden auch noch eine Weile anhalten. Aber ganz sicher wird die [Ehe für alle] irgendwann ganz einfach zum Leben dazu gehören. Wie in all den anderen Ländern, in denen sie durchgesetzt wurde. Und irgendwann wird man sich ganz sicher fragen, warum darum ein solches Aufheben gemacht wurde.

Von der Lust zum Nachmachen ist in vielen osteuropäischen Ländern hingegen wenig spürbar. Allein der Vorschlag eines rumänischen Abgeordneten, einen zivilen Solidaritätspakt nach Vorbild des französischen Pacs zu etablieren, der unverheirateten Paaren, egal ob hetero- oder homosexuell einen Rechtsstatus verleiht, führte im Parlament zu „so heftigen Beschimpfungen, dass manche nur knapp einem Strafverfahren entgangen sind”, berichtet Romania Libera aus Bukarest.

Auch für das polnische Online-Portal Gość Niedzielny ist Frankreich in Sachen Homo-Ehe alles andere als ein Vorbild:

Das eigentliche Drama ist nicht die Arroganz der Macht: Denn 55 Prozent der Franzosen akzeptieren diese Neudefinition der Ehe nicht. Millionen haben eine Petition an die Nationalversammlung geschrieben. Und Millionen sind auf die Straße gegangen – ohne Erfolg. ... Es ist vielmehr der Horror, den die sexuelle Minderheit ausgerechnet den Wehrlosesten von allen antun will. Nämlich, dass den französischen Kindern die Adoption durch Schwule und Lesben droht. Wenn diese schon zu ihrem Lebensbeginn von zwei Personen erzogen werden, die mit Sicherheit kein Vorbild für eine Familie sind, was wird das denn für Konsequenzen haben?

In Partnerschaft mit Spiegel Online