Tomáš Sedláček gilt als einer der begabtesten Ökonomen seiner Generation. Seiner Meinung nach wäre es von Vorteil, die Wirtschaftswissenschaften zu humanisieren. Sedláčeks internationaler Sachbuch-Bestseller Economics of Good and Evil ist ins Deutsche (Die Ökonomie von Gut und Böse) und Französische (L’économie du bien et du mal) übersetzt worden. Presseurop hat mit dem Star-Ökonom gesprochen.

In Ihrem Buch Die Ökonomie von Gut und Böse fordern Sie, die Grenzen der Ökonomie zu verschieben. Neben den mathematischen Formeln, welche die Wirtschaft zu einer exakten Wissenschaft machen, müssen auch philosophische, religiöse und künstlerische Dimensionen berücksichtigt werden. Inwiefern beschreiten Sie mit Ihrer Konzeption Neuland und worauf beziehen Sie sich in Ihrem Buchtitel?

Wir neigen dazu, strikt zwischen technischem Denken und der Welt des Geistigen zu unterscheiden. Die Wirtschaftswissenschaften sind stolz darauf, so kompliziert wie nur irgend möglich zu sein. Ich versuche, Folgendes zu zeigen: Wenn der Körper vom Geist getrennt wird, verlieren beide ihren Sinn. Zu den klassischen Fragen, die wir Ökonomen uns stellen, gehören diese hier: Funktioniert die Wirtschaft? Ist die Ökonomie leistungsstark? Dabei sollten wir uns vielmehr fragen, was der Sinn und Zweck des Wirtschaftens ist.

Worum geht es also Ihrer Meinung nach?

Die Grundidee besteht darin, die Wirtschaftswissenschaften für andere Disziplinen zu öffnen. Die Bibel macht keinen Sinn, wenn sie allein als spirituelles Buch gelesen wird. So macht die Wirtschaft keinen Sinn, wenn sie ausschließlich durch eine technische Brille betrachtet wird. Genau das ist es, was ich in meinem Buch versucht habe. Mir ging es darum, über die Seele der Ökonomie zu sprechen, und diese sichtbar zu machen.

Wenn wir wirklich wollen, dass die Wirtschaft gerechter wird, so müssen wir ihr Erscheinungsbild ändern. Wenn wir von der Ökonomie nur erwarten, dass sie uns vermögender macht, dann müssen wir fragen, wie sie dies tun kann? Wenn wir all das der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen, dann werden die Märkte unsere Führung übernehmen. Mir gefällt der Begriff eines nicht-orchestrierten Orchesters. Wenn Sie es nicht orchestrieren, so wird es Sie orchestrieren.

Geht es also darum, ethische Regeln in die Wirtschaftswissenschaften einfließen zu lassen?

Über die Frage, ob wir die Ökonomie mit ethischen Grundsätzen bereichern und sie humanisieren sollten, wurde viel und oft geredet. Ich bin absolut dafür. Allerdings verfügt die Wirtschaft auch über ihre eigene Ethik: [Die Menschen] sollten leistungsstark, rational und keineswegs emotional sein. Selbstsüchtiges Verhalten ist da schon in Ordnung. Und wenn Länder sich vor allem für ihre eigenen Interessen einsetzen ist das schon okay. Jedes System hat seine eigenen ethischen Regeln.

Vor kurzem las ich eine Geschichte über Sodom und Gomorrha. Das ethische Problem, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Sie dürfen niemandem helfen. Die Geschichte handelte von zwei Mädchen, die einem hungrigen Bettler Brot gaben. Als die anderen Leute dahinterkamen, dass sie sich den ethischen Regeln von Sodom und Gomorrha widersetzt hatten, verbrannten sie eines der Mädchen bei lebendigem Leib und hingen das andere von Honig umhüllt an der Stadtmauer auf, damit Bienen es lebendig verspeisen. Der Nationalsozialismus hatte seine eigene Ethik. Der Kommunismus hatte seine eigene Ethik. Und so hat auch die Wirtschaft ihre eigene Ethik. Sollten wir also nicht mit der Ethik unserer Zeit zufrieden sein, so sollten wir einfach etwas daran ändern.

Denken Sie dabei an so etwas wie eine Religion, die innerhalb der Wirtschaft für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Materialität und Spiritualität sorgen sollte?

Die Wirtschaft hat sich selbst zu so etwas wie einer Religion entwickelt. Sie sagt uns, was wir tun und denken sollen, wer wir sind, wie wir unserem Leben einen Sinn geben können, wie wir miteinander umgehen sollten, auf welchen Prinzipien die Gesellschaft aufbaut und was sie zusammenhält. In gewisser Hinsicht verfügt [die Wirtschaft] bereits über religiöse Eigenschaften. Blenden wir nur einmal die Mathematik aus den Wirtschaftswissenschaften aus, und schon wird deutlich, dass nur noch pure Moralität übrig bleibt.

In Ihrem Buch Die Ökonomie von Gut und Böse behaupten Sie, dass die Menschen von der Idee des Wirtschaftswachstums heutzutage wie besessen sind. Sind Sie gegen den Fortschritt?

Ich bin weder gegen Wachstum noch gegen Fortschritt. Das Problem ist nur, dass wir [beides] zum Fetisch gemacht haben. [In meinem Buch] verwende ich das Beispiel der Hoch- und der Massenkultur und zeige auf, dass das Etwas, das Sie zum Fetisch machen, Sie zerstören wird. Das können ethische Regeln sein, oder die Wirtschaft, oder die Religion, oder selbst Ihr geliebter Partner. Wenn Sie Ihre Liebe zu jemandem zum Fetisch machen, so kann diese Sie wahnsinnig machen. Das ist es, was ich die Umkehrung der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt genannt habe. Sie schaffen etwas, was Ihnen eigentlich gehorchen und dienlich sein soll, dann aber geschieht etwas, was die Subjekt-Objekt-Beziehung umkehrt, und letztendlich gehorchen und dienen Sie ihm.

In der Literatur habe ich zahlreiche Beispiele dafür gefunden: Angefangen beim Golem bis hin zu Aladins Wunderlampe und dem Herren der Ringe. Zu Beginn, und ich glaube noch immer daran, bot das System – nennen wir es marktwirtschaftliche Demokratie – günstige Voraussetzungen für Wachstum. Dann aber fand ein Umkehrungsprozess statt und es wurde zur Conditio sine qua non der Marktdemokratie. Gewiss sollten wir für Wachstum dankbar sein, aber wir sollten dennoch fähig sein, auch ohne es zu überleben. Die Krise gibt es nur, weil wir der Meinung sind, dass unsere Zivilisation ohne Wachstum zugrunde gehen wird. Dabei gibt es nicht immer nur Wachstum. Es gibt Phasen, in denen wir jedes Jahr viele Dinge erfinden, und dann gibt es Perioden, in denen uns jahrelang gar nichts Innovatives einfällt. Und genauso gibt es Jahre, in denen das BIP-Wachstum stark anwächst, aber auch Jahre, in denen es gegen Null geht oder sich sogar zu einem Negativwachstum entwickelt.

Können Sie der derzeitigen Krise irgendetwas Positives abgewinnen?

[Carl Gustav] Jung war der Auffassung, dass sich außerhalb der Krise nichts und niemand verändern kann, am allerwenigsten die menschliche Natur. Womit wir es zu tun haben, ist keine europäische Krise, sondern eine Krise der westlichen Welt. Amerika, Japan und Europa versuchen auf ihre eigene Art und Weise mit ihr fertig zu werden. Das Wichtigste aber ist, dass darüber geredet wird. Selbst irgendwo hoch oben im Gebirge setzen sich Menschen in winzigen Dörfern mit Europa auseinander.

Wir machen uns über Amerika und darüber lustig, dass seine Bevölkerung stolz auf das ist, was sie geschaffen hat. In Europa sind wir aber nicht stolz auf das, was wir geschaffen haben. Die Krise zwang Europa schneller als je zuvor zu mehr Integration. Hätte jemand vor zehn Jahren so etwas wie den Fiskalpakt erwähnt, hätte man ihn ausgeschimpft und verspottet. So etwas wie die gegenseitige Hilfe, die wir uns inzwischen entgegenbringen, gab es früher einfach nicht, zumindest nicht in diesem Ausmaß. Aus diesem Grund hoffe ich, dass [der alte Kontinent aus dieser Krise] als ein besseres und stärkeres Europa hervorgeht. In den guten alten Zeiten fehlte Europa etwa die Hälfte. In meinen Augen ist die Krise für Europa eine gute Gelegenheit, um sich weiterzuentwickeln.

Aber wie steht es mit all den euroskeptischen Gefühlen, welche die Menschen Europa und dem Euro entgegenbringen?

Wenn wir die Situation einmal mit den 1920er und den 1930er Jahren vergleichen, so wird klar, dass sie keine ernstzunehmende Gefahr darstellen.

Was halten Sie von der europäischen Sparpolitik, die seit Beginn der Krise den Ton angibt?

Vergleichen wir die Situation einmal mit Amerika: Dort macht man noch immer das, was man schon immer getan hat. Man bringt mehr steuerliche Energie auf, reißt neue Defizitlöcher und druckt Geld. Hier in Europa zwingen wir uns dazu, in den sauren Apfel zu beißen. Wir wissen sehr wohl, dass das Defizit für uns eine Droge und wir davon abhängig geworden sind. Folgerichtig müssen wir uns einer schmerzhaften Entziehungskur unterziehen. Sollten wir dies nicht tun, so wird uns die Wirtschaft umbringen.

Wir müssen China und anderen aufstrebenden Märkten gegenüber ganz einfach wettbewerbsfähig sein. Ja, wir sind sparsam. Auch wenn es dafür keinen ungünstigeren Zeitpunkt gibt. Letztes Jahr ging es [beim Weltwirtschaftsforum] in Davos um die Frage der bedeutenden Wandlungsprozesse und die Suche nach neuen Modellen. Solange Sie nicht irgendwie in Schwierigkeiten geraten, stellen Sie sich einfach nicht die Frage, wer Sie wirklich sind.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass einige deutsche Politiker es ablehnen, für die Schulden der Griechen oder Portugiesen zu zahlen und Sparsamkeit fordern?

Die Frage ist vielmehr, ob Griechenland ein Markt oder ein Teil der Familie ist. Wenn sich ein Familienmitglied ein Bein bricht, so bemühen Sie sich darum, ihm zu helfen. Wenn sich aber Ihr Bäcker ein Bein bricht, so gehen Sie ganz einfach zu einem anderen. Nichts für ungut! Der Bäcker interessiert Sie nun einmal nicht. Wofür Sie sich interessieren ist die Möglichkeit, Brot zu kaufen. In Amerika haben die Menschen kein Problem damit. Seit Jahrhunderten überweisen sie Geld von einem Staat zum anderen. Nur nehmen [wir] das nicht wirklich wahr, weil es sich um einen Staatenbund handelt. In Frankreich gibt es das übrigens auch: Wohlhabendere Regionen geben ärmeren etwas ab. Auch in der Tschechischen Republik wird das so gehandhabt. Folglich müssen wir uns die Frage stellen, wer unser Nachbar ist. Ist es nur Frankreich? Oder vielleicht auch Griechenland?

Wir wissen, dass die Krise die Gelegenheit bietet, ökonomische Modelle zu überdenken. Was würden Sie den europäischen Führungsspitzen raten, um zu verhindern, dass der Schuldenberg ihrer Länder noch größer wird?

Um die Wirtschaft zu beeinflussen, verfügten die europäischen Politiker-Generationen vor uns über zwei unterschiedliche Mittel: In der einen Hand hielten sie die Kontrolle der Währungspolitik, in der anderen die Beeinflussung der Steuerpolitik. Vereinfacht ausgedrückt meint die Geldpolitik das Staatsmonopol zum Gelddrucken, die Steuerpolitik das Staatsmonopol zum Schuldenmachen. Heutzutage aber haben die Politiker keinen Einfluss mehr auf die Geldmarktpolitik. Ihnen wurden die Hände gebunden.

Folglich sind die Politiker in Europa derzeit nicht in der Lage, Geld zu drucken. Allerdings bleibt ihnen noch die andere Hand: Demzufolge können sie so viele Schulden machen wie sie wollen. Und niemand kann sie daran hindern. Der Druck vonseiten der Europäischen Union und den Märkten reicht einfach nicht aus. Die Reaktion der Märkte ist zu schwach und kommt zu spät. Und das europäische Ziel, auf das wir uns alle als Staatenunion geeinigt haben, d. h. die Defizitgrenze von drei Prozent des BIP nicht zu überschreiten, hat sich als unzureichend erwiesen. Um Defizite abzubauen, reicht [diese Marke] einfach nicht aus.

Genau das ist der Grund dafür, dass Europa kein Inflationsproblem hat, und wir auch weiterhin versuchen, die Probleme mit einer Hand zu lösen: Indem wir immer mehr Schulden machen. Die momentanen Diskussionen drehen sich demnach um die Frage, ob wir die gebundene Hand wieder befreien, oder die zweite Hand auch noch festbinden sollten. Meiner Ansicht nach sollte der Staat so wenig Einfluss wie möglich ausüben können. In diesem Sinne sollten Regierungen auch auf ihre Kontrollbefugnis über die Höhe der Defizite verzichten.

Wenn Sie sich den Zustand Europas anschauen, kommt Ihnen welche Legende oder welcher Film in den Sinn?

Der Herr der Ringe. Elfen und Zwerge hassen einander, während Hobbits sich zusammenraufen und schwierige Zeiten gemeinsam durchstehen. Als alles in Butter war, interessierte sich niemand für Europa. Die Tatsache, dass wir in Frieden leben und miteinander handeln ist schon so etwas wie eine Selbstverständlichkeit geworden. Die Idee, die der Europäischen Union zugrunde liegt, ist der freie Handel, nicht Krieg. Der Zweite Weltkrieg fand statt, weil die Idee des Nationalstaats zum Fetisch gemacht wurde. Wir können die Europäische Union als Antwort auf diese Fetischisierung verstehen. Was wir getan haben war ein genialer Schachzug: Das geographische Wachstum einer Nation ersetzten wir durch wirtschaftliches Wachstum. Allerdings denken wir längst nicht an das BIP Europas, sondern noch immer an das BIP Frankreichs im Gegensatz zum BIP Deutschlands im Gegensatz zum BIP Griechenlands. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass es eine positive und gute Sache war, geographisches gegen wirtschaftliches Wachstum einzutauschen. Nachdem wir nun aber Wachstum in den Wirtschaftssystemen erreicht haben, können wir dieses auch gegen Wachstum in anderen Bereichen eintauschen: Beispielsweise der Kultur, dem gesellschaftlichen Umgang miteinander, und anderen wichtigen Dingen.