In Frankreich kommt im August das öffentliche Leben bekanntlich zum Erliegen. Doch angesichts der heiklen Lage im Land, hat François Hollande seinen Ministern verordnet, in den Sommerferien über die Zukunft nachzudenken. Stärken und Schwächen ihres Landes sollten sie herausarbeiten. Ihre Hausaufgaben haben sie Anfang der Woche dem Präsidenten im Elysée vorgetragen, der daraus bis Ende des Jahres die Agenda „France 2025” entwickeln will, um sein Land wieder zukunftsfest zu machen.

2025? Gibt es nicht Dringenderes zu regeln hier? Sogleich entbrannte am Morgen danach in den Medien die Diskussion über einen möglichen Kommunikationsfehler der Regierung – ein gefundenes Fressen für die Opposition. François Bayrou, Vorsitzender der Zentrumspartei MoDem polterte, die Regierung täte besser daran, „die Probleme zu identifizieren, die verhindern, dass es uns 2013 gut geht”.

Doch davon will diese gerade gar nichts wissen. Die Minister überbieten sich in ihren Zukunftsvisionen geradezu vor Optimismus: Finanzminister Pierre Moscovici hält eine Rückkehr zur „Vollbeschäftigung” bis 2025 für „realistisch”. Seine Kollegin Christiane Taubira hält es für möglich, die chronische Überbelegung französischer Gefängnisse durch die "Entwicklung von alternativen Strafen zur Inhaftierung" in den Griff zu bekommen und Cécile Duflot, Hollandes grüne Wohnungsbauministerin, stellt in ihrem Zukunftspapier ein Land in Aussicht, in dem der „Zugang zu Wohnraum für alle” nicht mehr „ein Stressfaktor sein wird, sondern ein angenehmer Lebensabschnitt”.

„Was Frankreich fehlt, ist die Kraft, sich die Zukunft vorzustellen”, rechtfertigt Premier Ayrault die Trendwende. Doch dürften sich die Wenigsten davon einlullen lassen. Deutschlands Presse, die zu lange schon mit Sorge nach Frankreich blickt, hat für Nachbarns Sommerträume jedenfalls kein Verständnis. „Anstatt sich mit den sattsam bekannten Problemen der Gegenwart zu beschäftigen, positioniert sich François Hollande nun als eine Art „Captain Future” und lässt seine Minister Visionen von einem glücklichen Frankreich erarbeiten”, ironisiert die Welt:

Bei der Lektüre [ihrer Thesenpapiere] kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren ihre Werke in geselliger Runde an einem lauen Sommerabend und nach dem Genuss einiger Flaschen Rosé abgefasst haben.

Auch die Frankreich sonst eher wohlgesonnene Süddeutsche Zeitung will sich von der heiteren Sommerlaune nicht anstecken lassen. Zwar

ehre es Frankreichs Präsidenten, seine Minister zu verpflichten, einmal über den Horizont ihres Mandates hinauszuschauen [...], nur leider haben die meisten von [ihnen] die verordnete Vision missverstanden und zur Flucht in eine bisweilen halluzinös anmutende Zukunftsschwärmerei missbraucht. Das Kabinett verheisst Jobs und Wohnungen für alle [...] Über die [...] schmerzhaften Reformen, die für eine solche Erneuerung nötig sind, gehen die meisten Minister derweil suffisant hinweg. Das ist feige – und es ist unehrlich gegenüber dem eigenen Volk, das längst ahnt, dass Einschnitte beim „sozialen Besitzstand” fällig sind.

Und wie steht es derzeit um die Opposition? Die beschäftigt sich statt mit Gegenwart lieber mit Vergangenheit. „Über ein Jahr nach der Niederlage von Nicolas Sarkozy scheint die Rechte nun endlich bereit, Bilanz seiner fünfjährigen Regierungszeit zu ziehen, schreibt Le Monde. UMP-Präsident Jean-François Copé hat das 1995 vom ehemaligen sozialistischen Premierminister Lionel Jospin eingeführte „Inventur-Recht” fast 20 Jahre später nun auch für seine Partei gebilligt und ist bereit eine „seriöse und objektive” Debatte über den früheren Staatschef zu eröffnen, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie „ausschließlich der Zukunft dienen möge”.

Mit anderen Worten: „Le futur, c’est l’avenir”, „die Zukunft ist die Zukunft [Frankreichs]”, wie es das Satireblatt Canard enchainé so schön auf den Punkt bringt.

Foto: Reuters