Fremde Freunde Europäer

Kulturelle Unterschiede hindern die Europäer daran, eine wirklich einheitliche Gemeinschaft zu schaffen. Nicht die unterschiedlichen Wirtschaftsleistungen. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass es so schlecht um die Union steht.

Veröffentlicht auf 22 August 2012 um 11:56

Viele haben versucht, Europa zu einigen. Jeder ist dabei böse auf die Nase gefallen: Attila, Karl der Große, Napoleon, Hitler. Der letzte Versuch ist derjenige der Europäischen Union. Es ist kein kriegerisches Experiment: Seit Hitler ist Europa ein friedliebender Kontinent, der kraft harmloser Mittel wie gutem Willen und gemeinsamen Institutionen, Gesetzen und Regelungen zusammenwuchs. Der Euro ist zweifelsohne die kühnste aller Initiativen, die für ein vereintes Europa gewagt wurden.

Ursprünglich baut das europäische Projekt auf einem politischen Fundament auf. Auch wenn die Wirtschaft seit jeher im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. So sollte die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl die Kriegsindustrien von ihrer Nationalstaatslogik befreien und neue Konflikte verhindern. Von allen Grenzen befreit sollten sich die Volkswirtschaften dann auf einem riesigen Binnenmarkt entfalten und sich allmählich immer stärker annähern.

Dabei stützte sich das Projekt nicht einfach auf eine Art Vormachtstellung der Wirtschaft, sondern gründete auf der Idee, dass wirtschaftliche Vernunft eine Gemeinschaft entstehen lassen würde, die auch auf anderen Gebieten ähnlicher Auffassung sein und gemeinsam so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen würde.

Die weltweit komplexeste Region

Als es darum ging, Europa vor kriegerischen Auseinandersetzungen zu bewahren, spielten wirtschaftliche Faktoren zweifelsohne eine absolut entscheidende Rolle. In diesem Sinne liest sich die europäische Zusammenarbeit nach 1945 wie eine großartige Erfolgsgeschichte. Allerdings reicht die wirtschaftliche Kooperation inzwischen nicht mehr aus, um das aufzubauen, was wir heute brauchen. Die Krise des Euro zeigt uns, dass diese Zusammenarbeit auf Grenzen stößt, die in Wirklichkeit historischen und kulturellen Ursprungs sind. Europa ist nun einmal eine der weltweit komplexesten Regionen.

Auf recht bescheidenem Raum müssen mehr als 300 Millionen Menschen versuchen, zu einer Union zusammenzuwachsen. Dabei muss man gar nicht weit reisen und schon trifft man auf jemanden, den man einfach nicht versteht, der ganz andere Dinge isst und trinkt, die man selbst nicht einmal kennt, der andere Lieder singt, andere Helden verehrt, Zeit ganz anders wahrnimmt, andere Träume hat und gegen ganz andere Dämonen der Vergangenheit ankämpft.

Doch werden genau diese grundsätzlichen Unterschiede nie, oder nur ganz selten, angesprochen. Sie werden von Reden verdeckt, die alle Europäer als eine ganz natürlich zusammengeschweißte Gemeinschaft darstellen, die gemeinsam dem Rest der Welt trotzt. Dabei hat ein Schwede sicher viel mehr mit einem Kanadier oder einem Neuseeländer gemeinsam als mit einem Ukrainer oder einem Griechen.

Möglicherweise sind unsere kulturellen Unterschiede dafür verantwortlich, dass die Geschichte Europas eine so feindselige und gewaltsame Geschichte ist. Man nehme nur einmal die zwei entsetzlichsten Kriege, die sich die Menschheit bisher geliefert hat, und die im Grunde genommen europäische Bürgerkriege waren.

Und dennoch könnte man den Eindruck bekommen, dass all das in Vergessenheit geraten, verdrängt wurde oder unbekannt ist. In einem solchen Maße, dass der europäische Diskurs, den man uns mit der Fahne, Beethoven und Eurovision tagtäglich auftischt, nur noch wenig mit der europäischen Wirklichkeit zu tun hat. Vielmehr scheint es sich dabei um reine Propaganda für ein Projekt zu handeln, das selbst alle kulturellen oder mentalen Unterschiede wissentlich ausblendet. Dabei sind gerade diese doch deutlich größer als unsere materiellen oder finanziellen Differenzen.

Das Europa, das wir einfach nicht wahrhaben wollen

Die Wirklichkeit sieht so aus: Es musste eine europaweite Krise kommen, damit wir die Augen öffnen und begreifen, wie tief der Abgrund ist, der zwischen Diskurs und Realität klafft. Zu unser aller Erstaunen entdeckten wir mit der Krise, dass es Menschen gibt, die noch nie ihre Steuern gezahlt haben, meinen, dass andere doch für ihre Schulden aufkommen sollen, und denjenigen, die ihnen die Hand reichen, obendrein noch Tyrannei vorwerfen. Wir wussten nichts von der Existenz solcher Europäer und wollen das auch nicht wahrhaben. Doch ist das leider die Wirklichkeit. Und sie ist auch nicht von gestern.

Wer außer den Experten wusste vor einem Jahr schon, was Klientelismus ist? Ich habe eine kroatische Freundin, die seit Beginn des Jahres Ministerin ist. Kein besonders wichtiges Ministerium, nein, aber immerhin. Ich fragte sie, wie viele Beamte auf Lebenszeit auf der Arbeitnehmerliste des Ministeriums stehen. Fünfhundert. Fünfhundert? Für ein Land wie Kroatien scheint die Zahl doch recht hoch. Wie viele Mitarbeiter sie bräuchte, um das politische Programm auszuarbeiten und dieses dann umzusetzen? Die Antwort trifft mich wie ein Blitz: Dreißig. „Und spielst Du mit dem Gedanken, die anderen 470 zu entlassen?“

Die Ministerin schaut mich (zwar nicht blonden aber dennoch) nördlich der Alpen aufgewachsenen Einfallspinsel mit einem gleichzeitig einfühlsamen und zynischen Blick an. Nein. Schließlich hat sie nicht die Absicht, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Zumal sie einen Sohn hat, der jeden Tag zu Fuß zur Schule geht. Und ein Unfall passiert schneller als man denkt. Und selbst wenn meine Freundin ihr Amt niederlegt, werden sich fast 500 Beamte weiterhin Tag für Tag in Büros begeben, die nicht existieren, um Arbeiten zu bewältigen, die gar nicht auf sie warten. Allein die Gehälter, die sie einstreichen, gibt es in der wirklichen Welt.

So sieht unser Europa aus. Und vergesst nicht, dass der Norden nicht weniger merkwürdige Eigenheiten hat als der Süden, und der Osten im Vergleich zum Westen, und umgekehrt. Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Europa ist eine äußerst zerbrechliche Honigwabe kultureller, historischer und mentaler Kleinstaaterei. Nicht mehr und nicht weniger. Europäer ähneln einander einfach nicht. Und trotzdem stellen wir uns Europa nicht so gern als Honigwabe vor, sondern vielmehr als – verzehrfertiger – Honigtopf. (jh)

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