Ideen Invasion der Ukraine

Wir Russen sind Waisenkinder der Geschichte

Putin führt Kriege, den Menschen ist es egal. Woher rührt die Gleichgültigkeit der Russen? Von Sergei Lebedew

Veröffentlicht auf 1 März 2022 um 14:35

Es gibt eine These, die für die liberale russische Opposition zu einem Credogeworden ist. Russland ist in zwei Teile gespalten: Es gibt zum einen das offizielle Russland als Staat, eine Art Ober flächen-Phantom, und zum andern das echte, bodenständige Russland, das im Verborgenen lebt und die autoritäre Ausrichtung des Putin-Regimes keineswegs teilt.

Darauf spielt auch der Name der Oppositionspartei Drugaja Rossija (Das andere Russland) an und ebenso der populäre Protest-Slogan „Wy nas dashe ne predstawljaete“, der in seiner Doppelbedeutung „Ihr kennt / Ihr vertretet uns doch gar nicht“ auch auf den Betrug bei den Dumawahlen zielt.

Kollabiert wie ein Kartenhaus

Die These vom zweifachen Russland stützt sich auf den Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991. Da ruhte ein Koloss fest in sich selbst, und plötzlich brach er zusammen, als wäre er aus Pappmaché. Unter den Trümmern kamen Menschen hervor, die ganz anders und der „Sache der Partei und der Regierung“ keineswegs so ergeben waren, wie es die sowjetischen Medien einst dargestellt hatten. Die Armee weigerte sich, auf das eigene Volk zu schiessen, der machtvolle KGB war wie gelähmt, die allmächtige KPdSU fiel zusammen wie ein Kartenhaus.Alle waren sie tatsächlich anders, und es blieb nur, dies anzuerkennen, die Uhren auf eineneue historische Zeit umzustellen.

Dieses Bild einer friedlichen Revolution fast ohne Blutvergießen und Gewalt, die von historischen Kräften selbst vollzogen wird, wurde für die meisten russischen Intelligenzler emblematisch. Auf paradoxe Weise rechtfertigte es ihr Verhalten in der späten Sowjetzeit: Anpassung statt Widerstan gegen die Staatsgewalt, Politikverdrossenheit, Selbsterhaltung, Kollaboration.

Und tatsächlich: Man hatte keine Widerstandsbewegung wie die polnische Solidarnosc oder die anti sowjetischen Untergrundbewegungen in der Ukraine oder Litauen. Man formulierte keine alternative politische Agenda und erlangte trotzdem die Freiheit. Nicht weil man das Gefängnis zerstört hatte, sondern weil es unter dem eigenen Gewicht zusammengebrochen war.

In ungefähr dieser Gestalt sieht die Mehrheit der russischen Opposition den Moment des Transits vom Russland unter Putin zum Russland nach Putin. Wenn man fragt, warum die Gesellschaft kaum auf Wahlbetrug, Wirtschaftsverbrechen oder die widerrechtliche Aneignung der Krim reagiert, lautet die Antwort: Die Leute sind niedergeschlagen. Aber so bald wieder Tauwetter ist ... Auf der Grundlage der historischen Erfahrung soll man glauben, „Putins Mehrheit“ sei eine optische Täuschung. Und wenn die gegenwärtige russische Regierung falle, dann werde sich die Szene von 1991 wie derholen: eine Abkehr von der früheren Identität und ein Zusammenbruch der bisherigen politischen Strukturen.

Vergessen geht dabei, wie schnell sich in Russland nach 1991 autoritäre Strukturen und Herrschaftspraktiken regenerierten. 1993 befahl Boris Jelzin, das „rote“ Parlament mit Panzern zu beschiessen, 1994 begann er einen Krieg in Tschetschenien und führte Russland zurück auf den Pfad imperialer Gewalt. Die Menschen akzeptierten es einfach.

Die Pandemie als Gradmesser

Es scheint mir, dass die betrüblichen Eigentümlichkeiten der politischen Ord nung im postsowjetischen Russland den systemischen Defiziten seiner gesellschaftlichen Moral erwachsen. Der "Grad an Moral" einer autoritär regierten Gesellschaft lässt sich schwer messen. Aber die Extremsituation der Corona Krise wirkt wie ein Entwicklerbad und macht vieles erst richtig erkennbar.

Die Pandemie führte zu einem paradoxen Effekt: Die Staatsorgane und die liberale Öffentlichkeit fanden sich als Befürworter der Schutzmassnahmen unerwartet in einem Lager wieder – gegen eine Mehrheit, welche die Gefahr des Virus leugnete oder sie herunterspielte und die Hygienemassnahmen sabotierte.

Die Impfmuffel und Maskenverwei gerer lassen sich kaum kategorisieren: Frau oder Mann, Jung oder Alt, Reich oder Arm; jeder kann es sein. Die Obrig keit kapituliert notgedrungen und tut so, als habe alles seine Ordnung. So hat sich in Russland eine erstaunliche Solidarität herausgebildet – die verquere Einigkeit derjenigen, die nach den Gesetzen der natürlichen Auslese zu leben bereit sind. Von Leuten, die einen Hang zur Verantwortungslosigkeit, zur Verschwörungstheorie, zur Leugnung von Fakten haben – nur um keine persönlichen Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen.

Bei ihnen sind die russischen Macht haber auf eine bisher unerkannte Grenze gestossen: Ohne Anwendung direkter und unerbittlicher Gewalt ist diesen Leuten nicht beizukommen (und wenn, dann mit unsicherem Erfolg). In der UdSSR wäre eine Massenimpfung wahrscheinlich frag- und widerstandslos akzeptiert worden: Das ist der natürliche Vorteil totalitärer Systeme. Das Putin-Regime aber ist gezwungen, sich mit der Protest stimmung der Mehrheit zu arrangieren.

Die historische Ironie der Situation liegt darin,dass die fehlende gesellschaftliche Solidarität und Empathielosigkeit stets die Stütze des Regimes war. Wie kein anderer vermag Putin,sich die Indifferenz der Menschen zunutze zu machen, sie hat ihn recht eigentlich gross gemacht. So stehen auch das Verbot der Menschenrechtsorganisation Memorial und die militärischen Drohgebärden gegen die Ukraine in tiefer Resonanz zu der Ablehnung der Corona-Massnahmen.

Memorial, eine der ältesten und angesehensten NGO Russlands, war Ende der achtziger Jahre gegründet worden, um die stalinistischen Verfolgungen zu erforschen und das Gedenken an die Millionen von Opfern zu pflegen. Von Anfang an erkannte Memorial die Grenzen seiner Möglichkeiten und proklamierte daher auch den Verzicht auf die juristische Verfolgung der Verbre cher. Stattdessen sorgte man dafür, dass an den Orten von Massengräbern Denkmäler und Mahnmale errichtet wurden, man erstellte Listen der Verfolgten und Ermordeten, es gab zivile Gedenkfeiern. Leider aber wurde die NGO nie zu einer Bewegung, die von der breiten Bevölkerung getragen wurde.

Wen kümmert die Ukraine?

Nichtsdestoweniger ist Memorial als Hüter der Erinnerung an sowjetische Ver brechen für die Staatsgewalt ein Ärgernis. Putin begründet seine geopolitischen Ansprüche moralisch mit dem Sieg über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg und der daraus resultierenden globalen Vormachtstellung des Sowjetimperiums. Zu unterstreichen, dass das kommunistische System verbrecherisch war, ist deshalb ein Zeichen von Renitenz.

Es ist bemerkenswert, dass die Zerschlagung des einzigen alternativen Gedächtnisses der Nation keine Massenproteste ausgelöst hat. Wie allerdings sollte man Empathie für die Toten einer fernen Vergangenheit erwarten, wenn es in Russland kaum Empathie für den Nächs ten, den Nachbarn und den Mitbürger gibt? Der aggressive Aufmarsch russischer Truppen an den ukrainischen Gren zen wird von weitenTeilen der russischen Gesellschaft genauso wenig bemerkt wie die Liquidierung von Memorial.

Der seit 2014 andauernde hybride Krieg Russlands gegen die Ukraine wurde nie zum moralischen Angelpunkt der politischen Agenda der russischen Opposition. Selbst der führende Kopf der Opposition, Alexei Nawalny, wollte lie ber nur die Korruption als massgebliche Bedrohung für die europäische Sicherheit gelten lassen. Bewusst oder unbewusst vertrat er eine Wertehierarchie, die Wirtschaftsverbrechen höher gewichtet als die Bedrohung menschlichen Lebens.

Eigentlich kennen wir das alles von den Tschetschenienkriegen. Es wurden damals massive Kriegsverbrechen begangen, die wohl dokumentiert sind; es leben noch jene, die Befehle erteilten, und jene, die sie ausführten. Aber keine oppositionelle Kraft hat jemals den Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit erhoben. Die Opfer massenhafter „Säube rungsaktionen“ können nicht mit dem Mitgefühl der Russen rechnen.

In Kiew, unweit des Maidan, wo im Winter 2013/14 Menschen im Protest gegen das korrupte prorussische Regime von Viktor Janukowitsch ihr Leben lies sen, steht eine Mauer der Erinnerung. Daran hängen auch Fotos von ukrainischen Soldaten, die bei Gefechten mit russischen Soldaten und prorussischen Kämpfern in Donbass ums Leben kamen. Es waren ungefähr sechstausend. Davor zu stehen, ist für mich fast unerträglich. Ich kann weder Blumen niederlegen noch weinen – ich bin Bürger des Landes der Aggressoren; ich weiss nicht, wie ich eine Schuld wiedergutmachen kann, die meine Mitbürger nicht anerkennen wollen, und ich glaube auch nicht, dass ein künftiger Präsident meines Landes hier auf die Knie sinken wird, wie es Willy Brandt einst am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto getan hat.

Die allgemeine Gefühlskälte

Woher aber kommt diese tiefe russische moralische Blindheit und Taubheit, die Entfremdung der Russen von Vergangenheit und Gegenwart?

Der postsowjetische Mensch in Russ land empfindet sich als Waisenkind der Geschichte. Der Zusammenbruch des Imperiums brachte nicht nur den Ver lust des messianischen Status der russischen Nation, die brachialen Wirtschaftsreformen der neunziger Jahre fuhren ihm als Schock und Demütigung in die Knochen.

Vor und nach 1991 ging es ums Über leben, so dass der Sinn für Einfühlung und Mitleid, Erinnerung und Moral ver kümmerte.Als „Unfähigkeit zu trauern“ haben Alexander und Margarete Mitscherlich die Weigerung der deutschen Nachkriegsgesellschaft beschrieben,sich mit dem Grauen der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Frage stellt sich für Russland, wie die Menschen einen Ausweg aus der emotionalen Erstarrung finden und wer der Geburtshelfer einer neuen Zeit sein wird.

👉 Originalartikel auf Neue Zürcher Zeitung


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