Überwiegend enttäuscht reagiert die europäische Presse auf die Rede des amerikanischen Präsidenten in Berlin. Eine schöne „Redeübung” war das, meint „Periodico”, eine „Charmeoffensive” findet ”Público”, die Abrüstungsinitiative klingt für den Independent „wie aus einer fernen Zeit.”

Il Sole aus Mailand erinnert zunächst daran, dass sich Obama seine Rede vor dem Brandenburger Tor hart erarbeiten musste. Als er das letzte Mal als Präsidentschaftskandidat zu Besuch war, verweigerte die Kanzlerin ihm noch dieses Recht:

Nun hat er das Brandenburger Tor und das Treffen mit Merkel bekommen, doch die deutsche Öffentlichkeit ist ihm gegenüber deutlich kühler geworden. [...] Das Land fühlt sich nicht mehr so abhängig von den USA, die es statt dessen als potentielle Problemquelle betrachtet, wie sich an der Finanzkrise gezeigt hat. [...] Die Beziehung zwischen den beiden Regierungschefs ist korrekt, aber nicht warmherzig. Obama erkennt allerdings, dass Merkel die wichtigste Persönlichkeit in Europa ist, mit der man sich befassen muss. Doch Deutschland hat begriffen, dass Europa nicht mehr zu den Prioritäten einer US-Regierung gehört, die sich wirtschaftlich Asien und dem Pazifikraum zuwendet.

Večernji list aus Kroatien meint, Obama hätte die Gunst der Stunde viel eher nutzen müssen, als die Deutschen noch sehnsüchtig auf ihn warteten:

Es ist einfach unglaublich, dass der Präsident des mächtigsten Landes der Welt während seiner ersten Amtszeit in den vergangenen vier Jahren nicht einmal das mächtigste Land Europas besucht hat. Die Deutschen haben ihm das nicht verziehen. Sie hatten auf seinen Besuch gewartet, als der alte Kontinent von der Krise heimgesucht wurde, die gerade die USA verursacht hatte. Und obwohl sich Obama offensichtlich vier Jahre lang auf seinen Berlin-Besuch vorbereitet hat, hielt er vor dem Brandenburger Tor nur eine kurze Rede – sie dauerte lediglich 28 Minuten. Im Unterschied zu seinen Vorgängern sagte Obama keinen einzigen Satz, der im kollektiven Bewusstsein verankert sein wird.”

Aber Barack Obama hatte es in Berlin natürlich auch nicht leicht, gesteht ihm The Independent aus London zu, musste er es doch mit so berühmten Vorrednern wie John F. Kennedy aufnehmen:

Barack Obama – der als Präsidentschaftskandidat ekstatische Menschenmassen in Berlin für sich begeistern konnte – spürte ganz genau, dass er [mit dieser Rede] ein hartes Stück Arbeit zu bewältigen hatte. Und er wurde wärmsten empfangen. Doch die deutsche Reaktion auf sein Angebot der nuklearen Abrüstung war eher lauwarm. Es schien, als stamme das Angebot aus einer anderen Zeit. Glücklicherweise geht von Berlin heute kein Gefühl der Gefahr mehr aus, und das Brandenburger Tor markiert schon lange keine Grenze zwischen Freiheit und Unterdrückung mehr. Doch das bedeutet auch, dass es Zeit für US-Präsidenten auf Berlin-Besuch ist, sich von den langen Schatten der Rede John F. Kennedys zu befreien.

Mit Kennedy konnte es Barack Obama dann auch bei weitem nicht aufnehmen, meint *El Periódico aus Barcelona. Aber immerhin, reden könne er, nur müsse man dem amerikanischen Präsidenten seine Worte auch abnehmen können:

Obamas Problem ist, dass seine so schön ausgedrückten Ideen immer weniger glaubhaft klingen. Es war Skepsis angebracht, als er [in Berlin] wiederholte, er würde die Schließung von Guantánamo anstreben und den massiven Einsatz von Drohnen [...] stark einschränken. Ferner schlug er den Abbau der strategischen Atomwaffen vor, um seinen Worten zufolge die Stellungen des Kalten Krieges hinter sich zu lassen, und vergaß darüber anscheinend völlig seine eigene Rede in Prag aus dem Jahr 2009 über eine atomwaffenfreie Welt oder die Existenz des 2010 zwischen Washington und Moskau geschlossenen Abkommens zur atomaren Abrüstung. Der Obama [vor dem Brandenburger Tor] war weit entfernt von dem Präsidentschaftskandidaten, der 2008 die Berliner begeisterte, von einem John F. Kennedy vor 50 Jahren ganz zu schweigen.

Skepsis gegenüber Obama legt nach Meinung der französischen Tageszeitung Libération vor allem Angela Merkel an den Tag. Der Funke zwischen ihr und ihm sei „so wirklich nie übergesprungen”, auch wenn „das Eis” nach Außen hin jetzt ansatzweise „gebrochen zu sein scheint”.

Doch, glaubt man ihren engsten Beratern, hat Angela Merkel immer noch wenig Vertrauen in diesen Präsidenten, dem man anlastet, sehr viel zu sagen, aber wenig davon umzusetzen. Die Deutschen sind zum Beispiel enttäuscht darüber, dass es keine Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel oder bei der Schließung von Guantánamo gibt. Vor allem jedoch fühlen sie sich vernachlässigt.

Die linksliberale Politiken aus Dänemark hingegen hat durchaus noch Lust, an Obama und seine Versprechen zu glauben:

„Er hat daran erinnert, dass eine Welt in Frieden und Freiheit sein Leitgedanke ist. Die Versprechen, die US-amerikanischen Atom-Arsenale um ein Drittel zu reduzieren, Guantánamo zu schließen und den Klimawandel zu bekämpfen, signalisieren, dass Obama immer daran gelegen ist, diese wichtigen Themen auf die Tagesordnung zu setzen."

Das findet Público ganz und gar nicht. Die portugiesische Tageszeitung hätte sich ein ganz anderes Thema gewünscht. Zwar sei Obamas Rede eine „Charmoffensive” gewesen, doch leider habe sie „nichts Neues für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen gebracht”:

Das einzig Neue an der Rede war, dass sie auch den Vorschlag beinhaltete, das amerikanische und russische Atomarsenal zu reduzieren, ein Thema, für das sich Obama schon seit seiner ersten Amtszeit einsetzt. Ein Thema im Einklang mit einer Rede, die mit dem Kalten Krieg begann, um eine Agenda für die Gegenwart vorzuzeichnen, jedoch auch etwas abgehoben von den aktuellen Prioritäten. Es wäre weit wichtiger gewesen, vom Freihandelsabkommen zu sprechen, über das Amerikaner und Europäer die Verhandlungen aufgenommen haben, denn dies ist das wichtigste Instrument, welches den Verbündeten auf beiden Seiten des Atlantiks zur Verfügung steht, um sich in einer globalen Welt zu behaupten. Obama [...] hätte genau hier seine Rede ansetzen sollen. Seine Reise nach Berlin war am Ende eine gelungene Charmeoffensive, gab aber keine Auskunft darüber, was Europäer und Amerikaner heute noch gemeinsam repräsentieren können.

In Partnerschaft mit Spiegel Online