Wir kann Kultur helfen, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Probleme zu lösen? Darüber haben vom 27. bis 29. Juni Vertreter aus eben jenen Bereichen beim Forum d'Avigon-Ruhr in Essen debattiert.

Kultur hat im Ruhrgebiet, bekannt für seine Zechen, Stahl- und Autowerke lange Zeit keine Rolle gespielt. Doch seit etwa 20 Jahren bemüht sich die Region dem Kreativbereich einen gebührenden Platz einzuräumen. Mit überzeugendem Resultat, kaum eine Region in Deutschland zählt heute so viele Museen, Theater- und Opernhäuser. Einen besonderen Impuls gab die Stadt Essen, die 2010 stellvertretend für die Region europäische Kulturhauptstadt wurde.

2010 ist auch der Kontakt mit dem 2008 in Frankreich ins Leben gerufene Forum d’Avignon entstanden, das zunächst in der südfranzösischen Stadt und nun als Fortsetzung in Essen stattgefunden hat. 250 Spitzenkräfte aus Wirtschaft, Kultur, EU- und Landespolitik wurden zum zweitägigen Forum d'Avignon-Ruhr im Zollverein geladen, jener stillgelegten Zeche, die 2001 zum Weltkulturerbe erklärt wurde und heute vor allem für kulturelle Zwecke genutzt wird.

Diskutiert wurde auf dem Forum über die sogenannten „Spillover-Effekte“, darüber also, wie sich Kultur auf die Bereiche Wirtschaft, Stadtentwicklung, Energiewende und Interkultur auswirken, und zur Bewältigung der europäischen Krise beitragen kann. „Designer sind heute längst nicht mehr nur Oberflächenverschönerer, sondern Moderatoren, die komplexe gesellschaftliche Systeme entwickeln. Kultur hat eine Lotsenfunktion“, erklärt NRW- Wirtschafts- und Industrieminister Garrelt Duin das Konzept.

Wie viel Potential in der Kultur steckt, hat auch die EU-Kommission seit letztem Jahr wieder begriffen. Sie will sich im Rahmen der 2010 ins Leben gerufenen Agenda Europa 2020 nicht nur um die Stärkung der Kreativwirtschaft einsetzen, sondern auch für die Förderung von Partnerschaften und die Nutzung von Spillover- Effekten mit anderen Branchen. Endlich also tritt das in Krisenzeiten so sträflich vernachlässigte Thema Kultur wieder offiziell auf den Plan.

Doch wirft das Forum d‘Avignon Ruhr die schwierige Frage nach dem Kulturbegriff auf, der von Hoch- bis Alltags- und Lebenskultur reicht und die Bereiche bildende Kunst ebenso mit einbezieht wie Wissenschaft und Philosophie. Worüber genau also wird hier geredet?

„Natürlich ist es schwierig solche Diskussionen differenziert zu führen, das Feld ist nun einmal leider so groβ, aber wenn man sich immer nur über den engen Kulturbegriff unterhält, dreht man sich im Kreis“, erklärt Professor Dieter Gorny, Direktor des european center for creative economy ecce, welches das Forum veranstaltet.

Dazu kommt, dass das Wesen der Kultur nun einmal nicht konkret ist und einem solchen Forum daher leicht unterstellt wird, über schwammige Diskurse nicht hinaus zu kommen. „Aber eben durch das Unkonkrete entstehen Impulse, die ergebnisorientierten Branchen helfen können“, ist Dieter Gorny überzeugt.

Und so geht es in Essen vor allem um die Reflexion darüber, wie die Denkweise von Kultur auf andere Bereiche übertragen werden kann. Denn, „Künstler sind Störer, sagt Gorny, „sie können helfen zu hinterfragen, wie die Leute denken. Kunst ist Profi im Aufbrechen von Strukturen und im Fordern von Neuem.“

Das anschaulichste Beispiel dafür, wie sich das in die Praxis umsetzen lässt, liefert die schwedische Agentur Tillt, die versucht, die Arbeitswelt durch das Potential von Kunst und Kultur zu verbessern. Sie vermittelt erfolgreich Künstler an Unternehmen, damit sie mit ihrem Know-how zur Problemlösung in den Betrieben beitragen können. So zeigte ein Dirigent dem Leiter eines Energiekonzerts etwa, wie er es schafft, einen Haufen individueller Vollprofis zum Zusammenspiel zu bringen.

Doch wurde in Essen nicht nur debattiert. Ganz im Widerspruch zur Erkenntnis, Kultur sei nicht zu konkreten Ergebnissen verpflichtet, haben die Veranstalter am ersten Forumstag vier Workshops organisiert, in denen sich junge Kreative aus verschiedenen Ländern mit den Themen Urbanismus, Energiewende, Wirtschaft und Interkultur im Ruhrgebiet auseinander setzen sollten.

“Wie können alle Akteure der im Ruhrgebiet ansässigen Kreativindustrie dazu ermutigt werden, ihr Know-how so vertrauensvoll mit anderen Branchen auszutauschen, als seien es ihre Freunde?“ lautete etwa die Frage im Wirtschafts-Workshop.

Das Ergebnis wurde zum Abschluss der Veranstaltung präsentiert. An Hand einer 28-jährigen türkischen Choreographin –stellvertretend für das junge, kreative, multikulturelle Ruhrgebiet- erklärten die Teilnehmer, wie sich ein persönliches Business-Modell in der Region entwerfen lässt. Flashmobs solle sie organisieren, um den Kontakt zur Bevölkerung herzustellen und die Bedürfnisse der Leute in ihre Arbeit mit einzubeziehen. Aha!

Das ist so innovativ natürlich nicht, aber das kommt dabei heraus, wenn Kreative fünf Stunden in einem Raum zusammengewürfelt werden, damit sie sich, auf Knopfdruck bitte, Lösungen für den Ruhrpott einfallen lassen.

Die Veranstalter hätten besser daran getan, die vielen, langfristigen Spillover-Projekte der Region zu präsentieren. So wie zum Beispiel das Wände Südost-Projekt während dessen Künstler, Sozialarbeiter, Ärzte und Kulturmanager aus Deutschland und 11 verschiedenen Ländern die Schallmauer der Autobahn A 40, die das südostviertel Essens zerschneidet, in eine dreieinhalb kilometerlange Galeriefläche verwandelt haben.

Die als trennend und bedrohlich empfundene Mauer – ein zentrales Problem der Stadt Essen – hat auf diese Weise ihren Schrecken verloren, und konnte die Menschen des sozialschwächeren Nordteils der Stadt mit dem wohlhabenderen Süden verbinden. „Positive Störung des öffentlichen Raums“, nennt Florian van Rheinberg, Projektleiter der Essener Kultureinrichtung Storp 9 das. Er hat das Projekt zusammen mit dem bosnischen Künstler und Kurator Gigo aus Mostar organsiert, der aus seiner Heimat in Bosnien-Herzegowina nur zu gut weiβ, wie sich der strukturelle Wandel einer Stadt auf die Identität der Bewohner auswirken kann.

Neu sind solche „Spillover-Projekte“ natürlich nicht. Doch es ist gut und wichtig, dass sich Kultur und Politik wieder auf solche Projekte besinnen. Denn Kultur braucht Geld und Anerkennung, auch in Krisenzeiten.