Der Korrespondent von Libération in Brüssel, Jean Quatremer, berichtet, dass Avgi, eine Syriza-nahe Tageszeitung, eine Karikatur des deutschen Finanzministers veröffentlicht hat, in der „Wolfgang Schäuble eine Uniform der Wehrmacht und ein Kriegskreuz um den Hals trägt.“

Erst zwei Tage später wurde die Zeichnung von Premierminister Alexis Tsipras verurteilt. Quatremer erinnert jedoch daran, dass Tsipras selbst „der 'Germanophobie' die Türen geöffnet hat“ indem er von Deutschland Zahlungen für Schäden in Griechenland aus dem Zweiten Weltkrieg verlangt hat.

Mit der Krise bekommen anti-deutsche Meinungen in ganz Europa Rückenwind und, so Quatremer, Berlin „beginnt sich Sorgen zu machen.“ Er erklärt, dass „man fast überall die gefühlte Dominanz eines Landes, das sein wirtschaftliches Modell durch Sparmaßnahmen aufoktroyieren will, nicht mit Freude erlebt.“

In Großbritannien „empört sich ein Teil der politischen Elite [...] und der Boulevardpresse, dass der Verlierer zweier Weltkriege als unangefochtener Meister der Eurozone auftritt“, fügt der Journalist hinzu. Außerdem, so Quatremer, erlebe auch in Frankreich die Feindseligkeit gegenüber Deutschland einen Aufschwung.

Nicolas Dupont-Aignan, ein französischer rechter anti-EU Politiker, bezeichnete die EU als „Viertes Reich“; der Chef der Linkspartei Front de Gauche, Jean-Luc Mélenchon, meint die „Haltung Deutschlands ist arrogant, dominierend, und führt Europa ins Chaos“; Marine le Pen, vom Front National, prangert die „Kapitulation Griechenlands gegenüber der Erpressung Berlins“ an.

Nicht nur gewinnen diese deutschlandkritischen Parteien an Gewicht – der „germanophobe Diskurs macht sich auch innerhalb der UMP [rechtskonservativ] und des PS [Sozialisten] breit.“ Diese Kritik von französischen Politikern kommt von Meinungsverschiedenheiten über die Handhabung der Eurokrise.

„Die Deutschen handeln nach Regeln, erst danach kümmern sie sich um den Kontext. Wir Angelsachsen sind viel pragmatischer“, sagt ein Mitglied der französischen Regierung Quatremer. Quatremer schreibt daher weiter –

Für Berlin reicht es, zu bereits bestehenden Regeln zurückzukehren und sich nicht in kreativer Interpretation zu versuchen oder sich den Umständen anzupassen. Daher kommen die wiederholten „nein“: nein zu einer europäischen Rettung der Banken; nein zu einem europäischen Investitionsplan; nein zu finanzieller Hilfe für Griechenland; nein zu einer lockeren Interpretation der Regeln; nein, nein, nein.

Doch immerhin hat der Bundestag die letzten Verhandlungen mit Griechenland abgesegnet. „Das war nicht von Anfang an klar“, schreibt Quatremer. Die deutsche Tageszeitung Bild hatte eine Kampagne gegen die Hilfe für Griechenland gestartet und der Rettungsplan war kein allgemeiner Konsens in der öffentlichen Meinung. Quatremer kommt zum Schluss, dass –

de facto, Deutschland immer das akzeptiert hat, was zuerst abgelehnt wurde: der Verbleib Griechenlands in der Eurozone, die finanzielle Solidarität mit Ländern in Schwierigkeiten, die Bankenunion, die Lockerung des Stabilitätspacktes, die neue expansionistische Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die Zustimmung zu einer teilweisen Neuverhandlung des Reformprogrammes für Athen, etc.

Der Journalist fragt sich sogar, ob Frankreich für die anti-deutschen Gefühle verantwortlich ist, da die „Schwächung Frankreichs auf der europäischen politischen Ebene den Eindruck einer brutalen Dominanz Berlins verstärkt.“ Insofern „wären die griechischen Demonstranten besser damit geholfen, Frankreichs Fahnenflucht anzuprangern...“