„Sag' mir, was du fährst, dann sage ich dir, wer du bist.“ Seitdem Automobile serienmäßig gebaut werden, sind sie nicht nur das am meisten genutzte Verkehrsmittel in unserem Leben, sondern auch ein Statussymbol und ein Indiz für unsere Persönlichkeit. Wenn der französische Automobilkonzern PSA Citroën Peugeot aber ankündigt, 8.000 Stellen streichen zu müssen, und damit die lange Liste der schlechten Nachrichten der europäischen Automobilbranche nur um eine Katastrophenmeldung verlängert, sollte die Frage heute eigentlich lauten: „Sag' mir, welche Autos du baust, dann sage ich dir, wer du bist.“

Der französische Konzern, der die Marken Peugeot und Citroën umfasst, verliert jeden Monat 200 Millionen Euro und muss deshalb drastische Maßnahmen ergreifen. Vor einigen Monaten kündigte Volkswagen, der größte Automobilhersteller Europas, zu dem auch Audi, Škoda und Seat gehören, an, den Mitarbeitern eine 7.500 Euro hohe Prämie zahlen zu wollen. Erste Feststellung im Europa der Automobilindustrie: Das deutsche Modell ist effizienter.

Zweite Feststellung, die die erste erklärt: Seit Ausbruch der Krise bevorzugen Europäer Kleinwagen sowie Modelle der Ober- und Luxusklasse. Der Automobilkonsum spiegelt also die sich immer schärfer abzeichnenden sozialen Unterschiede wider. PSA Peugeot Citroën ist auf Fahrzeuge der Mittelklasse spezialisiert und zahlt nun einen hohen Preis dafür, während Hersteller wie Volkswagen, die Qualität und Luxus verkörpern, von dem Trend profitieren, so wie BMW und Mercedes, denen es ebenfalls blendend geht.

PSA Peugeot Citroën bietet auch ziemlich erfolgreiche Kompaktmodelle an, die jedoch wegen der günstigeren Kosten in der Tschechischen Republik und der Slowakei gebaut werden. Volkswagen ist in diesen beiden Ländern ebenfalls stark präsent. Dazu kommen noch das riesige Dacia-Renault-Werk in Rumänien, die neuen Anlagen im ungarischen Kecskemét (Mercedes) und im serbischen Kragujevac (Fiat) und schon kommen wir zu unserer dritten Feststellung: Das Herz der europäischen Automobilindustrie schlägt immer weiter im Osten. Die Rückkehr des Fiat-Pandas von Polen nach Italien ist eine Ausnahme und beruht auf einer Neudefinition der Arbeitsbedingungen der italienischen Belegschaft.

Historische Arbeiterstädte wie Birmingham (Austin dann Leyland) in England sowie Boulogne-Billancourt (Renault) und bald Aulnay-sous-Bois (Citroën) in Frankreich sind verschwunden, während andere wie das italienische Turin (Fiat) ihre Bedeutung verloren haben. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden europäischen Entindustrialisierung symbolisiert das Automobil die Herausforderung, den Wohlstand des gesamten Kontinents unter Berücksichtigung der Interessen aller Länder in Bezug auf Beschäftigung, nationalen Reichtum und individuellen Lebensstandard zu gewährleisten. Das heißt, Wirtschaft und Beschäftigung zu fördern, ohne auf dem Binnenmarkt Sozialdumping zu betreiben.

Und so kommen wir zur vierten Feststellung: Durch die Verlegung der Werke von West- nach Osteuropa fördern die Konzerne die Missverständnisse und die Eifersucht bei den Bürgern im Westen und im Osten der Union. Einige Reaktionen auf die Ankündigung von PSA Peugeot Citroën erinnern an den polnischen Klempner, der anlässlich des Referendums 2005 als Argument benutzt wurde.

Letzte Feststellung: Das Automobil ist das Symptom der Unfähigkeit Europas, sich den Anforderungen der Nachhaltigkeit anzupassen. Es mag paradoxal klingen, wenn man sich in einer Zeit, in der das Auto im Namen des Städtebaus, der Lebensqualität und des Umweltschutzes in Frage gestellt wird, über den Rückgang der Automobilproduktion beschwert. Aber es wurde nie eine klare Alternative in Bezug auf Entwicklung der Industrie und der Beschäftigung bestimmt. Die Europäer wollen ihren Kohlendioxidausstoß verringern, aber sie wollen weder selbst saubere Energie herstellen, noch die alten Arbeitsplätze in der Industrie durch Stellen in den neuen Wirtschaftszweigen ersetzen.

Aus dem Französischen von Claudia Reinhardt