Während der Sommerpause gab es keine Proteste vor dem Parlament in Sofia, doch die Demonstranten warten bereits auf die bulgarische Regierung, die am 4. September aus den Ferien zurückkommt. Manuela Nakova, (37) und ihr Freund Yordan Stefanov, (42) sind bereit für weitere Demonstrationen.

Manuela Nakova und Yordan Stefanov, Sie waren von Anfang an bei den Protesten dabei, was hat Sie so gegen diese neue Regierung aufgebracht?

Manuela Nakova:

Auslöser war, dass der Abgeordnete Deelian Peevski der Partrei Bewegung für Rechte und Freiheit (MRF) zum neuen Geheimdienstchef ernannt wurde. Symbolisch war das das Schlimmste, was diese neue Regierung hätte tun können.

Warum?

Yordan Stefanov:

Der Schlüssel zum Verständnis für die Situation hier ist, dass Bulgarien über lange Zeit eng mit der Sowjetunion verbunden war. Das hat mit der Befreiung gegen die Türken begonnen, dann kam der Kommunismus, die Bulgaren haben noch immer das Gefühl, den Russen etwas schuldig zu sein. Und das bedeutet vor allem, den Leuten des Ex-KGB nahe zu stehn. Die Bulgarische Stasi hat mit denen zusammen nach der Wende Mafia-Strukturen geschaffen, um weiterhin Druck auf die Gesellschaft ausüben zu können, so wie zu Zeiten des Kommunismus. Heute ist diese Mafia eng mit der Regierung verwoben.

Und Deelian Peevski gehört in diese Clique?

Yordan Stefanov:

Er kommt aus einer Familie, die tief in all das involviert ist. Seine Mutter ist Eigentümerin eines Medienimperiums in Bulgarien. Peevski selbst ist trotz seiner erst 33 Jahre in etliche Skandale verwickelt. In den letzten Jahre ist es allerdings ruhig um ihn geworden, und da dachte die Regierung wohl, seine Ernennung würde durchgehen. Dazu kommt, dass die neue Regierung den bulgarischen Verfassungsschutz zur Superbehörde aufgewertet hat, indem sie ihr die Zuständigkeit für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zugeteilt hat, die sie dem Innenministerium entzogen hat. Alles, was als „organisierte Kriminalität” bezeichnet wird, wird nun also nicht mehr mit polizeilichen, sondern mit geheimdienstlichen Methoden behandelt. Das ähnelt der Wiedererschaffung der bulgarischen Staatssicherheit.

Manuela Nakova:

Und von all dem haben wir einfach die Nase voll. Die Demonstranten sind überwiegend junge, erfolgreiche Leute, die es ohne den ganzen Filz geschafft haben, weil sie intelligent sind oder einfach den richtigen Riecher nach der Wende hatten. Yordan und ich zum Beispiel haben 1991 die erste Pizzaria in Sofia eröffnet, das war billig und exotisch. Die Leute standen Schlange... und heute besitzen wir in Sofia sieben Restaurants. Wir wollen einfach in Ruhe und ehrlich unser Leben führen, ohne ständig abgezockt zu werden.

Was erwarten Sie von den Protesten?

Yordan Stefanov:

Viele Leute sagen, ich weiss nicht, was das bringen soll, ich sehe keine politische Alternative, aber ich denke es gibt vielleicht doch eine: Sasha Bezuhanova. Sie war viele Jahre lang Chefin von Hewlett-Packard in Bulgarien und ist auch über unser Land hinaus eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie engagiert sich jetzt an der Seite der Demonstranten und hat während der Proteste eine Internetplattform ins Leben gerufen, auf der sie neue Pläne für Bulgarien vorstellt. Diese richtet sich an unabhängige Leute, mit denen zusammen sie konkrete politischen Projekte umsetzen möchte.

Manuela Nakova:

Für mich ist der Protest auch unabhängig von ihr ein Erfolg, weil alle Parteien ab jetzt vorsichtiger bei ihren Entscheidungen sein müssen. Sie haben gesehen, wie satt es die Leute haben und dass sie auch Macht ausüben können. Yordan und ich haben unseren vierjährigen Sohn mit zu den Demos genommen, um ihm zu zeigen, was man als normaler Mensch tun kann, wenn andere Leute einen hintergehen. Wir haben ihm erklärt, warum wir hier sind, und das macht mich froh. Unsere Kinder müssen Vertrauen in Gerechtigkeit bekommen.

Wir sprachen über Alternativen. Ist Bojko Borissow, der Vorsitzende der GERB-Partei und frühere Ministerpräsident jetzt gar keine Alternative mehr? Der Name seiner Partei, „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens” klingt erstmal nicht schlecht...

Manuela Nakova:

Im Mai bei den letzten Wahlen habe ich noch für ihn gewählt. Er ist vielleicht tatsächlich das kleinere Übel. Aber jetzt hat auch er sich diskreditiert.

Yordan Stefanov:

Ich denke, er ist Teil des Übels. Borissow ist der klassische Einzelgänger, selbstsüchtig und arrogant. Er will weder mit großen Firmen noch mit anderen Parteien zusammenarbeiten. Aber auch er hat Mafia-Verbindungen. Trotzdem ist er nicht so schlimm wie die Sozialisten. Und ein konkretes Problem hat er auch gelöst: Bis vor fünf Jahren wurden in Bulgarien regelmäßig erfolgreiche Leuten entführt, vor allem ihre Kinder, das war ein Riesenbusiness hier. Die Ermittlungen wurden nie richtig abgeschlossen, aber alle Indizien deuten auf Verbindungen zu den Sozialisten und der MRF hin.

Das sind unvorstellbare Verhältnisse. Meinen Sie, die EU kann Bulgarien auf dem Weg zu mehr Demokratie helfen, oder müssen das die Leute hier auf der Straße selbst tun?

Manuela Nakova:

Wenn die EU uns helfen kann, dann nicht durch Gesetze, vielleicht finden sie irgendeinen Deal, um die Parteien hier aus dem Weg zu räumen. Aber das wird sicher hinter den Kulissen passieren.

Yordan Stefanov:

Europa hat keine große Bedeutung für die Leute in Bulgarien. Wir gehören seit 2007 dazu, aber das ist kein Thema mehr. Die Union kann jedoch indirekt Einfluss auf die hiesigen Gewohnheiten ausüben, indem sie der Regierung die Subventionen kürzt. Denn die Lokalpolitiker werden dann natürlich alles daran setzen, dass die Gelder wieder fließen, schließlich wollen sie sich doch weiter die eigenen Taschen damit vollstopfen.

Meinen Sie, der Protest wird weiter gehen?

Manuela Nakova:

Ja, wenn die Abgeordneten aus dem Urlaub wieder kommen, werden auch die Demonstrationen weiter gehen. Es gibt niemanden, der sie organisiert, das passiert im Internet.

Sie sind ja bereits wieder aufgelebt, als die Abgeordneten Mitte August eine Urlaubspause eingelegt haben, um das Budget zu wählen. Da wurden plötzlich Busse mit Pro-Regierungsdemonstranten angekarrt, um die Leute gegeneinander aufzuwiegeln. Haben Sie Angst, dass die Proteste eskalieren könnten?

Manuel Nakova:

Natürlich kann in diesem Land die Stimmung ganz leicht kippen, aber wir sind zuversichtlich und machen weiter!