Der umstrittene Deal zwischen den französischen Energieriesen Areva und EDF und den chinesischen Partnern von CGN und CNNC für den Bau von zwei neuen Atomreaktoren am Kernkraftwerk von Hinkley Point in Somerset [im Südwesten des Landes] wird rund 25.000 Arbeistplätze schaffen. Doch der Preis dafür ist hoch: Ein garantierter Abnahmepreis für den erzeugten Strom, der zweimal über dem Marktpreis liegt, die Besorgnis um die chinesische Beteiligung am Projekt (30 bis 40 Prozent der Gesamtinvestition) und nicht zu vergessen, die Umweltrisiken, welche die Atomenergie ohnehin mit sich bringt.

„Wir zahlen vielleicht einen hohen Preis für den Atomstrom, doch zumindest bietet er uns die Sicherheit, die uns so lange gefehlt hat, schreibt The Daily Telegraph, bemängelt aber, dass man, „um die staatlichen französischen und chinesischen Firmen gewinnen zu können, ihnen Gold in den Rachen schieben musste.“ Das Blatt kommentiert:

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Wie konnte eine Nation, die einst führend in der Kernenergie war und über reichlich Ressourcen von Kohle, Erdgas und Erdöl verfügte, von Frankreich und China abhängig werden, damit die Lichter an bleiben? Wir befinden uns heute in dieser Situation, weil unsere Energiepolitik seit Jahrzehnten ein heilloses Durcheinander ist. Selbst die Anzahl unserer Kraftwerke ist gesunken — ein Niedergang aufgrund verschiedener britischer und europäischer Richtlinien und Ziele — und die Regierungen haben schockierend wenig getan, um sie zu ersetzen.

Dem gegenüber kritisiert die Financial Times in ihrem Leitartikel, dass das Land aufgrund der zu optimistischen Emissionsziele des heimischen „Klimawandel-Gesetzes“ von 2008 gezwungen wurde, wieder mehr auf Atomkraft zu setzen. Die Tageszeitung schreibt:

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Wenn heute neue Atomreaktoren benötigt werden, damit das Licht nicht ausgeht, dann, weil Großbritannien andere Optionen vernachlässigt hat und ein Gesetz zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen beschloss, welches zu den strengsten der Welt gehört. Wenn die Politiker glauben, dass heute, wo die Kosten offengelegt werden, ihr Engagement noch zu vertreten sei, dann sollen sie es uns erklären. Können sie es nicht, muss ein Rückzieher gemacht werden. Dass ihnen dies peinliich wäre, ist kein Grund dafür, den Briten Kosten aufzubrummen, die sich nicht leisten können. [...] Das Land muss sich heute fragen, ob es sich erlauben kann, beim Rennen um die Reduzierung von Treibhausgasemissionen vorne liegen zu wollen, während andere sich Zeit lassen.

Für die Times beruht die Vereinbarung auf zwei einfachen Fakten: Großbritannien braucht Kernenergie. Der Deal [...] kommt verspätet, ist aber erwünscht.“ Das Blatt kritisiert hingegen, dass die Regierung gegenüber EDF um bessere Konditionen hätte kämpfen sollen. Es kommentiert:

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Die Regierung hätte EDF bessere Konditionen abringen müssen. Großbritannien braucht neue Atomreaktoren. Doch der Deal ist auch für EDF nach den Kostenüberschreitungen ihres Meilers in der Normandie [in Flamanville] von entscheidender Bedeutung. Großbritannien ist durch das Klimaschutz-Gesetz von 2008 dazu verpflichtet, bestimmte Ziele im Bereich der Reduzierung von Treibhausgasen zu erreichen. Trotz der erheblichen Kosten, ist Atomenergie der billiste Weg dahin. Der Preis für erneuerbare Energien, wie zum Beispiel Offhore-Windenergie, ist sehr viel höher.

In Frankreich betont Mediapart, dass es „das erste Mal ist, seit der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011, dass ein europäischer Staat den Bau eines neuen Reaktors in Auftrag gibt.“ Das Nachrichtenportal fügt hinzu, dass

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...dem Abkommen zwischen London und EDF die wichtigste Schlacht, nämlich die vor der EU-Kommission, noch bevorsteht. Dort wird entschieden, ob hier staatliche Beihilfe vorliegt oder nicht. Die britische Regierung wird bereits diese Woche in Brüssel ihren Antrag stellen.

Für die Tageszeitung La Croix ist Londons Entscheidung „spektakulär, [selbst wenn] in Großbritannien in dieser Frage eher Konsens herrscht. In Frankreich oder Europa aber werden viele überrascht sein.“ Das Blatt hebt hervor, dass „die Atomkraft sich zu einer strukturellen Achse der Zusammenarbeit“ zwischen London und Paris entwickelt habe, „ähnlich wie Fragen zur Verteidigung oder die großen diplomatischen Dossiers“. Es handele sich auch um eine strategische Entscheidung der britischen Regierung:

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Großbritannien ist ein glühender Verfechter eines europäischen Marktes ohne Grenzen. Indem das Land dem französischen Energieriesen Tür und Tor öffnet, kann es sich erlauben, sich noch stärker für die Causa Freihandel einsetzten.

In Deutschland, wo die Fukushima-Katastrophe die Energiewende beschleunigte, kann Die Welt die britische Entscheidung nachvollziehen, denn „immerhin geht es um Anlagen der neuesten Generation, die sicherer Strom produzieren und dabei weit weniger Uran verbrauchen, als alles bisher Dagewesene.“ Darüber hinaus, erklärt die Tageszeitung:

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Die Briten haben aber auch nicht so viele Optionen [wie die Deutschen]. Großbritanniens Stromversorgung basiert fast zur Hälfte auf Erdgas, doch die britischen Gasquellen in der Nordsee gehen rasch zur Neige. [...] Eine zum Subventionskarussell mutierte „Energiewende” nach deutschem Modell ist für die Briten ohnehin kein nachahmenswertes Vorbild mehr. [...] Der Bau neuer Atomkraftwerke könnte sich [sogar] auszahlen.

Die Tageszeitung hingegen ist äußerst kritisch:

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Die Entscheidung der Briten ist kein Sieg für die Atomwirtschaft, sondern das endgültige Eingeständnis ihrer Niederlage. Denn das Argument, Atomkraft sei preiswert, hat sich mit dem Deal endgültig erledigt. Der britische Staat bürgt nicht nur für einen Großteil der Investitionssumme, die in den neuen Reaktor von Hinkley Point fließt. Noch wichtiger ist der Festpreis, den es für den Atomstrom gibt: Fast elf Cent bekommen die Betreiber pro Kilowattstunde garantiert. Das ist [...] mehr, als die deutschen Vebraucher heute für Strom aus Windkraft aus großen Solaranlagen zahlen.