Ideen Voxeurop Leitartikel

Die Europäer fordern mehr EU

Während die Covid-19-Epidemie über Europa hinwegfegt, beobachten wir eine verstärkte Mobilisierung der Zivilgesellschaft, gepaart mit der Forderung nach mehr Koordinierung und Eingreifen auf europäischer Ebene. Die Bürger sind sich bewusst, dass eine Antwort auf diese gemeinsame Herausforderung nicht allein aus den Mitgliedstaaten kommen kann.

Veröffentlicht auf 9 April 2020 um 16:58

Niemals zuvor, nicht einmal in den schwärzesten Stunden der Finanzkrise der Eurozone gab es eine solche Fülle an Petitionen, Appellen und offenen Briefen an die Europäischen Institutionen und die europäische Führungsriege. Darin wurde ein abgestimmtes Agieren gefordert, um die Bedrohung durch das Coronavirus Covid-19 in ganz Europa zu meistern.

Die aktuelle Krise zeigt und mehr denn je, dass Grenzen uns nicht schützen können gegen globale Phänomene und dass die Europäer sehr wohl eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Das ist der Grund, warum so viele nun gemeinsame Lösungen einfordern, die möglichst von der Europäischen Union koordiniert werden sollten.

Die viel zu lange Reaktionszeit der Europäischen Union hat ihr zurecht gehörig Kritik eingebracht hat; jetzt hat sie nun auf Kampfmodus umgestellt und schlägt Lösungen vor. Dafür hat sie ihre bislang wirksamste Waffe gezückt: den Geldbeutel. Dem vorausgegangen sind gewaltige Spannungen zwischen den Mitgliedstaaten – denn diese haben, wiederholen wir es ruhig, das letzte Wort – einige macht die Vorstellung, im Namen der Solidarität der EU-Gemeinschaft in die Tasche greifen zu müssen sehr nervös. Dabei hat die Europäische Union hoch gepokert: nach ersten zögerlichen Reaktionen aus Brüssel haben die Europäer die Sinnhaftigkeit der EU-Gemeinschaft ernsthaft infrage gestellt, während die euroskeptischen Bewegungen ihre Unfähigkeit, die Bürger zu beschützen aufzeigten.

Parallel dazu haben sich Wirtschaftswissenschaftler, Forscher, Juristen, Universitätsangehörige, Experten, Fachleute und Bürger in ganz Europa mobilisiert – chaotisch zwar, aber mit demselben Ziel: von der EU das einzufordern, worauf ihre Existenzberechtigung gründet und ihr einen Sinn zu geben, der über gemeinsame Interessen und Freihandel hinausgeht. Wir haben versucht, unserem Auftrag gerecht zu werden und auf unserem Portal über die Spannungen und Leidenschaften der europäischen Zivilgesellschaft zu berichten – einige Initiativen miteinander zu vernetzen – um ein Gesamtbild dieser Mobilisierung zeichnen können. Sicherlich haben wir einige übersehen oder vergessen: danke, dass Sie uns darauf aufmerksam machen, wir werden versuchen, sie zu berücksichtigen.

In diesen von Krisen und Unsicherheiten geprägten Zeiten ist es auch beruhigend zu sehen, dass die Bürger sich mit ihrem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit an die EU wenden und sie damit ihren Regierungen sogar voraus sind. Die Erwartungen sind riesengroß, so wie auch die Bedrohung durch diese noch nie dagewesene Epidemie. Für die Europäische Union ist sie eine Gelegenheit zu zeigen, dass wir zusammen stark sind und dass wir Europäer die uns alle betreffenden Herausforderungen nur gemeinsam meistern können. Diese Chance dürfen wir nicht vertun. Packen wir es an, gemeinsam.

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