Es ist nicht unüblich, an Jahrestages zurückzublicken. Im Hinblick auf den 25. Jahrestag des Mauerfalls beurteilt Deutschland jedoch auch seine aktuelle Lage. Wie geteilt ist Europas größte Wirtschaftsmacht?

„Im Rekordtempo haben die Deutschen nach 1989 die Spuren der Teilung beseitigt – aus den Straßen sind sie verschwunden. Doch in Statistiken bleibt der Osten sichtbar“, schreibt Die Zeit in einer Zusammenstellung von Statistiken, Karten und Grafiken, die klar Zeiten, dass die Wiedervereinigung Narben hinterlassen hat, die so schnell nicht verschwinden werden.

In einem Editorial-Blogeintrag zum Artikel schreibt Redakteur Fabian Moor:

Doch die Grenze gibt es noch heute. Ziemlich genau dort, wo sie real existierte, ist Deutschland weiter zweigeteilt. Bis heute, 25 Jahre nach dem Ende der erzwungenen Teilung, gibt es gravierende demographische und ökonomische Ungleichgewichte, dazu unterschiedliche Lebensgewohnheiten. [...] Wäschetrockner? Im Westen weit verbreitet, im Osten kaum. Eine Waffe besitzen? Interessiert in Ostdeutschland nur wenige.

Im Osten ist das verfügbare Einkommen pro Kopf immer noch um vieles geringer als in der alten Bundesrepublik (BRD); Agrarbetriebe sind um einiges größer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR als im Westen. Die Zeit bemerkt ebenfalls, dass die Bewohner im Osten andere Urlaubsziele bevorzugen als Menschen aus dem Westen.

Ganztagsbetreuung ist im Osten die Regel, Grippeschutzimpfungen sind flächendeckend. Und die Menschen sind älter. Viele Kinder der Wende gingen in den Westen und blieben.

Dennoch wird die Idee eines geteilten Landes immer öfter kritisiert. „Ich halte diese Ost-West-Vergleiche für überflüssig“, schreibt Zeit-Redakteur Steffen Dobbert. „In Deutschland steht keine Mauer mehr, auch nicht in den Köpfen junger Menschen“, schreibt er und fügt hinzu:

In einigen Jahren wird "der Ossi" ganz aussterben. Wenn die Medien ihn denn lassen. [...] Die meisten Menschen fühlen sich mehr als Deutsche denn als Ost- oder Westdeutsche. Ich frage mich nur: Wann kommt diese Realität auch in den Fernseh-, Radio-, Zeitungs- und Online-Redaktionen an?

Der Bayerische Rundunk veröffentlichte vor kurzem eine Zusammenstellung von Umfragen zu Ost- und West-Deutschland. Daraus geht hervor:

75 Prozent der Ostdeutschen bewerten die Wiedervereinigung positiv, im Westen sehen nur rund die Hälfte mehr Vor- als Nachteile, fand Infratest dimap jüngst heraus. [...]Die gute Nachricht: Ost-West-Klischees werden nicht vererbt. Zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen lehnen die Vorurteile ihrer Eltern ab.

„Im Willen, die alte Mauer zu finden, suchten die Kollegen von Zeit Online vor Kurzem sogar nach Ronnys“, schreibt Steffen Dobbert. „Ronny war in den Jahren 1975 bis 1983 der beliebteste Jungenname in der DDR“, erklärt er. Und in der Tat gab es im Osten bedeutend mehr „Ronny“-Facebookseiten je 10 000 Nutzer als im Westen.

Ich habe einen Freund, der Ronny heißt. Als ich ihm von der Karte erzählte, sagte er: ‚Ist doch klar, die meisten Ronnys leben heute noch da, wo ihre Heimat ist. Aber das bedeutet doch nicht, dass die DDR fortlebt!’ Dann fragte er, was denn eigentlich noch alles passieren müsse, bis wir ein Jubiläum des Mauerfalls feiern, ohne die Ronnys zu zählen. ‚Vielleicht müssten er und die anderen Ronnys erst alle ins Saarland ziehen’, sagte ich.

Die Zeit schreibt schlussendlich und wirft die Frage in den Raum:

Einer der wenigen Orte, an dem die Teilung noch zu sehen ist: die alte innerdeutsche Grenze. Die Türme und Zäune sind verschwunden, doch es ist noch deutlich zu sehen, wo die Grenze verlief. Ist das schlimm? Müssen wirklich alle Unterschiede getilgt werden, alle Narben verschwinden?

Deutschland spürt seine Geschichte immer noch und lebt mit seiner Erinnerung; Wirtschaftliche Unterschiede zwischen Osten und Westen sind immer noch sichtbar. Die Mauer gibt es jedoch seit 25 Jahren nicht mehr. Zu den Feierlichkeiten markieren 8 000 Luftballons den ehemaligen Verlauf der Teilung und machen die Grenze erneut sichtbar.