Die Roma müssen sich kümmern

Sicher, es ist falsch, dass Frankreich eine sozial schwache Bevölkerungsgruppe mir nichts dir nichts abschiebt. Doch sollte die Roma-Gemeinschaft auch selbst alles daran setzen, aus eigener Kraft der sozialen Misere zu entkommen, die sie in Rumänien, wie auch im Rest der Union, an den Rand der Gesellschaft rückt, meint ein rumänischer Schriftsteller.

Veröffentlicht auf 10 September 2010 um 14:32

Der französische Präsident hat beschlossen, eine der schwächsten und auffälligsten Bevölkerungsgruppen ins Visier zu nehmen. Gab es wirklich nichts Besseres zu tun? Schauen wir den Tatsachen ins Gesicht. Die Roma befinden sich in einem Transformationsprozess, der nicht erst gestern begonnen hat. Es gab den Roma-Polizisten, den Roma-Arzt, den Roma-Priester, der Roma-Parteiaktivisten (heute Politiker), den Roma-Dichter. Und wir täten gut daran, ernsthaft die Behauptung des Abgeordneten der Roma-Partei Nicolae Păun zu prüfen, dass rund 25 Prozent der aktuellen Volksvertreter (zumindest teilweise) ethnische Roma seien. Doch sobald die Roma sich in die „normale“ Gesellschaft eingliedern, verleugnen sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihre Herkunft. Die „Assimilierten“ sind der Beweis dafür, dass Roma auch anders leben können.

Bleiben also die „Zigeuner“, die bei uns so beliebten Musiker, aber auch das Lumpenproletariat, dass im Westen Ängste weckt, die bettelnden Kinder und die „Bulibaşi“ — die „Zaunkönige“, reiche Grundbesitzer, die in „Zigeuner-Schlössern“ mit goldenen Wasserhähnen wohnen. Rund um Bukarest gibt es viele wohlhabende Roma, die im Audi fahren und Dienstpersonal beschäftigen. Letztere sind in der Regel Bandenchefs, die in ihren Netzwerken Selbstjustiz betreiben, und die innerhalb Rumäniens einem Parallelstaat mit seinen eigenen geschriebenen Gesetzen vorstehen (Kinderheirat, usw.). In Rumänien (wie auch in Europa) gibt es zwei separate soziale Systeme, die nicht derselben Epoche angehören: einerseits die feudale Stammesgesellschaft der Roma, und andererseits der rumänische Staat, der völlig anders organisiert ist.

Die heilige Kuh des Multikulturalismus

Und nun? Der rumänische Staat könnte — so wie die Atatürk-Regierung den Menschen die Fes (Kopfbedeckung) vom Kopfe riss — die Zigeuner-Gerichte schlicht verbieten. Die Polizei könnte härter gegen die mafiösen Strukturen vorgehen, die Kinder zum Betteln zwingen. Nomadismus könnte per Gesetz verboten werden. Doch gibt es seitens der Regierung den Willen dazu? Wir stoßen uns auch an dem heiligen Prinzip Europas und Amerikas: die multikulturelle Gesellschaft. Die Roma vertreten ein völlig anderes Konzept des sozialen Lebens. Für sie sind Nomadentum, Bettelei und Kleinkriminalität keine fragwürdigen Aktivitäten. Doch wer hat den Mut, diese Konzeption des Multikulturalismus zu bekämpfen?

In Rumänien gibt es heutzutage keine Verfolgung der Roma, sondern eine Art permanenten und sinnlosen Kleinkrieg zwischen Rumänen und Roma. Keiner gewinnt, keiner verliert. Die mageren rumänischen und europäischen Subventionen helfen kaum, das Leben der Zigeuner zu verbessern. Der entscheidende Wandel (ein Multikulturalismus, der auf gegenseitigem Respekt basiert) kann nur von den Roma selbst ausgehen: Von ihrer Mittelschicht, die sich zu bilden beginnt. Eines Tages wird eine Kritische Masse von Roma erkennen, dass sie ausgebeutet wird, und zwar in erster Linie von ihren feudalen Stammesherrn, die sich an ihr bereichern. Diese Kaste von Feudalherren und „Bulibaşi“ — die von rumänischen Politikern geehrt und zu Staatsempfängen geladen wird und ihren Schmuck in Paris kauft — hat ein System der Paralleljustiz und der ungerechten, willkürlichen Verteilung des Wohlstands geschaffen. Sie sind es, die den Roma den Weg zu einem besseren Leben versperren. An dem Tag, an dem die ethnischen Roma erwachen und erkennen, dass ihre Misere keine Fatalität ist, wird das Roma-Problem zu lösen sein. Ein europäisches Problem. (js)

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