Es gibt nur wenige Orte in Europa, an denen die Grenze historisch und in den Köpfen noch sehr präsent ist, aber physisch völlig aus der Landschaft verschwunden ist. Es ist daher kein Zufall, dass Nova Gorica und Gorizia (dt Görz) die ersten beiden Städte waren, die sich 2025 den neu geschaffenen Titel „Europäische Hauptstadt der grenzüberschreitenden Kultur” teilten.
Auf der einen Seite Nova Gorica, eine Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien praktisch aus dem Nichts entstanden ist; auf der anderen Seite Gorizia, eine tausendjährige Stadt, die zum Habsburgerreich gehörte, nach dem Ersten Weltkrieg an Italien fiel und nach der Niederlage des faschistischen Italiens um mehrere Stadtteile und ihr Hinterland verkleinert wurde.


Die Mauer – eigentlich eher ein hoher Stacheldrahtzaun –, die die Stadt teilte und die Grenze zu Jugoslawien markierte, war zwar weit weniger berühmt als die Berliner Mauer, aber dennoch deutlich sichtbar auf dem Bahnhofsplatz, wo sie die Reisenden empfing, die in Nova Gorica ankamen.
Der Zaun wurde ab 2004, als Slowenien der Europäischen Union beitrat, schrittweise abgebaut. Seit dem Beitritt des Landes zum Schengen-Raum im Dezember 2007 ist die Grenze nur noch symbolisch vorhanden. Heute erinnern noch eine am Boden des Bahnhofsvorplatzes verankerte Gedenktafel und Überreste des Zaunfundaments daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der sich hier zwei Visionen von Europa und der Welt gegenüberstanden.

Der Ort ist zu einem Symbol für das Ende des Kalten Krieges und die europäische Einheit geworden. In Grüppchen stehen an diesem Tag im Spätherbst Touristen und Touristinnen Schlange, um sich mit einem Fuß auf jeder Seite der Demarkationslinie fotografieren zu lassen.
Heute leben hier Slowen*innen und Italiener*innen friedlich miteinander. Auch wenn die beiden Städte so sehr miteinander verschmolzen zu sein scheinen, dass man zumindest zu Fuß von einer Stadt zur anderen gelangen kann, ohne es zu merken, erinnert noch manches daran, dass dies nicht immer so war – und die Grenze in den Köpfen doch noch nicht vollständig verschwunden ist.
„Es ist schwierig, von einer echten Versöhnung zu sprechen, solange Mussolini noch Ehrenbürger von Gorizia ist und der Veteranenverband der X MAS [eine Eliteeinheit des Salò-Regimes] bei Gedenkfeiern im Rathaus weiterhin willkommen ist”, erklärt Luka Lisjak Gabrijelčič, Historiker, Politologe und Direktor des Kulturmagazins Razpotja aus Nova Gorica.


„Und auf der anderen Seite der Grenze“, fährt er fort, auf dem Berg Sabotin, der die Stadt überragt und Schauplatz einer blutigen Schlacht im Ersten Weltkrieg war, „ist die Inschrift TITO immer noch gut sichtbar zu erkennen - nicht etwa als Relikt aus der Vergangenheit, sondern als Hommage, die dem Gründer und Führer (1953-80) des sozialistischen Jugoslawiens (1945-92) vor rund zehn Jahren hier erwiesen wurde. Als würde sie sich Tito entgegensetzen, leuchtet wenige Meter entfernt nachts eine italienische Trikolore. Hier ist die Grenze also noch immer sehr real.
„Nach dem Beitritt Sloweniens zum Schengen-Raum hofften viele, dass sich die beiden ‘Partnerstädte’ endgültig zu einem einzigen grenzüberschreitenden Stadtgebiet zusammenschließen würden”, erklärt Gabrijelčič. „Diese Erwartungen wurden jedoch enttäuscht: Auch 15 Jahre nach dem Beitritt hört man oft, dass die am schwierigsten einzureißenden Mauern, die in den Köpfen der Menschen sind.”

Ein Eindruck, den der Bürgermeister von Nova Gorica, Samo Turel, in Bezug auf die doppelte Kulturhauptstadt Europas bestätigt: „Mit diesem Projekt geht für die Bewohner*innen beider Seiten ein 40 Jahre alter Traum in Erfüllung. Gibt es einen besseren Weg, um die noch bestehenden Grenzen in unseren Köpfen und Kulturen zu überwinden?” Anlässlich der 33. Konferenz von Eurozine, einem Netzwerk europäischer Kulturmedien, zu dem auch Voxeurop gehört, erinnerte Turel daran, dass eben diese Grenze nicht nur „in das Fleisch der Bevölkerung gefurcht wurde […] sondern auch Bauernhöfe von ihren Scheunen, Innenhöfe von Gebäuden und Friedhöfe voneinander trennte.”
Die Veranstaltung wurde von Razpotja im EPIC-Zentrum organisiert, das direkt an der italienischen Grenze liegt und sich der Geschichte des 20. Jahrhunderts widmet – ein Ort, den Mija Lorbek, Direktorin von Nova Gorica/Gorizia, Kulturhauptstadt Europas, als „Niemandsland” bezeichnet. Aus dem Wunsch heraus, diese physische und mentale Trennung zu überwinden, haben die beiden Städte das Konzept der grenzüberschreitenden Kulturhauptstadt ins Leben gerufen, erklärt sie.

„Ich denke, dass dies für beide Städte eine wichtige Erfahrung war. Kultur ist zu einem wichtigen Aspekt des Alltagslebens in Nova Gorica und Gorizia geworden, und das Bewusstsein für ihre Bedeutung hat in beiden Städten zugenommen”, pflichtet Gabrijelčič ihr bei. „Vor allem aber haben beide Städte erkannt, dass sie einem breiteren Publikum wichtige Geschichten zu erzählen haben. Geschichten, die für das heutige Europa nach wie vor relevant sind. Mehr noch als in der Vergangenheit.”
Man könnte versucht sein, von einer „Wiedervereinigung” zu sprechen, nach dem Vorbild so vieler anderer Städte, die durch Kriege und Verträge geteilt und dann wieder vereint wurden, aber der Fall von Nova Gorica und Gorizia ist anders und – auf seine Weise – einzigartig.
Bei der Festlegung der Grenze zwischen Italien und der Sozialistischen Republik Slowenien im Rahmen des Vertrags von Paris im Jahr 1947 wurde beschlossen, dass in Gorizia die Trasse der transalpinen Eisenbahnlinie, die Triest mit Linz in Österreich verband und die nördliche Grenze der Stadt markierte, beibehalten werden sollte. Der Bahnhof von Gorizia war somit praktisch das erste Gebäude in der neuen sozialistischen Vorzeigestadt, die Marschall Tito, der Jugoslawien bis zu seinem Tod im Jahr 1980 führen sollte, in Sichtweite des Westens errichten wollte.
Die neue Stadt wurde nach einem Plan des slowenischen Architekten Edvard Ravnikar, einem Schüler von Le Corbusier, erbaut und war vom damals vorherrschenden Rationalismus inspiriert. Nach Titos Vorstellung sollte sie zu einem Schaufenster des Sozialismus werden. Der Kontrast zum barocken Gorizia hätte größer nicht sein können. Junge Menschen aus ganz Jugoslawien, die „mladinici”, beteiligten sich am Bau des neuen Stadtzentrums, dessen zentrale Fußgängerzone eine der ersten in Europa war.
Das Herzstück von Nova Gorica bildet die Esplanade, an der das Nationaltheater und das Rathaus liegen. Das vom Architekten Vinko Glanz entworfene Rathaus trägt Symbole, die an die jüngste Geschichte erinnern, wie beispielsweise die vier Skulpturen im Stil des Sozialistischen Realismus an der Fassade – an der die beiden „Rebellen“ natürlich in Richtung Italien blicken. Auch das Fresko von Slavko Pengov im Ratssaal gehört dazu. Es illustriert die Geschichte der Primorska (der Region Nova Gorica) und widmet der italienischen Besatzung (1916-1943) und den darauf folgenden Angriffen viel Platz. Der Legende nach werden italienische Gäste, die an dem langen Tisch davor Platz nehmen, systematisch gebeten, sich mit Blick auf das Wandgemälde zu setzen - was natürlich Bände spricht.

„Die historischen Darstellungen bleiben gegensätzlich und betonen die Gewalt – die allerdings eher verbaler und symbolischer als physischer Natur ist. Andererseits gibt es immer mehr Initiativen, die den Dialog zwischen diesen unterschiedlichen Interpretationen unserer Geschichte fördern und versuchen, sie als Elemente einer vielschichtigen Realität darzustellen”, betont Luka Lisjak Gabrijelčič.
Eine Annäherung, die die Bewohnenden der beiden siamesischen Zwillingsstädte offenbar tief verinnerlicht haben. Der Beweis dafür wurde ihnen geliefert, als die physische Barriere, die seit Februar 2004 verschwunden war, im März 2020 plötzlich wieder auftauchte. „Die Covid-19-Pandemie war ein Wendepunkt“, erinnert sich Gabrijelčič.
„Von einem Tag auf den anderen stand die Mauer – im wahrsten Sinne des Wortes, denn es wurde ein Metallzaun errichtet – wieder da. Familien wurden getrennt; viele Menschen konnten die Grenze nicht mehr überqueren, um zur Arbeit zu gehen oder Freunde und Verwandte zu besuchen. Das war ein traumatischer Moment, der uns klargemacht hat, dass die beiden städtischen Realitäten tatsächlich schon viel enger miteinander verbunden waren, als wir dachten.”


In den letzten Jahren habe sich dieses Bewusstsein in zahlreichen gemeinsamen Projekten niedergeschlagen, fährt er fort. Die Pandemie hat jedoch einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: Die während der Covid-Zeit eingeführten Polizeikontrollen an der Grenze bestehen weiterhin, nun allerdings unter dem Vorwand der Bekämpfung der Einwanderung.
Am Abend hält auf italienischer Seite am Grenzübergang Erjavčeva ulica/Via San Gabriele, dem einzigen Straßenübergang zwischen den beiden Städten, ein Beamter die wenigen Autos an, die nach Gorizia einfahren, und lässt sie nach einigen Routinefragen passieren. Im Gegensatz zu seinem spärlich beleuchteten Wachhäuschen wurde das slowenische Wachhäuschen allerdings in ein Kultur- und Kunstzentrum umgewandelt. Dort sollen die Bewohnenden dieser „beiden Städte-Gemeinschaften, die nebeneinander und doch in parallelen Realitäten leben”, ihre gemeinsamen Erinnerungen wiederentdecken.
🤝 This article was written as part of the European PULSE project. György Folk (EUrologus/HVG) contributed to it.
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