Analyse Archipel Jugoslawien | Mazedonien

Brüderlichkeit und Einigkeit

1981 in Jugoslawische Republik Mazedonien geboren, gehört Rumena Bužarovska zur Generation, deren « süße jugoslawische Strandjugend im Gemetzel endete». Den Krieg in ihrer Heimat verfolgte sie von Arizona aus. Bei ihrer Rückkehr war vom Land der Brüderlichkeit und Einigkeit nicht viel übrig. Doch gelang es Künstlern und Aktivisten ihrer Generation, Grenzen zu überwinden und ein « neues Jugoslawien » zu schaffen, das für die Autorin “mehr existiert denn je”.

Veröffentlicht auf 6 September 2021 um 18:19

Zu meinen schönsten Erinnerungen an das Jugoslawien der mittleren Achtziger Jahre zählen die langen Sommer. Den ganzen Juli und August über war Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens (heute Nordmazedoniens), eine menschenleere, verträumte Landschaft, zu der die Grillen den Soundtrack beisteuerten. Mein Bruder und ich verbrachten die Schulferien in Mavrovo, in einem Haus, das mein Großvater zusammen mit einem befreundeten Partisanen aus dem griechischen Bürgerkrieg gebaut hatte – mein Großvater war griechischer, sein Freund mazedonischer Herkunft. In der Gegend standen lauter Sommerhäuser, bewohnt von Ruheständlern, die ihre Enkelkinder zu Besuch hatten.

Während die Großeltern Backgammon spielten, im Garten werkelten, kochten und buken, während sie Rakija und Ouzo nippten und nach den reichhaltigen Mahlzeiten ein Nickerchen machten, trieben sich die Kinder in den staubigen Straßen herum oder im umgebenden Wald und Dickicht; die Jungs spielten Verstecken oder „Partisanen und Deutsche”, die Mädchen dachten sich Prinzessinnengeschichten aus. Spiel nicht mit der Griechin! Ich erinnere mich, wie ich einmal mit zwei anderen Mädchen spielte und mit einer von ihnen, Viki war ihr Name, in Streit geriet. Sie versuchte mich vor Beti, der anderen, schlechtzumachen. Mit zusammengekniffenen Augen sagte sie zu ihr: „Du spielst mit einem Griechenkind.”

Ich weiß noch genau, wie mich Vikis Worte verblüfften. Rasch, aber nervös nahm ich die Haltung der herablassenden Besserwisserin ein und blaffte, dass wir doch in einem Land lebten, in dem die Regel „Brüderlichkeit und Einigkeit”  gelte. Als ich dann aufgebracht nach Hause kam und meiner Familie von dem Vorfall berichtete, schlug mir lautes Gelächter entgegen. „Brüderlichkeit und Einigkeit!", wiederholten sie, als wollten sie sich über mich lustig machen. Ich muss dagegen protestiert haben und sichtlich wütend geworden sein, denn mein Großvater lächelte mich mit seinen Goldzähnen an und sagte mir, sie würden zwar lachen, aber nicht über mich, und eigentlich hätte ich ja recht.


Archipel Jugoslawien:
  1. Das leichte Leben
  2. Leben am Tatort
  3. Die apokalyptische Uhr
  4. 30 Jahre Archipel Jugoslawien
  5. Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich es will, sondern weil ich keine andere Wahl habe
  6. Brüderlichkeit und Einigkeit

Das überzeugte mich nicht. Ich begann über den Slogan nachzugrübeln, den Schule und Medien mir ins Gehirn gestanzt hatten: „Brüderlichkeit und Einigkeit", „bratstvo i edinstvo". Je öfter ich die Phrase wiederholte, desto mehr schien mir, sie müsse eine verborgene Bedeutung haben; eine Bedeutung, die den Erwachsenen klar war, die sie aber, weshalb auch immer, vor mir geheim hielten. Ebenso verwirrt war ich, als eine Gruppe von Jungen, angeführt von meinem 10-jährigen Nachbarn, den Türgriff eines anderen Hauses in der Nähe mit Kuhmist beschmierte, weil dort Albaner lebten. Und noch verwirrter, als die Jungen dann nicht mehr mit mir reden wollten, weil ich meinen Eltern von dem Mist an der Tür erzählt hatte. Weder wusste ich, was ich falsch gemacht, noch warum die Jungs unseren Nachbarn das angetan hatten. Ich hatte die albanische Familie in dem Hexenhäuschen am Waldrand nie zu Gesicht bekommen. Sie gingen allen aus dem Weg, hüllten sich in Dunkelheit.

Das überzeugte mich nicht. Ich begann über den Slogan nachzugrübeln, den Schule und Medien mir ins Gehirn gestanzt hatten: „Brüderlichkeit und Einigkeit", „bratstvo i edinstvo". Je öfter ich die Phrase wiederholte, desto mehr schien mir, sie müsse eine verborgene Bedeutung haben; eine Bedeutung, die den Erwachsenen klar war, die sie aber, weshalb auch immer, vor mir geheim hielten.

Der Krieg auf dem Bildschirm 

Mit diesen Sommern, geprägt von diesem magischen Gefühl von Rätsel und Spannung, von schallendem Gelächter und wispernden Gesprächen, war es vorbei, als wir das Land verließen, das zugleich mit meiner Kindheit verschwand. 

Meine Eltern zogen mit uns nach Arizona, wo sich mein Körper zu verändern begann, und sie sagten mir, die Leute würden mich nicht mehr für ein Kind halten. Mein Körper veränderte sich inmitten dieser Wirrnis, in einem fremden Land, so anders als unseres, mit dem Tod meines Großvaters und mit dem Krieg in Folge des Zusammenbruchs Jugoslawiens. Meine Mutter stand vor dem Fernseher: Krieg, sagte sie zu mir, das ist Krieg. Auf den Bildern waren Frauen mit Kopftuch zu sehen, schmutzige Kinder und dürre, humpelnde Greise in einer Karawane von Leiterwagen. Die Augen meiner Mutter waren voller Tränen, ihr Mund stand offen. Ich begriff, da ging etwas Furchtbares vor sich, und aus den beklommenen Gesprächen meiner Eltern und ihrer Immigranten-Freunde schloss ich, dass wir möglicherweise nie wieder zurückkehren würden. Das Land, in dem ich geboren wurde, gab es nicht mehr. Der Krieg – etwas, das in Schulbüchern existierte und das mein Großvater zu beenden geholfen hatte – war zurück und geschah in meiner Heimat, im Land von Brüderlichkeit und Einigkeit.

Doch wir kehrten zurück. Und vieles war anders geworden. Keine Tito-Bilder mehr, die uns mitten im Klassenraum anstarrten. Ich vermisste diesen Anblick nicht, auch wenn er mir als Kind Halt gegeben hatte: Jemand, der tapfer und freundlich war, sah mir dabei zu, wie ich gut mitarbeitete. Inzwischen aber wurde ich zur Frau und brauchte nicht noch einen Mann mehr, der mich kritisch beäugte. Ich vermisste weder die Sirenen, die an seinen Todestag erinnerten, noch nicht die gruselige Erstarrung, die sie auslösten.

Auf einmal fühlte es sich nicht mehr so schrecklich an, dass ich im Jahr nach Titos Tod geboren war. Es war kein so großer Verlust mehr, dass mein Leben sich mit seinem nicht überschnitten hatte, und es war mir peinlich, mich daran zu erinnern, wie ich auf dem Bett meiner Eltern gesessen, ein Titobild in einem Schulbuch fixiert und mich anstrengt hatte zu weinen, bis es mir gelang, eine einzelne Träne hervorzupressen. Vieles war anders geworden. Wir freuten uns, weniger Unterricht zu haben, weil die Serbokroatischstunden wegfielen. Nur eine Klasse pro Jahrgang – sehr zum Ärger meiner Mitschüler war es unsere – lernte außer Englisch noch eine weitere Fremdsprache, nämlich Russisch. 

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Keine Reise mehr durch Jugoslawien

Einer Sache jedoch fühlten wir uns beraubt. Als Schulanfänger hatten wir alle rote Tücher und blaue Mützen bekommen und unter einer roten Flagge „Titos Pioniere” gesungen. Da kamen wir uns als Teil von etwas Großem vor. In der siebten Klasse dann, am 25. Mai – Titos (nicht wirklichem) Geburtstag und Tag der Jugend –, sollten wir „Titos Jugend” werden und eine Busreise durch ganz Jugoslawien antreten. Nun aber sollten wir keine Jugend mehr werden, es schien, als sei unser Übergang ins Erwachsenenalter offiziell abgesagt. Besonders bitter waren die Neuigkeiten zur Busreise: Sie führte nun bloß an Orte, die ich schon kannte, in einem Land, das man in jeder Richtung in zwei Stunden durchquert hat.

Ich würde nicht die Adria sehen. Nicht die Stalaktiten, Stalagmiten und Grottenolme in der Postojna-Höhle. Nicht den Ort, wo sich Donau und Save vereinen. Es schnürte mir die Kehle zu. In gewisser Weise vermisste ich jahrelang nichts Jugoslawisches, außer dem geografischen Raum. Mazedonien schien außen vor – zu weit südlich, so wie Slowenien zu weit nördlich lag. Wir waren immer unwichtig, galten mit unserer exotischen Variante einer slawischen Sprache, die nur ansatzweise erforscht ist, als leichtlebige Tanzmusik-Fans, die am liebsten am Ufer eines hübschen Sees Tomaten und Paprika in sich hinein futterten. 

Um diesem Klischee entgegenzuwirken, begannen die Mazedonier, ihre „”„chs” und „dzhs” extra hart auszusprechen, überall mit ihrem Serbisch aufzutrumpfen und dauernd beiläufig Filme oder Songs aus dem Jugoslawien der 80er-Jahre zu erwähnen. 

Für uns, die wir in den Achtzigern geboren waren, keine Verwandtschaft außerhalb Mazedoniens hatten, Albaner waren oder Griechen, wie die Hälfte meiner Familie, gab es unentwegt herablassende Blicke, weil wir nicht perfekt Serbisch sprachen und nicht genug jugoslawische Referenzen parat hatten. „Kenne ich nicht” zu sagen, ist hart genug, aber dann jedes Mal zu hören zu bekommen: „Echt? Nicht dein Ernst”?!, ist noch viel härter. Nicht nur waren wir kleiner, nun, da wir nicht mehr zu Jugoslawien gehörten: Wir zählten auch weniger unter unseresgleichen. 

„Die Nostalgie wächst wie ein Pilz im Ohr”

Ebendiese Jahrgänge mit jugoslawischem Minderwertigkeitskomplex brachten uns bei, zu glauben, dass unser Land völlig unbedeutend sei, dass wir selbst völlig unbedeutend seien, dass früher alles besser gewesen sei und alles nur noch schlechter würde – bis wir dachten, wir müssen machen, dass wir hier rauskommen und uns dieser Umbewertung unserer Vergangenheit entziehen, von der ein Viertel unserer Bevölkerung ausgeschlossen wurde, diejenigen, deren Türen wir mit Kuhmist beschmierten. Die Nostalgie wuchs und wächst weiter wie ein Pilz im Ohr, überwuchert jegliche Fähigkeit, auf die Zukunft zu hören und Verantwortung zu übernehmen. Sie ist die unbewusste Rache einer Generation, deren süße Strandjugend im Gemetzel endete und in die Isolation führte. Ich kann die Frustration und das Gefühl der Machtlosigkeit verstehen. Auf einer Strecke von 900 Kilometern mehrere Ländergrenzen passieren zu müssen, ist ebenso lächerlich, wie diese Grenzen zu ziehen zwischen gemeinsamen Sprachen und Kulturen. Klein und eingepfercht zu sein, fühlt sich beklemmend an, klaustrophobisch, es lähmt jede Entwicklung. 

Zusammenhalt der Aktivisten 

Und doch sind es in meiner Generation die Künstlerinnen, Aktivisten und Kulturschaffenden, denen es gelungen ist, diese Grenzen zu überwinden, indem sie zusammenarbeiten in einem gemeinsamen Raum, den wir nun das ehemalige Jugoslawien oder »die Region« nennen. Paradoxerweise existiert für mich diese „Region” oder dieses Jugoslawien heute mehr denn je. Durch dieses neue Zugehörigkeitsgefühl lerne ich ein altes Land kennen, das ich nie wirklich selbst erlebt habe. Und ich fühle eine Identität und eine Zärtlichkeit für diesen gemeinsamen Raum, einen Raum, der nun die Schwesterlichkeit ebenso umfasst wie die Brüderlichkeit und in dem eine echte Einigkeit möglich ist. Ich gebe zu, ich bin nach wie vor Außenseiterin.

Die Kulturen, die nicht Serbisch/Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch als Sprache haben, haben nie zum Gesamtbild gezählt. Um dazuzugehören, muss man wissen, wie man zu sprechen hat, und mit der Sprache kommen die Anspielungen, die Geschichte und die lokalen Zungenschläge, die uns die ganze Schönheit des Wissens eröffnen. Fürs Erste fühle ich mich als glückliche Halb-Fremde, die froh ist, mitmachen zu können.

(Teile dieses Aufsatzes sind Paraphrasen aus meinem Roman „A Spare Life”, ins Englische übersetzt von Christina E. Kramer, die auch den Aufsatz im Ganzen bearbeitet hat.)


Dieser Artikel ist Teil des Projekts Archipel Jugoslawien von Traduki. Er wird in Zusammenarbeit mit der S. Fischer Stiftung veröffentlicht.


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