Das Viertel 5 Maji (5. Mai) liegt knapp eine Stunde zu Fuß vom Zentrum Tiranas entfernt. Es ist wichtig für die Geschichte der albanischen Hauptstadt, weil es Teil des großen Rebranding-Projekts Tirana Riverside ist, das von dem italienischen Architekten Stefano Boeri entworfen wurde.
Ihm ist auch der andere wichtige Stadtentwicklungsplan „Tirana 2030“ anvertraut worden, der den Bau von 3.500 Apartments und den Abriss von 400 bestehenden Häusern in der Gegend vorsieht.



Wie der Aktivist und Dozenten für Journalismus und Kommunikation Ervin Goci zusammen mit der Dozentin für Architektur und Stadtplanung Suzanne Harris-Brandts in Urban Geography schreibt, wird Tirana Riverside “mit großer Begeisterung als das erste Viertel in Europa beworben, das gleichzeitig auf den Klimawandel und Pandemien reagiert.

Darüber hinaus wird es als ein polyzentrisches, emissionsfreies und intelligentes Ökoviertel angepriesen, in dem die wichtigsten Aktivitäten innerhalb von 15 Gehminuten liegen und das für 12.000 Menschen konzipiert ist.”

Am 26. November 2019 hatte ein Erdbeben in der Region über 50 Todesfälle verursacht, zudem gab es etwa dreitausend Verletzte und Schäden an der Bausubstanz im ganzen Land. Das neue Viertel sollte auch Familien aufnehmen, die von diesem Beben betroffen waren.
Das Stadtentwicklungsprojekt war jedoch schon lange vor dem Erdbeben geplant worden und folgt einer Reihe von institutionellen Entscheidungen, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurden. “Die Reaktion auf die Erdbeben-Katastrophe ermöglichte es der Regierung, eine außergewöhnliche Gesetzgebung zu erlassen, durch die die normalen Verfahren zur Genehmigung von Projekten und zur öffentlichen Konsultation umgangen werden konnten”, erklären Goci und Harris-Brandts.

Im Oktober 2021 wurde mit dem Abriss der Häuser in 5 Maji begonnen, berichtet die Journalistin Elira Kadriu in der unabhängigen Zeitung Citizens Channel. Laut albanischen Behörden hätten damals mehrere Anwohner*innen akzeptiert, umgesiedelt zu werden. Vor Ort hat Kadriu jedoch keine Bestätigung dafür gefunden.
Die Nachbarschaft vor und nach dem Abriss


Wie andere Gebiete in der Peripherie und im Umland von Tirana, darunter die Stadt Kamza, ist 5 Maji das Ergebnis interner Migrationen, die nach dem Ende des sozialistischen Regimes in den frühen Neunzigern stattfanden.
Gjin Nikolli ist einer von diesen Migranten. Er lebt seit 1991 in 5 Maji und kommt eigentlich aus der nordalbanischen Stadt Rubik. Sein Fall ist exemplarisch für die Geschichte des Viertels: Nach Ende des Regimes verließ er den Norden, um sich in der Nähe eines der großen städtischen Zentren des Landes, in seinem Fall Tirana, niederzulassen.
In dieser Phase des rechtlichen, sozialen und juristischen Übergangs zwischen dem Ende des sozialistischen Regimes und der Bildung liberaler demokratischer Institutionen baute er sein Haus mit dem Geld, das er als Klempner, Schweißer und Elektriker in Griechenland verdient hatte. Es war die Zeit des Übergangs vom Kollektivismus zum Privateigentum.


Wie für viele Albaner und Albanerinnen begann für ihn danach der zähe und kostspielige Verhandlungsprozess mit der öffentlichen Verwaltung, um sein Haus offiziell auf seinen Namen ins Grundbuch eintragen zu lassen. Dieser endete nach 15 Jahren mit der Legalisierung des Hauses im Jahr 2021 gegen die Zahlung von 29.000 Euro an den Staat. Das Grundstück, auf dem das Haus stand, wurde ihm allerdings nicht offiziell übertragen.
Am 22. Februar 2022 kamen dann, begleitet von der Polizei, die Bagger. Die zwei Apartments, in denen Gjin Nikolli mit seiner Familie heute lebt, wurden ihm erst drei Jahre nach dem Abriss zugewiesen. In der Zwischenzeit musste die Familie eine Wohnung finden und einen Teil der Miete aus eigener Tasche zahlen.
Heute lebt sie in einem der neuen Gebäudekomplexe. Da ihre beiden Wohnungen etwas größer sind als das abgerissene Haus, müssen sie einen Aufpreis zahlen. Ob sie mit dem Umzug einverstanden sind oder ob sie woanders untergebracht werden möchten, hat sie niemand gefragt.

Auch die Räumungsmethoden waren unnötig brutal. Es gab eine Vereinbarung, das Haus am Tag der Abrissarbeiten um 10 Uhr morgens zu verlassen. Die Polizei erschien jedoch bereits um 5 Uhr und drängte alle gewaltsam hinaus. „Meine Mutter war damals 92 Jahre alt und meine Tochter hatte zwei kleine Kinder.“
Von den neuen Apartments hat Nikolli heute zwar die Schlüssel, aber nichts beweist, dass er der Eigentümer ist. Die Wohnungen werden der Gemeinde zugeschrieben. Eine Situation, von der alle betroffen sind, die gegen ihren Willen einer Umsiedlung zugestimmt haben: „Man fühlt sich, als sei man bei seiner Geburt im Standesamt nicht registriert worden und fragt sich, ob man wirklich existiert“, erklärt Nikolli.
Er gehört zu den etwa 400 Personen, die nach den Abrissen sechs Monate lang protestiert haben.

Auch Ndue Marku hat an den Protesten im Jahr 2022 teilgenommen, obwohl sein Haus nicht zerstört wurde. „Niemand fühlte sich sicher, denn das, was anderen passiert ist, kann jedem passieren“, erzählt er uns auf perfektem Italienisch. Marku kam mit 14 Jahren nach 5 Maji. Das Haus, in dem er heute mit seiner Familie und seiner 82-jährigen Mutter lebt, stammt aus dem Jahr 1996. Davor war er nach Griechenland und Italien ausgewandert und kam 2010 zurück nach Albanien.
„Dass es im Leben Schwierigkeiten gibt, ist normal“, fährt Marku fort. „Aber wir hätten nie gedacht, dass der Staat kommt und uns unsere eigenen Häuser wegreißt.“
Marku ist besorgt um sein Schicksal und das der Gemeinschaft, besonders weil niemand hier die Eigentumsurkunden für ihre Immobilien hat. „Vielleicht entscheidet der Gemeinderat eines Tages, dass es sich um Gemeineigentum handelt“ und kann „alle, die jetzt dort wohnen, einfach hinauswerfen und die Wohnungen neu zuweisen.“

Während er auf sein Zuhause zeigt, das nur wenige Schritte von den Ruinen von Nikollis Haus entfernt ist, macht er noch einmal auf die prekäre Lage hier aufmerksam: „Wir leben mit der ständigen Angst, dass morgens um 5 Uhr jemand kommt, um uns das Haus wegzunehmen. Man kann natürlich rechtliche Schritte einleiten, aber wir können uns keine langen und kostspieligen Verfahren leisten“, erklärt er.
Und doch wäre er bereit, im Fall der Fälle für sein Recht zu kämpfen und dafür sogar bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.
🤝 Dieser Artikel ist Teil des Projekts PULSE, einer Reihe über „periphere” Gebiete in Europa, die in Zusammenarbeit mit Il Sole 24 Ore, Obc Transeuropa und El Confidencial entstanden ist. Wir möchten uns bei Elira Kadriu von Citizen Channel für ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Berichts bedanken.
Dieser Artikel ist Teil einer dreiteiligen Reportagereihe aus Albanien:
- Überall leere Türme: Tiranas rasanter Bauboom
- Ein „gemeinsames Verlangen“ schaffen: Kamza erzählt die Geschichte Albaniens
- Tirana: Räumungen und Abrisse im Namen der Stadtentwicklung
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