In seinem Leitartikel zeigt sich Le Monde ein wenig ungeduldig gegenüber den europäischen Gipfeltreffen, die immer nach dem gleichen Schema verfahren, seitdem die Eurozone in der Schuldenkrise steckt: „Die 17 [Staaten] legen Flicken auf. Sie betreiben notdürftige Klempnerei, wenn doch die ganze Verrohrung erneuert werden müsste.“ Die französische Tageszeitung hofft, dass dieser EU-Gipfel endlich Realismus beweist:

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Vielleicht musste in der aktuellen Dramaturgie ein Höhepunkt erreicht werden, damit die Europäer den Rand des Abgrunds erkennen. Sie stehen unmittelbar davor. Und zum ersten Mal liegt auf dem Tisch ein Gesamtplan, der nach einem Lösungsbeginn aussieht. Er muss am Freitag in Brüssel angenommen werden und dann muss man noch weiter gehen [...]. Bei der Suche nach einem positiven Kompromiss liegt die Verantwortung ebenso sehr auf Frankreich wie auf Deutschland. Berlin und Paris müssen Risiken eingehen, um dem tödlichen Status Quo zu entkommen.

Das Handelsblatt spricht von einem „Ideen-Feuerwerk“, das manche als schädlich für Deutschlands Wirtschaft ansehen. Gabor Steingart, Chefredakteur der Tageszeitung, zeigt sich zufrieden über Angela Merkels Nein zu den Euro-Bonds und fordert die Kanzlerin auf, ihren Kollegen das deutsche Modell nahezubringen:

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Jetzt muss sie nur noch unseren Freunden auf dem Gipfel erklären, dass niemandem geholfen wäre, wenn Deutschland die Früchte seiner Arbeit freigiebig herumreichen würde. Es ist sogar andersherum: Ja zu Europa bedeutet Nein zu Barrosos Ideen. Das Ersetzen der wichtigsten Zutaten der Marktwirtschaft – Arbeit und Anstrengung – durch Konsum und Kredit hat uns dahin geführt, wo wir heute stehen. Ein beherztes Nein zu diesen Vorschlägen bedeutet also ein Ja zu Europa. Denn Europa braucht eine Ärmel-Hoch-Kultur und keine parasitäre Philosophie.

„Wenn keine gemeinsame Antwort gegeben wird, dann ist es durchaus wahrscheinlich, dass der Euro zusammenbricht“, warnt Público und detailliert die möglichen Konsequenzen:

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Rückkehr zu wertlosen Nationalwährungen, Run auf die Banken, Inflation, Rückkehr zur Kapital- und Devisenkontrolle, Abschotten der Märkte, Massenbankrotte – auch von Staaten, unvorstellbare Arbeitslosenzahlen. Alle führenden europäischen Politiker sind sich bewusst, dass die Euro-Katastrophe eine Tragödie wäre [...] Merkel hat Recht mit der Aussage, es könne nur gemeinsame Schulden geben, wenn auch Haushaltsbilanzen und Steuern unter gemeinsamer Kontrolle stehen; Hollande hat Recht, wenn er erklärt, dass die Notsituation ein massiveres Eingreifen der EZB sowie der Stabilisierungsfonds auf den Anleihenmärkten und die Bildung von Euro-Bonds erfordert. Beide haben Recht, doch keiner scheint gewillt, den Argumenten des anderen nachzugeben. Deshalb stehen die Aussichten schlecht.

Für La Stampa ist es seit dem Treffen von Monti, Merkel, Hollande und Rajoy in Rom am 22. Juni klar, dass der am Donnerstag beginnende Gipfel „die erste schwere Prüfung sein wird, mit der die europäischen Staats- und Regierungschefs versuchen werden, eine neue Währungsunion zu gründen und, wer weiß, zu starten“:

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Nach dem Euro 1, der gefährlich über dem Abgrund hängt, der Euro 2. Wie wird er funktionieren können? Wann und wie weit wird er reichen? Fast alle – mit Ausnahme der Engländer, die den Todeskampf des Alten Kontinents von der Höhe ihres Pfund Sterling aus betrachten – sind sich einig, dass eine Neubildung der Währungsunion notwendig ist; doch nicht alle sind sich über den zeitlichen Ablauf und die Dosierung der Formel einig. [...] Es wird nicht einfach sein, die verschiedenen Interpretationen der am Gipfel teilnehmenden Länder über das Konzept einer „politischen Union“ in Übereinstimmung zu bringen. [...] Es gibt keine dritte Möglichkeit in dem entscheidenden Dilemma zwischen Integration und Desintegration.

„Um den Euro zu retten, muss man erst wissen, und sagen, dass die gemeinsame europäische Währung, wie alles andere auf dieser Welt, sterblich ist, und dass sie morgen sterben kann, wenn sich niemand darum kümmert“, schreibt Lluis Bassets in der Tageszeitung El País:

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Zu sagen, der Euro sei nicht wieder rückgängig zu machen, erinnert an das Beten um Regen. Je öfter man es wiederholt, desto reeller wird das düstere, unwillkommene Bild eines Europas ohne Euro und einer Welt ohne Europa, [...] Wir haben es alle perfekt verstanden: Der Euro ist sterblich; er kann schon in den nächsten Tagen in unseren Armen dahinscheiden. Geistig haben wir schon unbekanntes Gebiet betreten. [...] Es ist also nicht verwunderlich, dass die europäischen Fabriken für Papiere, Manifeste, Artikel und Notberichte in den letzten Stunden versuchen, eine Formel zu finden, die den Weg für Euro-Bonds, für die heilbringende Solidarität, für die bisher von Deutschland verbotene Transferunion freischalten würde und gleichzeitig die von Angela Merkel verlangte Sparpolitik, Kontrolle und Verantwortung garantieren könnte [...]. Das Problem liegt darin, dass nur sehr wenige dieser Ideen sofort umsetzbar sind und dass ihre Effizienz zu einem Zeitpunkt, da man auf die Wette der Märkte über die Sterblichkeit des Euro eingehen muss, noch weniger erwiesen ist.