Die Entzückung des New Age

Glastonbury ist nicht nur für sein Festival der darstellenden Künste bekannt, sondern auch für Pilgerfahrten, Spiritualität, Drogen und Natur. Seit den 1970er Jahren kommen Besucher unterschiedlichster Art auf ihrer Sinnsuche in die Stadt auf der sagenhaften Insel Avalon.

Veröffentlicht auf 13 August 2009 um 16:03
Geister, wo seid ihr? Der St-Michael's-Turm auf dem Glastonbury Tor. Photo von Soundslogical.

Seitdem sich Anhänger der Meditation in den 1970er Jahren hier angesiedelt haben, ist Glastonbury die Hauptstadt des New Age in Europa. Jahr für Jahr verwandelt das allsommerliche Popfestival die kleine Stadt in das weltgrößte Open-Air-Fest der darstellenden Künste. Jedes Jahr sind die Festivalkarten schon vor Bekanntgabe des Programms ausverkauft. Glastonbury bietet auch vielerlei andere Veranstaltungen im Hippie-Style wie zum Beispiel die Tibet-Woche, bei welcher die Mönche des Klosters von Tashilhunpo als Special Guests eingeladen wurden.

Die Landschaft von Somerset ist voller Legenden und gilt als Synonym für Mystik. Der Legende nach wurde Glastonbury auf der Insel Avalon erbaut, welche selbst inmitten der Avalon-Sümpfe liegt. Der heilige Hügel Glastonbury Tor zieht seit der Steinzeit Pilger an und die Gebeine von König Artus sollen im elften Jahrhundert in einer Kapelle der heute in Ruinen liegenden Abtei ausgegraben worden sein.

Das Geschäft mit der Spiritualität

Neben dem Wallfahrttourismus sind die "spirituellen Berater" ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Stadt. Jeden Tag vollbringen Gurus in den vielen spirituellen Zentren Wunderheilungen. Und diejenigen, die glauben, dass die Weisheit der Lebenden nicht ausreicht, können sich an die Wahrsager wenden, die ihre Künste auf der High Street anbieten. Bei manchen könnte man glauben, sie seien soeben einem Roman von Harry Potter entsprungen, wie z.B. dem Medium Emma Howe, die dem britischen Fernsehpublikum wohl bekannt ist. Sie erscheint schwarz geschminkt mit blassem Teint, funkelnden Augen und einer sanften Stimme.

Mutter Natur ist ein anderes Lieblingsthema der Besucher. Tagelang kann man in Glastonburys Umgebung ihre Geheimnisse entdecken. Die Buchhandlungen der Stadt bieten eine Vielzahl an Fachliteratur an; vom Esoterik-Handbuch bis hin zum Zauberbuch. Die unschuldigen Touristen, die draußen in einem der Cafés des Market Place in der Innenstadt unweit der Abtei etwas trinken, werden zunächst einmal von den zahnlosen Gebissen der Althippies geschockt. Die Verbreitung von Crack macht es den Zahnärzten von Somerset offenbar nicht leicht.

"Glastonbury hat zwei Gesichter", erklärt Dave, der einem Sommerjob im Hotel Glastonbury Backpackers auf dem Market Place nachgeht. "Jeder kann machen, was er will, und sein, was er will. Aber für die meisten Leute spielen Drogen eine wichtige Rolle. Ketamin und vor allem Heroin werden hier immer noch stark konsumiert. Der Nachteil an der Sache ist, dass Glastonbury auch viele Leute anzieht, die nicht mit Drogen umgehen können." Dave selbst kommt wegen der einzigartigen Atmosphäre hierher. "Ein kleines Beispiel, womit sich die Einwohner Glastonburys so beschäftigen: Die Stadtverwaltung wollte kostenlos WLan und Internet im Stadtzentrum bereitstellen. Aber viele Anwohner waren dagegen, weil sie Angst davor hatten, dass die Strahlen für die Gehirnzellen schädlich sein könnten, so wie z.B. die Strahlung von Mikrowellen. Daher sind wir immer noch nicht mit dem Internet verbunden."

Geister anrufen

Außer Literatur und Drogen führt auch körperliche Betätigung zur Spiritualität. Jeder Tourist steigt den Weg zum Glastonbury Tor hinauf. Der Hügel mit seinem aus dem 11. Jahrhundert stammenden Kirchturm, dem St-Michael's-Turm, ragt bis zu 156 Meter über der wilden Landschaft empor. Die beste Zeit für eine Besichtigung des Tors ist früh morgens bei Sonnenaufgang, bevor die Touristenhorden per Reisebus dort einfallen. Raben warten unter dem von der erwachenden Sonne beschienenen Tor. Ihr Gekrächz soll die Zukunft voraussagen.

Die genaue Entstehung vom Glastonbury Tor ist natürlich auch ein Mysterium. Es könnte entstanden sein durch Erosion vom umgebenden Wasser und vom Wind. Um das Tor herum blieben unendliche Sümpfe, die Avalon Marshes, wo die Herrin vom See dem König Artus ihr Schwert übergeben haben soll.

Gegen sechs Uhr morgens pilgert eine Gruppe zum Gipfel. Einer fängt an, Tai Chi zu machen, ein anderer stellt sich in die Mitte des Torbogens, schließt die Augen und ruft die Geister an: "Es ist ganz einfach, mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten", kommentiert der Mann, ein Schuster mit sehr moderner Brille. "Ich komme jeden Tag hierher, um sie um Rat zu fragen. Dies kann ein kleines Zeichen sein, das ich dann als Leitmotiv in meine tägliche Arbeit einfließen lasse."

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