Arbeitsmarkt: Auslese: Nur ein Rinnsal an Arbeitskräften

Presseurop Notebook

Ihre Zahl wird in den nächsten zehn Jahren auf 800.000 geschätzt. Ab Montag können Arbeitskräfte aus Deutschlands östlichen Nachbarländern in den Unternehmen anheuern. Wird das Deutschlands Fachkräftemangel stillen? Und eine Katastrophe für die Länder östlich der Oder? In Warschau verhehlt die Dziennik Gazeta Prawna nicht ihre Sorgen, die Hochqualifizierten könnten dem Land davonlaufen.

„Junge Fachkräfte [hier] verdienen nicht gerade einen Packen. Einige Unternehmen entwickeln schon ganze Anreiz-Pakete, aus Furcht vor einer Spezialistenflucht. Unternehmen von der anderen Oderseite haben bereits angekündigt, dass sie über 66.000 IT-Experten brauchen. Wer mehrere Jahre Berufserfahrung hat, kann auf ein doppelt so hohes Gehalt wie in Polen zählen.“

Deswegen ist in Rumänien das Jurnalul Naţional kein Stück traurig, dass seine Leser noch drei Jahre warten müssen, bis der Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt frei ist. Der Grund liegt nahe:

„Mehrere Länder des ehemaligen Ostblocks fürchten durch die Abwanderung von Fachkräften eine wirtschaftliche und demographische Katastrophe. In den Herkunftsländern der Migranten, die nun in Deutschland erwartet werden, herrscht kein Optimismus. Die polnischen Arbeitgeber sprechen sogar von einem Exodus. Deutschland sucht Arbeitnehmer genau in den Bereichen, in denen Polen selber einen Mangel verzeichnet: IT, Ingenieure, usw. Die Öffnung des deutschen Marktes könnte auf das Wirtschaftswachstum in den Grenzgebieten eine sehr negative Auswirkung haben.“

In England, wo polnische Arbeitskräfte schon seit Jahren tätig sind, überlegt die Times, inwieweit der 1. Mai die Einwanderung aus dem Osten auf dem Kontinent umverteilen könnte. Dazu zitiert das Blatt eine lettische Journalistin, die klar stellt.

„Deutschland wird für diejenigen, die noch in Lettland sind, das attraktivere Reiseziel sein. Wir beobachten hier einen neuen Trend, dass viele Leute versuchen, Deutsch zu lernen. Viele Menschen sind schon nach England und Irland gegangen, aber die Jobs sind jetzt in Deutschland.“

Mag sein. Aber die Kollegen von der Irish Times aus Dublin hegen Zweifel. 40 Prozent der Deutschen seien kribbelig, was der 1. Mai wohl für ihre Jobs bedeuten mag? Unberechtigt. Denn die Öffnung könnte auch nicht den gewünschten Erfolg haben.

„2004 fühlten sich die neuen EU-Mitglieder von Deutschlands kalter Schulter vor den Kopf gestoßen, aber anstatt schmollend abzuwarten, stiegen Millionen junger Arbeitskräfte in Billig-Airlines und suchten ihr Glück in gastfreundlicheren Landstrichen. Jetzt, 2011, wo die deutsche Wirtschaft boomt und die Arbeitslosigkeit auf ihrem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung ist, hat Berlin andere Sorgen: dass es zu lange gewartet haben könnte und jetzt nicht mehr ausreichend attraktiv ist für die ausländischen Fachkräfte, die es braucht, um die Löcher auf seinem Arbeitsmarkt zu stopfen. [...] Die 800.000 Zuwanderer in den nächsten zwei Jahren hören sich wie eine Flut an. In Wahrheit sind sie ein Rinnsal, denn Deutschlands Bevölkerung wird im gleichen Zeitraum um 900.000 Menschen schrumpfen. Wo sollen die ganzen vorhergesagten Neuankömmlinge herkommen? Bulgaren und Rumänen müssen noch drei Jahre warten.“

Das bestätigt sich in Prag. Niemand in Deutschland brauche sich vor Horden einfallender Tschechen, des Deutschen „Butzemann“zu fürchten, heißt es in der Mlada Fronta DNES. Den Nachbarn aus dem Osten stehe es gar nicht im Sinn, über die Grenze zu gehen. Denn wer das wolle, der sei schließlich schon lange da: rund 14.000 Tschechen hätten bereits eine deutsche Sozialversicherung. Einer von ihnen, ein Automechaniker, der seit 20 Jahren als Pendler in Bayern arbeitet, wird zwecks Erfahrungsberichts von dem Blatt zum Interview gebeten. Er erklärt: Wer von Deutschen akzeptiert werden wolle, der tue bitte folgendes:

„Neuankömmlinge brauchen vor allem eines: sie müssen die Sprache beherrschen und beweisen, dass sie in ihrem Job gut sind. Keiner hier ist an unqualifizierten Arbeitskräften interessiert. Zweitens sollte man unbedingt alle hiesigen Gepflogenheiten beachten, die leider nicht immer in der Tschechischen Republik geläufig sind, wie: nett zu Kunden zu sein, seriös und verantwortungsbewusst. Aber wenn man hart arbeitet, dann ist die finanzielle Vergütung ohne Vergleich mit den Löhnen zuhause.“

Auch die konservative Rzeczpospolita aus Warschau meint, so groß werde der Ansturm der Polen auf Deutschland gar nicht werden. Diesmal werde es Sprachprobleme geben.

„Schon 2007 vereinfachte Deutschland Arbeitserlaubnisse für bestimmte Fachkräfte und das rief keinen polnischen Exodus hervor. Der Grund ist einfach: Mangel an Deutschkenntnissen. Im Gegensatz zur polnischen Auswanderung nach Großbritannien, wird das ein ernsthaftes Hindernis werden. Nur 19 Prozent der Fach- und Führungskräfte haben ausreichende Deutschkenntnisse. Dafür wollen 40 Prozent jetzt die Sprache erlernen.“

Der Economist schließlich bescheinigt dem 1. Mai ein „Nicht-Ereignis“ zu werden.

„Arbeitgeber mit Fachkräftemangel hoffen auf Erleichterung. Optimistisch sind sie nicht. Polen lernen Englisch, nicht Deutsch (zum Teil, weil Großbritannien schlicht einladender war). Die meisten werden durch Brandenburg durchfahren, um in den reicheren Südwesten zu kommen. Deutsche Krankenhäuser und Altenheime brauchen innerhalb des nächsten Jahrzehnts 400.000 Pfleger. Aber Osteuropäer, die solche Arbeit wollen, sind schon lange in andere Länder gegangen. Der 1. Mai könnte zur allgemeinen Enttäuschung ein Reinfall werden.“

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