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Das Schmelzen der europäischen Gletscher, das durch den Temperaturanstieg infolge der globalen Erwärmung verursacht wird, hat starke Auswirkungen auf die lokalen Gemeinschaften. Die Reaktionen auf das inzwischen nicht mehr rückgängig zu machende Phänomen sind vielfältig.
Um darüber zu berichten, haben wir uns an einige Orte begeben, die die gegenwärtigen und zukünftigen Umwälzungen jeweils auf ihre eigene Art zu bewältigen versuchen: Pietracamela in den Abruzzen; Zermatt und Cervinia am Fuße des Matterhorns, an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien; Chamonix, ein französischer Ferienort am Fuße des Mont Blanc, und die Zugspitze, den höchsten Berg in Deutschland.
Die Gletscherschmelze führt zum Untergang einer Gemeinde in den Abruzzen
Im letzten Teil unseres Berichts haben wir die Auswirkungen untersucht, die das Schmelzen „ihres“ Gletschers auf Pietracamela, eine Gemeinde im Zentrum Süditaliens, hat.

Pietracamela ist ein Dorf in den Abruzzen, am Fuße des letzten Gletschersystems des Apennins. Dieses geschützte Gebiet befindet sich in einer so schweren demografischen Krise, dass das Überleben der Gemeinde nicht gesichert ist. Von 1.389 Einwohnern im Jahr 1951 ist die Zahl auf 300 gesunken, aber nur theoretisch: Weniger als 30 Personen leben ständig in diesem Ort in der Provinz Teramo.
Der Calderone, an den Hängen des Gran Sasso, dem höchsten Berg des Apennin, ist inzwischen kein Gletscher mehr. Praktisch im gleichen Tempo wie er verschwindet die menschliche Gemeinschaft. Beide Phänomene schreiten schnell und spürbar voran.
Liegt die Antwort im Tourismus? Die Beispiele von Cervinia und Zermatt
Ein gegensätzliches Beispiel ist Zermatt in der Schweiz. Der Touristenort mit Blick auf das Matterhorn expandiert weiter. Er hat nie aufgehört, in die Infrastruktur zu investieren, was einen neuen Zustrom von Menschen, insbesondere von wohlhabenden Ausländern, ermöglicht und sich auf einen wichtigen Indikator auswirkt: den Wert von Immobilien.
Während der Wert der Häuser in Pietracamela auf einem historischen Tiefstand liegt, ist er in Zermatt in die Höhe geschnellt. Zermatt ist nämlich nach Zürich die zweitteuerste Gemeinde des Landes und rund 50 Prozent teurer als das bekannte Davos. Der Quadratmeterpreis einer Wohnung beginnt bei 14.000 Schweizer Franken (etwa 14.600 Euro) und kann über 25.000 Franken betragen.

Cervinia, auf der italienischen Seite der Grenze, ist nur zehn Kilometer von Zermatt entfernt, und noch weniger weit vom Theodulgletscher, dessen Schmelzen die Schweiz und Italien zwingt, ihre Grenze in der Region Testa Grigia/Plateau Rosa neu zu definieren. Cervinia liegt in Bezug auf die soziale und wirtschaftliche Dynamik auf halbem Weg zwischen Zermatt und Pietracamela: Nach jahrelangen Schwierigkeiten, insbesondere während der Pandemie, verzeichnet der Immobilienmarkt dort ein leichtes Wachstum.
„Der Immobilienmarkt hat sich erholt. Bei Neubauten liegen die Preise bei 9.000 Euro pro Quadratmeter, in der Spitze bei 12.000 Euro. Gebrauchtimmobilien liegen bei fünf- bis sechstausend Euro pro Quadratmeter. Die Preise sind seit der Pandemie gestiegen. Es besteht die Erwartung und Hoffnung, dass sich Cervinia im Laufe der Jahre entwickeln wird“, erklärt Davide Brunori, Leiter des örtlichen Immobilienbüros Engel&Völkers.
Das Phänomen wirkt sich auch auf die Bautätigkeit aus: Zum Zeitpunkt unseres Besuchs standen in Cervinia drei Kräne, die mit der Renovierung von ebenso vielen Gebäuden beschäftigt waren. Dagegen waren in der Schweizer Gemeinde mindestens 16 in Betrieb, die meist für Neubauten eingesetzt wurden. „Dies ist keine ungewöhnliche Zahl [16 Kräne]. Die Entwicklung der Stadt erfolgte hauptsächlich in den 1980er und 1990er Jahren. Seitdem gibt es eine starke Nachfrage nach Häusern und Wohnungen“, sagt Romy Biner, Gemeindepräsidentin von Zermatt.
Die Gemeinde investiert auch in die Infrastruktur, um die Sicherheit des Gebiets angesichts der zunehmenden Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu gewährleisten: „Wir arbeiten daran, den Schutz vor Lawinen und Überschwemmungen zu verbessern. Durch neue Wasserkraftwerke soll die Stromversorgung erhöht werden. Um den Bedarf an Trinkwasser zu decken, bauen wir einen zusätzlichen Stausee“, erklärt Biner.

Beide Gemeinden, Cervinia in Italien und Zermatt in der Schweiz, verzeichnen ausgezeichnete Touristenzahlen. „Die letztjährigen Einnahmen waren für unsere Bar die besten der letzten 12 Jahre“, sagt Berry Pfennings, Kellner in Edward's Bar in Zermatt am ersten Wochenende der Sommeröffnung Mitte Juni. Von Hoteliers und anderen Betreibern in Cervinia hört man ähnliche Kommentare. Aber während Cervinia nach wie vor vor allem ein Skigebiet ist, hat sich Zermatt auch auf den Sommertourismus konzentriert, dessen Umsatz inzwischen den Wintertourismus eingeholt hat.
Zermatt ist einer der wenigen europäischen Ferienorte, in denen man auch im Sommer Ski fahren kann, aber viele Touristen kommen vor allem zum Wandern oder, wie im Fall der asiatischen Touristen, um ein paar Tage in diesem Bergdorf zu verbringen. Die Hotels berichten, dass 49,7 Prozent der Touristen im Sommer und 50,3 Prozent im Winter kommen. Der Ort bereitet sich auch auf den Fall vor, dass das Sommerskifahren aufgrund der Gletscherschmelze unmöglich werden sollte – das ist alles andere als unwahrscheinlich.
„In der Schweiz gibt es derzeit 1.400 Gletscher, viele davon sind klein. Die kleinen Gletscher verschwinden als erste. Allein in den letzten 30-40 Jahren haben wir etwa 1.000 Gletscher verloren. Viele davon hatten nicht einmal einen Namen, aber jetzt verschwinden Gletscher, die als wichtig gelten“, erklärt Matthias Huss, Leiter des Schweizerischen Gletschermessnetzes (GLAMOS) an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Chamonix, Priorität für das Lokale
Die Strategie, den Tourismus auf das ganze Jahr zu verteilen, wird von mehreren europäischen Fremdenverkehrsorten verfolgt, so auch Pietracamela. Aber nicht alle verfügen über die gleiche organisatorische Kapazität, die gleichen finanziellen Mittel und die gleiche Vision für die Zukunft. Viele Menschen, die in Zermatt arbeiten, können sich keine Wohnung leisten. Auf der anderen Seite gibt es Fälle, in denen die soziale Nachhaltigkeit Vorrang vor der wirtschaftlichen hat – ein Beispiel kommt aus Frankreich.

Chamonix, die Wiege des Alpinismus im 18. Jahrhundert, zieht jährlich 350.000 Besucher an, etwa so viele wie Zermatt. Doch angesichts des Abschmelzens der Gletscher und der damit verbundenen Risiken setzt der französische Tourismusort, der 1924 die ersten Olympischen Winterspiele ausrichtete, andere Prioritäten.
„Wenn wir in den Tourismus investieren, dann vor allem, um das Wohlbefinden unserer Einwohner zu verbessern“, erklärt Nicolas Durochat, Direktor des Fremdenverkehrsamtes der Stadt, und fügt hinzu, dass Chamonix in den letzten neun Jahren „nicht mehr auf Kunden aus weit entfernten Regionen abzielt, sondern mehr auf den lokalen Tourismus“. Die Gemeinde hat daher beschlossen, die Immobilienentwicklung zu begrenzen.
Océane Vibert, Direktorin des lokalen Vereins La Chamoniarde, der Wanderern und Bergsteigern kostenlos Sicherheitsinformationen zur Verfügung stellt, betont, dass es notwendig ist, Wanderer und Bergsteiger in den Bergen zu schulen: die Zahl der Menschen, die die Berge nicht kennen, sondern nur auf der Suche nach schönen Landschaftsaufnahmen zur Veröffentlichung auf Instagram und in anderen sozialen Medien sind, wächst.
In Deutschland versuchen die Unternehmen, ihre Geschäftsinteressen zu wahren
Ende Mai ist die Sommersaison auf der Zugspitze in vollem Gange. In der Seilbahn, die zum Gipfel führt, beherrschen Chanel-Handtaschen das Bild. Ein Besucher erklärt seinem Dackel liebevoll, wo er sich befindet: 2.962 Meter über dem Meeresspiegel. Hier, knapp unterhalb des höchsten Berges Deutschlands, befindet sich auch einer der letzten vier Gletscher des Landes, der Nördliche Schneeferner.
„In zehn bis fünfzehn Jahren wird es ihn wahrscheinlich nicht mehr geben“, sagt Laura Schmidt, Geografin und Sprecherin der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus. Mitte des 19. Jahrhunderts war das gesamte Zugspitzplatt noch mit Schnee bedeckt. Heute ist er fast vollständig verschwunden.
Harald Kunstmann, stellvertretender Leiter des Instituts Campus Alpin des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in Garmisch-Partenkirchen, arbeitet wenige Kilometer von der Zugspitze entfernt an der Berechnung von zukünftigen Klimaszenarien für die Alpen.
Seine Simulationen zeigen, dass der Sommer trockener wird, dass die Winterniederschläge zunehmen und in Form von Regen statt Schnee fallen werden, was ebenfalls die Gefahr von Überschwemmungen erhöht.

Der deutsche Fall zeigt uns auch, dass das Abschmelzen der Gletscher nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen auf die in der Nähe der Gletscher lebenden Gemeinden haben wird, sondern auch auf die weiter entfernten.
„Der Anteil des Gletscherwassers im Rhein ist eigentlich sehr gering“, erklärt Jörg Belz von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. In Köln liegt er meist bei etwa einem Prozent. Der Anteil ändert sich aber bei niedrigem Wasserstand, während der sommerlichen Hitzewellen.
Im August 2018 erreichte er 15 Prozent. Die Ufer des Rheins bei Köln glichen einer Steinwüste. Das Wasser war zurückgegangen, die Binnenschiffe mussten ihre Ladung reduzieren. Ohne den Beitrag des Gletscherwassers wäre der Pegel bei Köln um rund 30 Zentimeter gesunken, und der wirtschaftliche Schaden wäre noch größer gewesen. Achtzig Prozent des deutschen Gütertransports auf Flüssen laufen über den Rhein.
Laut einer Studie der Bundesanstalt für Gewässerkunde und anderer Behörden könnten Extremereignisse wie im Jahr 2018, die früher statistisch gesehen alle 20 bis 60 Jahre verzeichnet wurden, bis zum Ende des Jahrhunderts alle fünf bis 15 Jahre auftreten.
Schlussfolgerungen
Angesichts des derzeitigen Temperaturanstiegs und des Abschmelzens der Gletscher – allein in der Schweiz sind 1.000 von den 2.400, die es noch vor 50 Jahren gab, verschwunden – könnte der Skiurlaub zu einer Erinnerung an vergangene Generationen von Europäern werden. Einige Skigebiete werden überleben, indem sie sich an die neuen Bedingungen anpassen, während andere verschwinden dürften.
Noch ungewiss, wahrscheinlich aber ebenfalls wichtig, sind die Auswirkungen auf andere Wirtschaftstätigkeiten, die indirekt von den Gletschern abhängen, wie etwa die Flussschifffahrt. Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, sich an Veränderungen anzupassen, deren Rhythmus oft stark von dem der Politik abweicht.
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Journalismfund.eu verfasst
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